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Einseitiger Blick auf Bolivien

Kurz und informativ will das “Latin Ame­rica Bureau” aus London mit seiner Reihe “In Focus” die Länder Lateinamerikas und der Karibik präsentieren, Länderkunde zum Einstieg für Nicht-ExpertInnen. Nach der Eröffnung der neuen Reihe mit einem Band über Jamaica (vgl. LN 235) ist nun “In Focus. Bolivia” erschienen, verfaßt von den Niederländern Paul van Lindert und Otto Verkoren. Auf 75 Seiten versu­chen die Autoren, in vier Kapiteln einen historischen Überblick, eine Analyse der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Situation und eine Einführung in Gesell­schaft und Kultur unterzubringen, ein Vorhaben, das leider nicht ganz geglückt ist.
Der Schwerpunkt liegt in den drei Haupt­kapiteln auf Wirtschaft und Politik. Ge­schichte und Gegenwart werden mit ihren Regierungen und Revolutionen, Politikern und Parteien kurz und doch detailreich be­schrieben. Die Revolution von 1952, die Entwicklung der Koka- und Kokainwirt­schaft, der Umbruch seit 1985 mit der neoliberalen Wirtschaftspolitik: Die wichtigsten Fakten sind jeweils auf weni­gen Seiten zusammengefaßt. Allerdings klafft im Bereich Wirtschaft eine große Lücke: Das Stichwort Ökologie scheint den Autoren fremd zu sein. Über das öst­liche Tiefland Boliviens schreiben sie ohne weiteren Kommentar, die moderne Landwirtschaft erreiche “thanks to the use of high-grade seed and seed plants, artifi­cial fertiliser, herbicides and pesticides … very high yields per hectare” und fahren fort, die hohen Erträge seien möglich “due to a combination of capital investment, technology and natural fertility” (S.58/59). Die grüne Revolution läßt grüßen.
Noch mehr geraten van Lindert und Ver­koren ins Schlingern, sobald sie den Be­reich von hoher Politik und Wirtschaft verlassen. Bezeichnenderweise steht das dritte Kapitel, nachdem es schon zuvor vor allem um Wirtschaftspolitik ging, un­ter dem Titel “Economy and Society” und nicht etwa “Culture and Society”. Tatsächlich folgt mehr economy als so­ciety ohne weitere Bezugnahme auf Kul­tur. Was Wirtschaft und Kultur in ei­nem Land mit indigener Bevölkerungs­mehrheit miteinander zu tun haben, wird nicht zum Thema. Die LeserInnen erfah­ren in Sa­chen Gesellschaft gerade noch etwas über das Leben im informellen Sektor in den Städten. Aber Informationen zur ländli­chen Gesellschaft, zu lokalen Macht­strukturen, zu ökonomischen Stra­tegien von Indígenas, zu Indígenabewe­gungen und ihren Diskussionen? Leider Fehl­anzeige.
Das Inhaltsverzeichnis läßt darauf hoffen, daß diese Lücken wenigstens nachträglich gefüllt werden, steht doch das vierte, kurze Kapitel unter dem Titel “Culture. An Indian Country”. Auf knappen sieben Seiten folgt aber eine Enttäuschung: Es geht ausschließlich um fiestas und um Musik, angereichert mit einigen Hin­weisen auf ihre gesellschaftliche Bedeu­tung. Das “Indianische” an Bolivien: Folklore und Feste – und das war’s zum Thema Kultur.
“A Guide to the People, Politics and Cul­ture” soll “In Focus. Bolivia” laut Unter­titel sein. Ein geraffter Überblick über Ge­schichte, Wirtschaft und Politik Boliviens ist – mit Lücken – durchaus darin zu fin­den, aber von Gesellschaft und Kultur wissen EinsteigerInnen nach dem Lesen nicht viel mehr als vorher.

Paul van Lindert, Otto Verkoren: In Focus. Bolivia; 75 S.; Latin American Bureau, London 1994. Be­zug: LN-Vertrieb, Gneisenausstr. 2, 10961 Berlin. 16,80 DM.

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