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Einzelne Gewaltherde oder ein ganzer Bürgerkrieg

Irgendwann in den kommenden Wochen wird Jorge Luchsinger um eine Million Dollar reicher sein. Etwa so viel beträgt umgerechnet der Kaufpreis, den die chilenische Behörde für indigene Entwicklung (CONADI) dem Landwirt schweizerischer Abstammung für den Fundo Santa Margarita zahlen wird. Wenn Luchsinger sein Landgut endgültig räumt, geht zumindest auf diesen 230 Hektar ein jahrelanger Kampf zu Ende. Die Fläche im Osten der südchilenischen Stadt Temuco wird von der CONADI für die comunidad „Juan Catrilaf II“ erworben, eine Gemeinschaft von 50 Mapuche-Familien, die sich im Moment noch 113 Hektar teilen.
Neben einigen anderen Anwesen war Santa Margarita in den vergangenen Jahren immer wieder von Mitgliedern benachbarter Mapuche-Gemeinschaften besetzt worden, die das Land als angestammtes Siedlungsgebiet betrachten. Bei einer dieser Besetzungen am 3. Januar 2008, starb der 22-jährige Student Matías Catrileo durch einen Schuss in den Rücken. Die Kugel stammte aus der Waffe eines Polizisten. Seit diesem Ereignis ist die Kette aus Protesten und Besetzungen sowie teilweise brutalen Polizeieinsätzen nicht mehr abgerissen.
Dieser „Rückkauf“ von Land ist kein Sonderfall, sondern ein zentrales Handlungsfeld der CONADI. Seit ihrer Gründung im Jahr 1994 hat die Behörde fast 700.000 Hektar an mehr als 11.000 indigene Familien übertragen, teils aus staatlichem Besitz, teils durch den Erwerb von privaten Eigentümern oder Forstunternehmen. Trotzdem gerät der „Mapuche-Konflikt“, wie ihn die Medien nennen, immer mehr außer Kontrolle. Viele Indigene betrachten Umfang und Qualität der Flächen als unzureichend, der Prozess dauert ihnen zu lange. Ein zahlenmäßig kleine Fraktion radikaler Mapuche-AktivistInnen, allen voran die Gruppierung Coordinadora Arauco-Malleco (CAM), greift auch zu Mitteln, die die Symbolik einer Landbesetzung deutlich übersteigen: Auf der Panamericana-Autobahn, die die Araucanía, das Mapuche-Kernland, durchschneidet, werden immer wieder Lastwagen oder Mautstellen angegriffen. Im vergangenen Juli wurde ein Reisebus mit Waffengewalt gestoppt, die Fahrgäste eingeschüchtert und das Gepäck geraubt.
Auf der anderen Seite beklagen Mapuche-Gemeinschaften die Anwendung des unter Pinochet erlassenen Anti-Terror-Gesetzes gegen Aktivisten sowie die Brutalität der militärisch organisierten Polizei, die – durch Hundertschaften aus Santiago und anderen Regionen verstärkt – privaten Landbesitz in der Araucanía-Region schützt. Immer wieder kommt es zu Razzien in den comunidades, bei denen laut Berichten von Betroffenen auch Kinder und alte Menschen mit Tritten und Schlägen traktiert, beleidigt und bedroht werden.
Im Oktober baten die Indigenen den Vetreter des UN-Kinderfonds Unicef in Chile, Gary Stahl, um Unterstützung. Stahl bereiste die Araucanía und sprach mit VertreterInnen staatlicher Behörden sowie der Mapuche-Gemeinschaften. Sein Fazit: Vieles deute daraufhin, dass Chiles Polizei die Kinderrechtskonvention verletze. Allerdings, so Stahl, fehlten unabhängige Zeugenaussagen, die seiner Organisation ein formales Einschreiten ermögliche. Die Regierung präsentierte dem Unicef-Mann ihrerseits Videoaufnahmen, um zu belegen, dass radikale Mapuche ihre Kinder bei Auseinandersetzungen mit der Polizei als „menschliche Schutzschilde“ missbrauchen.
Einen weiteren traurigen Höhepunkt erreichte der Konflikt am 12. August: Bei einer Besetzung des Landguts San Sebastián in der Gemeinde Ercilla erschoss ein Mitglied polizeilicher Sondertruppen den 24-jährigen Mapuche Jaime Mendoza. Wie seinerzeit Catrileo traf die tödliche Kugel auch Mendoza in den Rücken. „In Selbstverteidigung“ habe er gehandelt, sagte der verantwortliche Polizist später aus. Tatsächlich war er von vielen Schrotkugeln getroffen worden – aber sein Opfer befand sich zweifelsfrei auf der Flucht.
