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“Eine Gesellschaft des Compañerismo”

Die Contras verbreiteten Angst und Schrecken. Sie warfen aus Flugzeugen Puppen und Mickey Maus-Figuren ab, in denen Bomben versteckt waren. Sie entführten Bauern und Bäuerinnen, folterten sie in geheimen Gefängnissen, rissen ihnen bei lebendigem Leib mit Löffeln die Augen aus dem Kopf. Man nannte sie „Schwarze Boa“, „Skorpion“, „Söldner“, „Bestie“ oder „Klapperschlange“.
Der damalige US-Präsident Ronald Reagan gab ihnen allerdings andere Namen: „Paladine der Freiheit“. Die Contras waren von den USA mit Waffen aus illegalen Geschäften versorgt und von der CIA im Martern und Morden ausgebildet worden. Sie fielen in Nicaragua ein, um die Revolution zu zerstören.
„Im Herzen der Revolution“, so der Buchtitel, stand der Dichter und Priester Ernesto Cardenal. Nachdem er in den ersten zwei Bänden seine Kindheit und Jugend in der Hauptstadt Managua, seine Lehr- und Wanderjahre durch Klöster und zu Indio-Gemeinschaften auf dem ganzen amerikanischen Kontinent sowie den Aufbau seiner christlich-kommunistischen Gemeinschaft auf dem Insel-Archipel Solentiname beschrieben hat, geht es im dritten und letzten Teil seiner Erinnerungen nun – endlich – um den Sieg und die Niederlage der sandinistischen Revolution. Um die Revolution, die das kleine Nicaragua umkrempelte und die zur Projektionsfläche der Sehnsüchte Hunderttausender Intellektueller und StudentInnen, GewerkschafterInnen und Kirchenleute auf der ganzen Welt machte.
Der Sieg der Revolution musste hart erkämpft werden: militärisch von der Guerilla in Nicaragua, diplomatisch von den Oppositionellen im Exil.

Cardenals Mission

Cardenal, der sich schon in Solentiname der Sandinistischen Befreiungsfront angeschlossen hat und nach der Zerstörung der Kommune durch Somozas Garde ins benachbarte Costa Rica ausgewichen ist, wird auf Reisen geschickt. Er wirbt bei Präsidenten und Prominenten für die Sache der SandinistInnen, er gründet in zahlreichen Ländern Solidaritäts-Komitees, sammelt Geld für Waffen und Wohlfahrt.
In Den Haag verwechselt er einmal die Büros von zwei Hilfsorganisationen. Während die eine nur Geld für humanitäre Zwecke gibt, unterstützt die andere den Guerilla-Kampf.
Cardenal erklärt einer Mitarbeiterin „alles über Witwen und Waisen, Verwundete und Familienangehörige von politischen Gefangenen, und sie ließ mich höflich 20 Minuten lang reden, um mir dann zu sagen, sie verstehe vollkommen, aber es tue ihr sehr leid, sie gäben nur für den bewaffneten Kampf. Da musste ich damit heraus, dass wir auch dafür Geld brauchten, das sei eine weitere Priorität für uns, und ich beschrieb ihr in allen Einzelheiten unseren bewaffneten Kampf.“
In seinem Buch lässt Cardenal die Aufstände in Massaya und die Barrikaden-Kämpfe in Managua Revue passieren, ebenso wie die Einnahme von immer mehr Städten durch die Guerilla und schließlich den triumphalen Einzug der siegreichen FSLN in die Hauptstadt am 18. und 19. Juli 1979. Cardenal erinnert sich „an diese grandiose Fahrt wie an einen Traum, in einer Karawane, die kein Ende zu nehmen schien.“

Lob der Revolution

Wer von Cardenal eine kritische Auseinandersetzung mit der Revolution erwartet, braucht das Buch nicht zu lesen. Auch ein objektiver Chronist der damaligen Ereignisse ist der Autor ganz sicher nicht. „Auf der Welt gibt es immer noch Menschen, die sich für die nicaraguanische Revolution begeistern, jetzt, wo es in Nicaragua keine Revolution mehr gibt“, schreibt er. Und am meisten von allen begeistert er sich selbst dafür.
Cardenal besingt, ja, beschreit die Revolution in den höchsten Tönen, beschreibt sie in bunten Bildern und Beispielen.
Er erzählt, wie die StudentInnen aufs Land zogen, um den Bauern und Bäuerinnen Lesen und Schreiben beizubringen, und wie selbst gefangene Nationalgardisten im Knast alphabetisiert wurden. Wie BettlerInnen und Kriminelle von den Straßen verschwanden. Dass überall – Cardenal ist zum Kulturminister ernannt worden – Kulturhäuser, Dichter-Werkstätten und Theatergruppen wie Pilze aus dem Boden schossen. „Eine neue Gesellschaft wurde geschaffen, eine solidarische Gesellschaft der Geschwisterlichkeit und des ‘Compañerismo’“, heißt es an einer Stelle.
In seiner Leidenschaft, seinem fast bedingungslosen Bekenntnis, wankt und schwankt Cardenal auch dann nicht, als die Revolution angesichts des Contra-Krieges die Zügel anzieht, einen Zwangs-Militärdienst einführt und die oppositionelle Zeitung „La Prensa“ verbietet: „Ich gehöre nicht zu den Leuten, die die Einschränkung der Pressefreiheit für einen Fehler der Revolution halten.“
Dabei weiß Cardenal in seinem großen Zorn auf die Aggressoren sehr wohl zu differenzieren zwischen dem nordamerikanischen Volk und dem „Yankee“. Letzterer ist für ihn „grundsätzlich der Besatzer, der Imperialismus“.
1990 verliert die FSLN die Wahlen. Die Nacht danach ist für Ernesto Cardenal „die dunkelste Nacht meines Lebens“. „Ich lag in meiner Hängematte und konnte den Willen Gottes nicht verstehen.“
Später schreibt er, dass die Wahlniederlage eigentlich ein moralischer Sieg der Revolution war, weil diese sich als demokratisch erwiesen hat, doch das nimmt man Cardenal nicht so recht ab.
Die so genannte „Piñata“, bei der sich sandinistische Funktionäre der FSLN im Zuge des Machtwechsels Häuser, Fincas und Fabriken unter den Nagel rissen, prangert Cardenal als Sargnagell für die Revolution an. „Es war die Piñata, die sie zerstörte und dafür sorgte, dass die Revolution aufhörte, Revolution zu sein.“ Tief enttäuscht, tritt Cardenal aus der FSLN aus. Sandinist aber bleibt er, Sandinist und Revolutionär, und er ist sich ganz sicher: „Es wird weitere, neue Revolutionen geben.“

Ernesto Cardenal: Im Herzen der Revolution. Aus dem Spanischen von Lutz Kliche. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2004. 304 Seiten, 25 Euro.

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