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„Eine andere Gesellschaft ist möglich“

Das 13. Nationale Treffen findet anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Landlosenbewegung Movimento dos Sem Terra (MST) statt. Wie bist du eigentlich zur MST gekommen?
1962 enteignete die linke Regierung [unter Leonel Brizola Anm. d. Redaktion] des Bundesstaates hier ein großes Gebiet namens Fazenda Sarandi. Damit wurden Siedlungen für circa 1000 Familien geschaffen. Auch mein Vater erhielt damals ein Stück Land, auf welchem ich aufwuchs. Aber nach dem Putsch 1964 stoppten die Militärs diese ersten Schrittte in Richtung einer Landreform. Erst Ende der 1970er Jahre entstand eine große Demokratiebewegung, welche die gesamte Gesellschaft einschloss und veränderte. Zur gleichen Zeit entstand hier an der Straßenkreuzung Encruzilhada Natalina in der Gemeinde Ronda Alta das erste Zeltlager. Dieses Zeltlager war eine der ersten Besetzungen der Bewegung. Da meine Familie in der Nähe wohnte, war es selbstverständlich, dass wir diese Leute unterstützten. Nach der ersten Nationalversammlung 1984 begannen wir, weitere Besetzungen im Gebiet Sarandi vorzubereiten. Ich selbst lebe dort in einer Kooperative.

Welchen Beitrag hat die MST deiner Meinung nach in den letzten 25 Jahren für die brasilianische Gesellschaft geleistet?
Die MST ist die einzige bäuerliche Widerstandsbewegung in der 500-jährigen brasilianischen Geschichte, welche über 25 Jahre lang existiert. Aber unser Beitrag ist viel grundsätzlicher als nur die Thematisierung der Landfrage. Meiner Meinung nach ist unser wesentlicher Beitrag unsere Erfahrung – für die Linke und die Gesellschaft –, dass ein kollegialer und kollektiver Organisationsprozess möglich ist. Die Erfahrung, dass die Emanzipation der Menschen möglich ist. Und letztlich die Erfahrung, dass es möglich ist, eine Gesellschaft anders zu gestalten.

Du warst selbst in der Politik aktiv, von 1999 bis 2004 warst du der Vertreter der MST bei der Regierung von Rio Grande do Sul. Wie ist das Verhältnis der Bewegung zur institutionalisierten Politik heute?
Ich glaube, dass die MST es bis heute immer geschafft hat, ihre Autonomie gegenüber der Politik, den Gewerkschaften und anderen Bewegungen zu wahren. Aber zumindest in der Zeit vor der Wahl von Luiz Inácio Lula da Silva zum Präsidenten hat die brasilianische Linke immer eine gewisse nationale Verbundenheit empfunden. Man glaubte, dass Veränderungen mit einer Regierung der Arbeiterpartei PT möglich wäre und es gab eine gemeinsame Strategie, um den sozialen Wandel voranzutreiben.
Hier in Rio Grande do Sul gab es damals eine der ersten PT-Regierungen, von der wir dachten, sie würde etwas bewegen. Daher entschlossen wir uns, drei bis vier Leute freizustellen, um dauerhaft mit der Landesregierung zusammenzuarbeiten.Heute nehmen wir die Situation anders wahr. Ich glaube, die Erfahrungen, die wir hier und in anderen Bundesstaaten sammeln konnten, halfen uns schon während der Phase der Regierungsbildung von Lula abzuwägen, dass wir bei dieser Regierung nicht mitmachen werden.

Aber gab es dieses Angebot von Seiten der Regierung Lula?
Ja. Zur ersten Amtszeit gab es eine große Bereitschaft, die MST einzubinden. Aber wir erwarteten bereits das, was letztlich auch eintrat. Wir können viel mehr zu einem sozialen Wandel beitragen, solange wir nicht in die Regierung eingebunden sind. Meiner Meinung nach war das die richtige Entscheidung. Ich glaube, dass deshalb unsere Bewegung immer noch existiert. Hätten wir bei der Regierung Lulas mitgemacht, hätten wir uns ebenso anpassen müssen und wären instrumentalisiert worden, so wie andere soziale Bewegungen Brasiliens.

