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Eine neue Art von Kampf

Wie entstand die Idee zum Projekt und welche Ziele verbanden sich damit?

Das Medienprojekt Chiapas ist eine US-amerikanisch-mexikanische Organisation, die 1998 anfing zu arbeiten. Die Idee entstand bereits 1995. Einer Compañera, die mit einer Hilfskarawane durch Chiapas zu den indigenen Gemeinden reiste und einen Dokumentarfilm darüber drehte, fiel auf, dass die Leute in den Dörfern sehr interessiert an der Videoausrüstung waren, viele Fragen zu Preis und Technik stellten und ob es schwer sei, die Kamera bedienen zu lernen. Angesichts des großen Interesses in den Gemeinden lag die Idee nahe, die Kameras den Indigenas zur Verfügung zu stellen. Das Ziel ist, den Prozess der Kommunikation durch die Aneignung neuer Medien, der Videotechnologie und der Informatik, zu fördern und damit die Stimme der indigenen Gemeinden in Süd-Mexiko zu Gehör zu bringen.

Also war es die Idee der Menschen in den Gemeinden?

Das Interesse war da, aber die Idee, ein Projekt zu entwickeln, das Ausbildung und Kameras bereitstellt, kam von außen. Im Projekt werden die indigenen Videomacher in der Bedienung der Video- als auch der Schnitttechnik eingeführt. Es wurden bereits mehr als 120 Personen ausgebildet, die aus gut 30 Gemeinden stammen. Und es gibt einen Kern von ungefär 20 aktiven, ausgebildeten Videomachern, die eine konstante Arbeit leisten.

Und worin besteht deine Arbeit?

Ich bin Projekt-Koordinator für Chiapas. Als Ausbilder arbeite ich im Moment kaum noch. Diese Arbeit übernehmen die 20 Indígenas, die den Kern der Gruppe bilden und von Anfang an, seit nunmehr über drei Jahren, mit der Videotechnik arbeiten. Sie sind bereits sehr fortgeschritten, machen Digital-Schnitt und realisieren ihre eigenen Projekte, um sie ins Netz zu stellen.

Und welche Gemeinden erhalten Kameras?

Wir arbeiten in den Aguacalientes. Es sind fünf Videogruppen entstanden, eine für jedes Agua-calientes, also der Struktur folgend, die sie selbst in den autonomen Regionen entwickelt haben. Die Aguacalientes sind das Zentrum des zapatistischen Widerstandes, der politischen Arbeit. Ihr Name spielt auf die historische Versammlung in Aguacalientes an, einer Stadt im Zentrum Mexikos, wo 1914 Zapata, Carranza und andere über die Zukunft Mexikos und die Verankerung der Forderungen der mexikanischen Revolution in der Verfassung diskutierten. Das Gebiet des zapatistischen Einflusses ist aufgeteilt in Gemeinden, die in Bezirken, den Aguacalientes, zusammengefasst sind. Diese Bezirke haben ein Zentrum, einen Versammlungsplatz, wo die Gemeinden, mit der EZLN in Kontakt treten kann.

Warum arbeitet ihr hauptsächlich in den Aguacalientes?

Wir arbeiten solidarisch mit dem Prozess der Autonomie der indigenen Gemeinden. Ich bin auch Indígena, ich bin Nahua, aus dem Zentrum des Landes. Also kenne ich den indigenen Prozess gut und erkenne die Wichtigkeit, die Notwendigkeit einer politischen Struktur im Land, die die Bedürfnisse der Vielfalt der Bevölkerung repräsentiert, und deshalb unterstütze ich das Projekt der indigenen Autonomie.

Sind alle Gemeinden, mit denen ihr arbeitet, autonom?

Ja. Das heißt, wir arbeiten zwar auch mit Gemeinden, die nicht autonom sind, aber auf einer anderen Ebene. Mit den autonomen Gemeinden haben wir eine direkte und stetige Abmachung zur Zusammenarbeit, während wir mit einigen anderen Gemeinden, die am Projekt interessiert sind, in sehr spezifischen, sehr konkreten Dingen zusammenarbeiten. Zum Beispiel mit der Gemeinde Nicolas Ruiz, eine Gemeinde im Widerstand, die aber nicht zapatistisch ist, sondern PRDistisch. Sie verfolgen dieselben Ziele wie die Zapatisten: Demokratie, Gerechtigkeit und die Anerkennung der indigenen Rechte. Wir arbeiten mit ihnen zusammen, aber nicht als Teil einer weitereichenden politischen Makrostruktur, sondern als spezifische, begrenzte Zusammenarbeit wie zum Beispiel in der Video-Ausbildung der Menschenrechtsverteidiger in den Gemeinden.

Worin besteht diese Zusammenarbeit?

