Chile | Nummer 248 - Februar 1995

Eine Frau in der Hölle

Nach wochenlanger Krankheit glaubte die Chilenin Luz Arce, sie müsse sterben. Sie verlangte nach einem Priester und bat um die Sakramente. Der Priester sagte, er müsse ihr vorher die Beichte abnehmen. Ihr Sündenregister war lang: Sie war eine Verräterin, hatte Menschenleben auf dem Gewissen, hat Mord und Folter des chilenischen Geheimdienstes DINA miterlebt und die Wahrheit nicht herausge­schrien. Luz Arce starb nicht. Der Priester, ein lateinamerikanischer Theologe der Befreiung, führte regelmäßige Gespräche mit ihr. Luz Arce legte ihre Lebens­beichte ab. Ihr 1994 auf deutsch erschienenes Buch „Die Hölle“ ist das Ergebnis dieser schmerzlichen Erinnerungen.

Dieter Maier

Luz Arce war Sozialistin. Über eine persönliche Bekanntschaft wurde sie so etwas wie Sekretärin der Leibwache des sozia­listischen Präsidenten Salvador Allende. Nach dem Putsch 1973 ging sie in den Untergrund. Nach einigen Mo­naten einer recht ziellosen und eher schlecht als recht abgeschirmten Unter­grundarbeit wurde sie verraten und verhaftet. Der Geheimdienst fol­terte sie, und sie hielt stand. Als sie ein­mal mit verbundenen Augen über den Flur eines geheimen Folterzen­trums geführt wurde, schoß ihr ein Sol­dat in den Fuß. Die Geheimdienst­beamten wollten das Risiko nicht ein­ge­hen, sie verbluten zu lassen, denn jedeR tote Gefangene war eine ver­nichtete In­formationsquelle. Die Er­mor­dung von po­li­tischen Gefangenen mußte von höherer Stelle genehmigt wer­den. Deshalb brach­ten sie die Frau in ein Militärkrankenhaus. Sie wollte ster­ben und warf heimlich die Me­dizin weg, damit die Wunde sie ver­gifte. Die Wunde heilte von selbst zu. Ein Pfle­ger, der ihr beim Baden half, zwang sie zu perversen sexuellen Praktiken. Als sie halbwegs genesen war, fuhren Ge­heim­dienstler sie zu ihren Eltern nach Hause, überwachten sie aber weiterhin.
Sie wird zur Kollaborateurin
Einige Wochen später wurde sie zu­sammen mit ihrem Bruder ein zweites Mal verhaftet. Wieder wurde sie ge­foltert und ver­gewaltigt. Ihr Bruder hielt der Folter nicht Stand. Nach sei­nem Zusammen­bruch überredete er sie, gemeinsam mit ihm eine Liste von Unter­grundkämpfern zu­sammen­zu­stel­len. In der Sprache der Fol­ter­zentren „kollaborierten“ die bei­den. Sie achte­ten sorgsam darauf, daß die Liste aus Leuten bestand, die ihrerseits kolla­bo­rierten, im Ausland waren oder eine unter­ge­ordnete Rolle in der sozia­lis­tischen Partei­hierarchie hatten. Einige Men­schen wurden auf Grundlage die­ser Liste ver­haftet; ein paar davon sind bis heute „ver­schwunden“. Da alle anderen in die of­fiziellen chilenischen Ge­fäng­nisse über­führt oder umge­bracht wurden, war Luz Arce bald die­jenige Gefan­gene, die am läng­sten ver­haftet war. Sie wußte viel über die DINA und kannte viele Geheim­dienst­ler. Das war gefährlich. Die DINA kon­nte nicht ris­kieren, sie laufen zu las­sen. Einige Male hatte sie deutliche An­zeichen dafür, daß sie auf der Liste derer stand, die zum „Verschwinden­lassen“ se­lektiert wurden. Durch per­sönliche Be­ziehungen und einiges Glück über­lebte sie.
Als Kollaborateurin genoß Luz Arce einige Privilegien, die den übrigen Ge­fan­genen nicht zukamen. Sie durfte ihre Zel­lentür angelehnt lassen und duschen, wenn auch unter den Augen der Wächter, die aus Jux applaudier­ten, wenn sie sich auszog.