Welches sind deiner Meinung nach die größten Herausforderungen für die Bewegung?
Die größte Herausforderung, die wir heute haben, ist die politische Bildung. Wir brauchen fähige Mitglieder, die mehr als nur die Landfrage kennen. Sie müssen eine Ahnung von der Funktionsweise der Gesellschaft haben.
Die andere große Herausforderung ist, in der Gesellschaft unsere Rolle als Landlose und Bauern zu überwinden, wenn wir mehr Einfluss auf die Gesellschaft haben wollen. Es gibt heute keine großen Mobilisierungen mehr. Unsere zentrale Aufgabe ist es, die Gesellschaft und die Massen zu beleben und aufzuwühlen. Erst dann wird es möglich sein, gemeinsam eine neue Gesellschaft gestalten.

Und welche Rolle spielt dabei der Sozialismus?
Ich denke, in Brasilien gibt es eine sehr oberflächliche, abgedroschene Vision davon, was Sozialismus ist. Natürlich kennen die Leute die Erfahrungen in anderen Ländern, aber nicht die Inhalte. Die eigentliche Frage ist nicht nach dem Sozialismus. Ich denke, dass das eigentliche Thema die brasilianische Revolution ist.

Was bedeutet dann also ein fundamentaler Wandel der Gesellschaft?
Das bedeutet, dass in Zukunft die Arbeit, das Sein, das Individuum oder der Mensch im Mittelpunkt der gesellschaftlichen Entwicklung steht und nicht nur bloß als eine Ware oder Ressource gilt. Es geht um die Art und Weise, wie sich Menschen organisieren. Meiner Meinung nach kann es darauf nur länderspezifische Antworten geben, denn jedes Land hat seine eigene Realität.

Welche Rolle spielt der politische Aktivismus dabei für die Bewegung?
Der politische Aktivismus in Brasilien ist in Auflösung begriffen. Die PT hat die Idee des Klassenkampfes verraten. Der linke Widerstand insgesamt ist demotiviert. Viele haben sich korrumpieren lassen. Die Linke ist in der Krise und dies spürt die MST auch.
Solange wir uns nur darum bemühen, unsere Kooperativen, unsere Zeltlager und Siedlungen oder Leute für Besetzungen zu organisieren – was wir auch weiterhin machen müssen – werden unsere Möglichkeiten und Erfolge beschränkt bleiben. Das ist frustrierend. Unsere Aktivitäten müssen sich daher an andere Sektoren der Gesellschaft richten. Deshalb brauchen wir auch eine internationale Perspektive und eine globale Bewegung des Wandels. Wir haben in den letzten Jahren erkannt, dass auch eine brasilianische Revolution nicht in einem isolierten nationalen Kontext möglich ist. Wir müssen enger zusammenarbeiten als wir dies die letzten 25 Jahre gemacht haben. Ich denke, dass wir viele Gemeinsamkeiten mit der Ökologiebewegung, mit Umweltbewegungen und auch mit sozialen Bewegungen im städtischen Raum haben. Es geht um ein gemeinsames Nachdenken über gesellschaftlichen Wandel.

Was ist die Perspektive der MST für die nächsten 25 Jahre?
Ich denke, um über die nächsten 25 Jahre fortzubestehen, muss sich die Bewegung ändern. Sie kann nicht so bleiben, wie sie war. Die Bewegung schafft es zwar durchaus, die Agrarreform voranzutreiben, aber im Grunde setzt diese eine tiefer greifende Veränderung der Gesellschaft voraus. Solange sich die Bewegung ausschließlich für eine Agrarreform einsetzt, wird sie keinen Frieden finden und überleben. Um einen Umbruch der Gesellschaft und der Wirtschaftsform voranzutreiben, muss sich die MST aber notwendigerweise öffnen und mit anderen verbünden. Mit mehr Konsistenz müssen wir gemeinsam ein anderes Gesellschafts- und Wirtschaftsmodell entwickeln.

// Interview: Benjamin Bun

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