Vor drei Jahren begannen wir mit einigen Leuten zusammenzuarbeiten, die ein Netzwerk der Verteidiger der Menschenrechte in den Gemeinden initiierten und Menschenrechtler ausbildeteten, die aus den Gemeinden selbst kamen. Im Hinblick auf Menschenrechtsverletzungen und Einschüchterungstaktiken ist der Zugang zu legalen Verteidigungsmitteln der Schlüssel zu einem wirksamen Widerstand. Um in einer unmittelbaren Form erste Hilfe in Sachen Menschenrechte leis-ten zu können, war die Aneignung der Videotechnik unerlässlich. Wir unterstützen also die Video-Ausbildung dieser Leute, damit sie Menschenrechtsverletzungen dokumentieren können.

Was lernt man während einer solchen Ausbildung?

Die Einführungsschulung beinhaltet den Grundgebrauch der Kamera, Interviewtechniken, Dokumentation von Beweisen und Aufnahme unter schweren Bedingungen. In der Gemeinde Nicolas Ruiz, in der seit Juni 1998 die Polizeitruppen stationiert sind, hat kürzlich einer der Videoaktivisten einen Übergriff auf die Gemeinde durch die Polizei dokumentiert. Einige Leute wurden verletzt. Die Verwundeten wurden interviewt und ihre Wunden als Beweis auf Video aufgezeichnet. Diese Videoband war kürzlich als Beweismittel vor Gericht in Tuxtla Guttierez und klagte die Präsenz der Polizei in dieser Gemeinde an.

Die Videoaufnahmen dienen als Beweismittel für Menschenrechtsverletzungen. Ist das das hauptsächliche Ziel des Chiapas-Medienprojekts?

Nein, nur im spezifischen Fall des Netzwerks, dort dienen die Aufnahmen als Beweismittel. Die Dokumentationen werden verwendet bei der UNO, beim Internationalen Gerichtshof und anderen nationalen und internationalen Foren. Das Medienprojekt Chiapas selbst widmet sich der Ausbildung der Videomacher im Allgemeinen. Auch sie haben Fälle von Menschenrechtsverletzungen aufgezeichnet, die als Beweismittel in Fällen von Gewalt des Militärs gegenüber den Gemeinden oder gegenüber Einzelpersonen genutzt wurden. Aber wir glauben, dass unsere Arbeit darüber hinausgeht, dass die Kommunikationsmedien eine vielfältige Funktion haben. Sie dienen nicht nur zur Anzeige und Denunzierung, sondern auch vielen anderen, konstruktiveren Aspekten. Wir sagen nicht, zeichnet die Menschenrechtsverletzungen auf, und fertig, zeichnet eure Feste auf, und fertig.

Die Leute entscheiden also selbst, was sie filmen wollen?

Ja, wir stellen nur die Technik zur Verfügung und führen die Ausbildung durch, aber sie sind diejenigen, die wissen, wofür sie diese Kenntnisse benutzen. Anfangs wollten sie sie hauptsächlich für die Anzeige der Menschenrechtsverletzungen nutzen, doch mit der Zeit wurde ihnen bewusst, dass dieses Werkzeug für viele Dinge dienen kann. Ein Compañero, den wir ausgebildet haben, sagte uns in einem Interview, was er über Video denkt: „Ich denke, die Videokamera ist wie eine neue Machete. Ein Werkzeug, mit dem ich arbeiten gehen kann, mit dem ich anbauen kann, dass ich in schweren Zeiten und in Zeiten der Freude nutzen kann. Ich kann es nutzen, um mich zu verteidigen, aber auch, um zu feiern.

Wie reagiert das Militär auf die Videokameras? Sind die Kameras Schutz oder Gefahr für die Gemeinde?

Manchmal waren wir sehr besorgt deswegen. Schließlich stellt die Armee seit dem zapatistischen Aufstand 1994 einen Faktor dar, der die indigene Bevölkerung demobilisieren soll. Die Regierung hat durch das Militär einen Krieg der niederen Intensität erklärt. Die Gemeinden sind einer passiven Aggression ausgesetzt, durch eine Präsenz, die sich manifestiert in Helikopterflügen über den Dörfern, in ständigen Patrouillen und der Präsenz von Militärlagern. In der gesamten Region gibt es circa 250 Stützpunkte, das ist eine unglaublich hohe Zahl. Der Konflikt mit den Militärs ist, dass sie eine Bedrohung darstellen, die hauptsächlich auf moralischer und psychologischer Ebene das Leben der Gemeinde erschwert. Außerdem werden die Militärs von den Paramilitärs unterstützt, Zivilpersonen, die gegen die soziale Bewegung sind und vom Militär ausgebildet und mit Waffen ausgestattet werden. Es heißt, wir haben eine Militarisierung in Chiapas, weil es eine Guerilla gibt. Aber wir haben auch in anderen Staaten, wo es keine Guerilla gibt, eine Militarisierung. Aber die Menschen in unserem Projekt haben gelernt, die Gefahren abzuschätzen, sie haben die Fähigkeit entwickelt, zu entscheiden, in welcher Situation der Einsatz der Kamera den Konflikt verschlimmern könnte, und dann unterlassen sie es eben. Wir haben auch die Erfahrung gemacht, dass der Einsatz der Kameras positive Folgen hat. In einem Fall drang das Militär in eine Gemeinde ein, um einen Militärstützpunkt zu installieren. Die Gemeinde zwang die Soldaten sich zurückzuziehen, indem sie sie, bewaffnet mit Stöcken, verfolgte. Auf dem Rückzug warfen die Soldaten mit Steinen, man kann auf dem Video sehen, dass es Steine von ungeheuerer Größe waren, und einer dieser Steine verletzte ein Kind und es wurde blind auf einem Auge. Mit Hilfe des Videos gelang es, den Fall vor Gericht zu gewinnen.