In der Silvesternacht 1974/75 lud der Stell­vertreter des Kommandanten des Fol­ter­zentrums sie zu einem Gläßchen in sein Büro ein, besoff sich und vergewaltigte sie. Gleichzeitig ver­gewaltig­ten die Wach­soldaten die weib­lichen Gefangenen. In­mitten der Schreie und des Stöhnens er­griff Luz Arce eines der schweren Dienst­siegel der DINA, das eine eiserne Faust zeig­te, und schlug den Offizier, der sie ver­gewaltigt hatte, damit nieder. Einen Au­genblick überlegte sie, ob sie sich aus dem offenstehenden Waffenmaga­zin eine Ma­schinenpistole nehmen und die übrigen Ge­fangenen befreien sollte, denn das Wach­personal war nackt und wehrlos. Dann ging sie zu einem Te­le­fon und rief den Kommandanten des Folter­zentrums an, der zu Hause Sil­vester feierte. Der Kom-mandant kam mit einigen Offizieren im Kampfanzug und vorgehaltener Waffe und bereitete der Vergewaltigungsorgie ein Ende. Der Vergewaltiger wurde in ei­nen der engen Kästen gesteckt, die der Fol­ter an Gefangenen dienten, und von da an bedurfte die Vergewaltigung von ge­fang­enen Frauen der Vorabgenehmi­gung. Ord­nung muß sein.
Folterer mit kleinen Schwächen
Die DINA rechnete es Luz Arce hoch an, daß sie nicht die Waffen­kam­mer ge­plündert hatte, sondern den Dienst­weg ge­gangen war. Nach und nach wurde sie zur re­gulären Beamtin des Geheimdienstes. Fünf Jahre lang arbeitete sie für die DINA und die Nach­folgeorganisation CNI. Ihr Buch „Die Hölle“ berichtet von der Rou­tine dieser Geheimdienste, von Mord und Fol­ter, vom Abhören von Telefonen, dem Un­ter­richt der Agenten, dem et­was un­beholfenen Aufbau einer Computer­abteilung, dem Gehabe der führ­enden Of­fiziere, die sich wie Gott­väter vorkamen, von Intrigen und sexuel­len Beziehungen kreuz und quer. Die allmächtige DINA, die nach Gut­dünken eineinhalb tausend Men­schen ver­schwinden lassen konnte, hatte ihre sehr banale Seite. Was nach au­ßen wie die perfekte Terrormaschine wir­kte, war in Wahrheit eine schnell zusam­men­geschusterte, korrupte und mit al­len Feh­lern behaftete militärische Ein­heit. Die DINA-Beamten, deren Iden­ti­tät geknackt wurde – darunter auch Luz Arce selbst – wur­den in Publika­tionen des chilenischen Exils wie Monster dargestellt. Aber es wa­ren Men­schen, die, wenn sie vom Foltern ka­men, ein halbwegs normales Fami­lien­leben zu führen versuchten, die ihre klei­nen Schwächen hatten und sich in Liebes­beziehungen mit den Se­kretär­innen und weib­lichen Gefange­nen verstrickten. Luz Arce schildert alle Beziehungen, die sie mit Geheim­dienst­beamten hatte. Sie kann es sich heute noch nicht ganz verzeihen, daß sie in der Hölle lieben konnte.
Im Exil entsteht ihr Buch
Als 1990 die erste demokratisch ge­wähl­te Regierung nach der Pinochet­dik­tatur eine Kommission zur Doku­mentation der Menschenrechts­verletz­ungen gründe­te, rang Luz Arce sich zu einer Aussage durch. Sie erhielt Drohungen ihrer früh­eren Geheim­dienstkollegen und mußte Chile ver­lassen. Das Buch „Die Hölle“ ist das Ergebnis dieses Exiljahres in Öster­reich.
Luz Arce kennt den Tod. Sie hörte mit ver­bundenen Augen, wie andere Ge­fang­ene starben, drückte erschosse­nen Gue­rilleros die Augen zu, sollte selbst er­mordet werden und war wegen ver­schie­dener Krankheiten mehrfach im Delirium. Es gibt Wochen in ihrem Leben, in denen sie kaum bei Be­wußt­sein war. Nach ihrer Ver­haftung und dem Schuß in den Fuß ver­ging bis heute kein Tag ohne starke kör­perliche Schmer­zen. Diese Erfah­rungen erspart sie den Leserinnen und Le­sern ihres Buches. Die tagelange Elektro­folter wird nur in Andeutungen erwähnt. Statt ihre Vergewaltigungen zu schil­dern, läßt sie lieber eine Lücke im Text. Durch diese Auslassungen und ein­gesprengte christ­liche Reflexionen wird das Buch er­träglich. Das gleich­zeitig in Chile er­schienene Buch ihrer Leidens­genossin Alejandra Merino „Mí Verdad“ bildet den Schrecken 1:1 ab. Ob­wohl auch hier die schlim­mste Fol­ter nicht geschildert wird, wird es kaum jemand ohne Erholungs­pausen lesen können.
