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Ein Leben zwischen Castro und der CIA

Lieber Fidel…“, so beginnt Marita Lorenz einen Brief an den kubanischen Staatschef unmittelbar vor dem erhofften Wiedersehen. Unsicher, ob Castro sie empfangen wird, besucht sie im Frühjahr 2000 zusammen mit ihrem Sohn Mark die Insel, deren Schicksal auf sonderbare Weise mit dem ihrigen verwoben ist. Begleitet werden sie auf dieser Reise in die Vergangenheit von dem Regisseur Wilfried Huismann.
Als Tochter eines Kapitäns liebt Marita das Meer und genießt die Zeit, die sie mit ihrem Vater auf See verbringen kann. 1959, Marita ist 19, legen sie vor Kuba an. Castro, ganz stolzer Krieger – gerade mal ein paar Wochen liegt die Revolution zurück – besucht das deutsche Schiff namens Berlin und verspricht der schönen jungen Frau mit großem Gestus, sie zur „Königin Kubas“ zu machen. Sie verliebt sich, bleibt bei ihrem cubano barburito und erwartet schon bald ein Kind. Im sechsten Schwangerschaftsmonat wird sie zu einer Abtreibung gezwungen – ist die CIA der Drahtzieher oder ist es Fidel Castro selbst? Tief enttäuscht und voller Wut über Fidels erkaltete Liebe kehrt Marita in die USA zurück und kommt der CIA im Kampf gegen Castro wie gerufen. Wer als Kind Bergen-Belsen und eine Vergewaltigung überlebt hat, scheint der CIA für die Arbeit als Geheimagentin prädestiniert.

Giftkapseln im Handgepäck

In Kooperation mit der Mafia und mit dem Auftrag Castro zu töten, reist Marita erneut nach Kuba. Im letzten Moment spült sie jedoch die tödlichen Kapseln ins Bidet, im vollen Bewusstsein, dadurch als Mitwisserin eines Regierungsverbrechens der USA nun endgültig in die Fänge der CIA geraten zu sein. „Man kommt leicht in die CIA hinein, aber raus kommst du nur auf einem Weg: im Sarg“, sagt Marita. Fortan trainiert sie in den Sümpfen der Everglades für den Krieg gegen Kuba und führt ein Leben als happy bandit im Regierungsauftrag. Sie macht keinen Hehl daraus, dass sie Vergnügen daran fand, Flugblätter über Havanna mit der Losung „Nieder mit Fidel“ abzuwerfen, und abenteuerlustig genug war, handschriftlich ein „Ich liebe dich“ hinzuzufügen.
Maritas unbeständiges Leben birgt auch weiterhin ungeahnte Wendungen: Aus einer Begegnung mit dem für seine Grausamkeit bekannten vormaligen Diktator Venezuelas General Marcos Pérez Jiménez, der Sabotageaktionen gegen Kuba finanzierte, geht Tochter Mónica hervor. Die Ehe mit einem FBI-Agenten beschert ihr Sohn Mark und die wohl ruhigsten Jahre ihres Lebens. Getarnt als Hausmeister spioniert die Familie Ostblock-Diplomaten aus.

Mit dem Mörder Kennedys unterwegs nach Dallas

Dieses beschauliche Leben ist 1976 jäh vorbei, als Marita vor den Ermittlern des Untersuchungsausschusses zur Ermordung J. F. Kennedys aussagt, sie sei im November 1963, wenige Tage vor der Ermordung des Präsidenten, zusammen mit ihrer Einheit nach Dallas gefahren. Zu der Einheit gehörte auch Lee Harvey Oswald. Mit dieser Aussage verspielt sie ihren Job beim FBI. Von nun an ist sie damit beschäftigt, ihr eigenes und das Leben ihrer Kinder zu schützen.
Soweit ihre Lebensgeschichte, die wir aus Interviews mit verschiedenen Gesprächspartnern und durch schemenhafte Rückblenden erfahren, was dem Film mitunter eine eigenwillige Skurrilität verleiht. In der Verknüpfung von Dokumentation und szenischem Filmmaterial bleibt die Chronologie der Ereignisse erhalten und macht es dem Zuschauer leicht, den Geschehnissen zu folgen und sie in einen Zusammenhang zu bringen.
Eine verrückte Geschichte: Maritas Leben ist wie ein Spiegel der politischen Spannungen und Verwerfungen dieses Jahrhunderts – vom Nationalsozialismus in Deutschland über die Revolution in Kuba und den Kalten Krieg bis hin zur Ermordung Kennedys.
Ohne mit der Wimper zu zucken erzählt diese Frau im gleichen Atemzug von ihrer unendlichen Liebe zu Fidel und ihren Sabotageaktionen gegen Kuba. Mühelos wechselt sie die Fronten, stolpert in die höchsten politischen Kreise und scheint in dieser Hinsicht trotz ihrer zynischen Art erstaunlich naiv.
Wir beobachten Marita schließlich bei dem Unternehmen „Lieber Fidel“: Noch einmal – möglicherweise zum letzten Mal – bricht sie nach Kuba auf, in der Hoffnung auf eine Aussöhnung mit ihrer großen Liebe, die zwar ihr „Leben versaut hat“ (Marita), die aber immer noch in ihr lebt.

Lieber Fidel – Maritas Geschichte. Regie: Wilfried Huismann; Deutschland 2000; Farbe, 90 Minuten.

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