Wovon handeln die Videos, abgesehen davon, dass sie Militäraktionen aufzeichnen, was ja nur eines von vielen Themen ist, wie du vorhin angedeutet hast?

In allen Filmen geht es darum, was das indigene Leben ausmacht und um die Perspektive des Autonomieprozesses. Die Filme sprechen von der Unterdrückung und dem Vergessen, auch wenn es um eine Bäckerei geht oder um einen kollektiven Gemüsegarten. In allen Filmen tauchen dieselben Elemente auf, die mit der Entwicklung von Selbstbestimmung und Selbstverwaltung im autonomen Modell zu tun haben.Und alle sind aus einer internen Perspektive gesehen, aus den Gemeinden, und zeigen wie sie denken, wie sie leben. Um einige zu erwähnen, es gibt ein Video über die Kooperative Mut Vitz, die Kaffee für den Export produziert, eines handelt von den traditionellen Heilern, die die alten Maya-Rituale fortführen, ein anderes Video erzählt vom Widerstand der Dörfer. Ein Film zeigt die Ereignisse von San Andres, wo 1995 Polizeieinheiten den zapatistischen Bürgermeister stürzten und das Rathaus besetzten, woraufhin am nächsten Tag 3000 Bauern den Bezirk San Andres friedlich zurückbesetzten.

Sind die Videos öffentlich zugänglich?

Es gibt zum einen jene Videos für die Gemeinden, die der Information dienen, von Versammlungen, organisatorischen Fragen und so weiter. Sie werden in ihrer Sprache produziert und niemand außer ihnen sieht sie. Dann gibt es Videos zum Beispiel über die Feste, die für ein allgemeineres Publikum sind und in größerem Umfang publiziert werden. Und es gibt Produktionen, die speziell für die nationale und internationale Öffentlichkeit bestimmt sind. Es gibt also eine Fülle von Produktionen. Bisher sind es 12 Filme.

Existiert das Projekt nur für Chiapas oder arbeitet ihr auch in anderen Bundesstaaten?

Wir arbeiten auch in Guerrero. Dort finden viele Menschenrechtsverletzungen statt, aber ihnen kommt keine Aufmerksamkeit zu, es gibt kaum Informationen über die Zustände in Guerrero im Gegensatz zu Chiapas. Guerrero befindet sich wahrscheinlich in einer schlimmeren Situation als Chiapas im Bezug auf Isolation. Deshalb empfanden wir es als notwendig, die Erfahrung unseres Projekts auf Guerrero auszudehnen. Wir sprachen mit den Menschen dort, sie waren sehr interessiert. Unter den Ersten, mit denen wir in Kontakt kamen, waren die Campesinos Ecologistas. Das Video „die Wälder retten” erzählt vom Fall Teodoro Cabrera und Rodolfo Montiel , zwei Bauern von dieser ökologischen Organisation. Die Mitglieder der Organización de Campesinos Ecologistas erzählen von ihrem Kampf gegen die Abholzung der Wälder durch die transnationale Boise Cascade Corporation und von der Kampagne der mexikanischen Regierung, ihre Organisation durch die Verhaftung und Folter ihrer Gründer Cabrera und Montiel zu zerstören. Die Boise Cascade Corporation verursachen im Zusammenspiel mit der Korruption im Staat Guerrero die Abholzung und Zerstörung des Waldes innerhalb einer riesigen Zone. Eine Gruppe von Bauern stellt sich dem entgegen, weil es ihr Lebensraum ist, der da zerstört wird. Jetzt ist dieser Fall sehr bekannt, weil sie einen sehr bedeutenden internationalen Umweltschutzpreis erhalten haben, aber auch durch die Ermordung ihrer Strafverteidigerin, der Anwältin Digna Ochoa im vorigen Oktober

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Zur Person: Paco Vasquez ist der Koordinator des Chiapas-Medienprojekts. Er ist ausgebildeter Fotograf, der nach seinem Studium in Mexiko-Stadt in der Welt der Mode und Fotomodelle arbeitete, während er sich parallel in einer Nichtregierungsorganisation für die Anerkennung indigener Rechte einsetzte. 1998 kam er nach Chiapas und baute das Chiapas-Medienprojekt mit auf. Im Interview für LN erzählt er von der Arbeit des Projektes in den zapatistischen Gemeinden, vom Konflikt mit dem Militär und den Mitteln zur Verteidigung gegen die Agressionen und Menschenrechtsverletzungen.

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