Anfang 1992 kehrte Arce nach Chile zu­rück und stellte sich in zahlreichen Men­schen­rechtsprozessen als Zeugin zur Ver­fügung. Diese manchmal tage­langen Ge­richts­termine und Gegen­überstellungen mit den Folterern und über­lebenden Ge­fan­genen waren eine wei­tere Aufarbeitung des Gesche­henen. „Die Hölle“ beschreibt die meist auftrumpfenden, gelegentlich töl­pelhaften und nur selten reuigen Re­aktionen der DINA`Agenten, von denen der erste Teil des Buches han­delt.
Guerilleros sind keine
eisernen Helden
„Die Hölle“ ist nicht nur deshalb ein un­gewöhnliches Buch, weil hier eine Ge­heim­dienstlerin ohne ghostwriter aus­kommt. In Arces Person und Buch kom­men die Perspektiven der Opfer und die der Täter über lange Passagen zur Deck­ung. Berichte über politische Haft sind fast nur aus der Perspektive der Opfer ge­schrieben und neigen dazu, die Täter und ihre Institutionen als nebulöse Monster zu über­zeichnen. Agenten­berichte wiederum sind Knül­ler, die das Leiden der Opfer al­len­falls der Sensation halber einbe­ziehen. Arce deckt eine Verstrickung von Tätern und Opfern auf, die eine dialektische Wahr­heit enthält. Ein Ap­parat wie die DINA konnte den mili­tanten Wider­stand nur zerschlagen, weil die schein­bar perfekt organisierten Unter­grundor­ga­ni­sa­tion­en triviale Fehler mach­ten, weil es In­konsequenz und Indiskretion gab und weil die Guerilleros eben nicht die eisernen Hel­den­figuren waren, für die sie sich selbst hielten. Spiegelbildlich entspricht dieser Entmythologisierung des Unter­grunds die Schwäche der Folterer, ihr Ge­stammel, wenn sie zur Rede gestellt werden, das Klappern der Teetasse in einer Verhandlungspause, das die zit­tern­den Finger eines sich selbstbewußt geben­den früheren Folterers verrät.
Luz Arce ist unfähig zum Haß. Sie weiß von ihren theologischen und thera­peutischen Freunden, daß die Buße vor der Vergebung kommt, daß sie sich ihrer Ag­gressionen gegen die Täter erst bewußt werden muß, ehe sie ihnen verzeihen kann. Sie sucht in ih­rem Buch die Ver­söhnung und bringt sie in religiösen For­meln ins Spiel, ver­gißt aber nie, daß sie sich und den Überlebenden des Terrors, vor allem aber den Angehörigen der „Ver­schwun­de­nen“ statt der wohlfeilen Rede von Feindesliebe eine präzise Darstellung des Geschehenen schuldig ist.
Auch wo der autobiographische rote Fa­den des Buches subjektiv wird, bleibt die Autorin der Wahrheit treu. Sie ver­weigert den letzten Schritt, Un­ver­söhn­liches versöhnen zu wollen. Es wäre der deut­schen Ausgabe des Bu­ches gut be­kommen, wenn sie die Ob­jektivität, der sich Arce verpflichtet fühlte, gestützt hätte. Stattdessen wird das Buch in Klap­pen­text, Untertitel und Nachwort als „selbst­analytische Stu­die“ und Identitäts­findung ange­boten. Die spanische Aus­gabe konnte mit einigem Recht davon aus­ge­hen, daß Orte, Personen und Ereig­nisse dem Publikum bekannt waren. Die deutsche Ausgabe hätte hier An­mer­kun­gen machen müssen. So wie das Buch nun vor­liegt, bleiben einige Pas­sagen un­verständlich. Ereignisse, die faktisch mit­einander verknüpft sind, stehen isoliert da.
Das Nachwort von Thomas Scheerer be­müht sich, einiges nachzutragen, was im Text hätte angemerkt werden müs­sen. Die Übersetzung, im ganzen ein­fühl­sam, schei­tert an einigen spezifisch chile­nischen Wendungen. Arces Text ist so ge­wichtig, daß er dieses Unge­schick ver­trägt.
Dieter Maier
Luz Arce, Die Hölle; eine Frau im chilenischen Geheimdienst – Eine Au­tobiographie. Mit einem Nach­wort von Thomas M. Scheerer. Aus dem Spani­schen von Astrid Schmitt-Böhringer. Hamburger Edition, Hamburg 1994, 405 S.

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