Mit personellen Umbesetzungen und Dialogangeboten versucht die sozialdemokratische Regierung von Michelle Bachelet, der Wut und der Frustration unter den Mapuche etwas mehr als nur Gewalt entgegenzusetzen – mit bescheidenem Erfolg. Ihr neuer Sonderbeauftragter für „indigene Angelegenheiten“, Minister Antonio Viera-Gallo, bereist Woche für Woche die Krisenregion, um mit den Beteiligten zu sprechen. Am Ende stehen beschwichtigende Statements: „Wir müssen akzeptieren, dass es dieses Problem gibt, aber wir dürfen es nicht künstlich aufblasen“, so Viera-Gallo. „Es gibt in der Araucanía vereinzelte Gewaltherde, aber keinen Bürgerkrieg.“ Radikale Gruppen sehen das anders. Zuletzt rief eine mutmaßlich von der CAM unterzeichnete Erklärung zum „Krieg gegen den chilenischen Staat“ und zur „Rückeroberung“ von allem Land südlich des Bío-Bío-Flusses auf.
Der Bío-Bío markierte lange die Grenze zwischen dem spanisch-mestizischen Chile und dem Gebiet der Mapuche, die sich einer Usurpation erfolgreich widersetzten – bis in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ihr Territorium im Zuge der „Befriedung der Araucanía“ militärisch dem Staatsgebiet einverleibt und wirtschaftlich erschlossen wurde. Die rund 200.000 Mapuche, die damals hier lebten, wurden auf mehrere tausend sogenannte comunidades verteilt. Heute zählt die offizielle Statistik 600.000 Mapuche, von denen ein großer Teil in der Hauptstadt Santiago lebt. Die Zahl aus dem Jahr 2002 ist umstritten. Zehn Jahre zuvor hatten sich bei einer Volkszählung über 900.000 ChilenInnen als Mapuche bezeichnet, und manche Nichtregierungsorganisationen (NRO) sprechen sogar von 1,4 Millionen. Den Rückgang halten KritikerInnen für einen „statistischen Genozid“, der den Forderungen der Indigenen die Legitimität rauben soll.
Tatsächlich ist keineswegs abschließend geklärt, wer in Chile Mapuche ist und wer nicht. Sprache und Tradition pflegen nur noch wenige Hunderttausend, viele Mapuche-Namen sind im Laufe der Jahrhunderte verloren gegangen oder hispanisiert worden. Konservative HistorikerInnen behaupten gern, die meisten Mapuche seien in Wirklichkeit genauso Mestizen wie die übrigen Chilenen. Kein Zweifel kann allerdings daran bestehen, dass heute auch in der Araucanía die Nicht-Mapuche eine deutliche Bevölkerungsmehrheit stellen – weshalb der Sonderbeauftragte Viera-Gallo die immer lauter erhobene Forderung nach territorialer Selbstverwaltung für ein Hirngespinst hält: Da müsse vorher schon eine „ethnische Säuberung“ zugunsten der Mapuche stattfinden, so der Minister sarkastisch.
Radikale Indigenen-VertreterInnen orientieren sich aber in der Tat an den nationalistischen Gruppierungen Spaniens. Es bestehen Kontakte zur baskischen Batasuna und zur katalanischen Esquerra. „Wenn es in Spanien ein Baskenland gibt, warum dann nicht innerhalb Chiles ein Mapucheland?“, fragt der Vorsitzende der im vergangenen Jahr gegründeten Mapuche-Partei Wallmapuwen, Pedro Quilaqueo. Auch der Vorsitzende der CAM, Héctor Llaitul, der wegen mutmaßlicher Vorbereitung eines Attentats in Untersuchungshaft sitzt, beruft sich auf das baskische Autonomiemodell – weshalb rechte Medien gerne das Horrorszenario zeichnen, die CAM und andere Gruppen würden von der ETA trainiert oder gar ausgerüstet.
Aber auch UnterstützerInnen der Mapuche bietet der Konflikt eine Projektionsfläche: Mal wird die staatliche Gewalt gegen die Indigenen mit dem Naziterror gegen die Juden gleichgesetzt, dann wieder wird eine Parallele zum Nahost-Konflikt gezogen: Wenn die Regierung die Mapuche beschuldige, Kinder als Schutzschilde zu missbrauchen, „entspricht das genau dem Vorgehen der israelischen Streitkräfte gegen die Palästinenser“, so Alvaro Ramis, Vorsitzender des NGO-Netzwerks Acción. „Das Ziel ist es, die Opfer zu Tätern zu machen, ihnen die Schuld an der gegen sie gerichteten Aggression zuzuschieben.“
Solche Vergleiche sind leicht bis stark überzogen. Um die Wut zu verstehen, die sich bei vielen Mapuche aufstaut, reicht aber oft ein Blick in die Leserkommentare der Online-Zeitungen, in denen sich der immer noch präsente, heftige Rassismus gegen die Mapuche ausdrückt. Und auch wenn im derzeitigen Präsidentschaftswahlkampf alle Kandidaten versprechen, Chiles indigenen Völkern Verfassungsrang einzuräumen – eine Aussage wie die des rechten Bewerbers Sebastián Piñera, mit ihm werde es eine neue „Befriedung der Araucanía“ geben, stößt den Mapuche äußerst bitter auf.

„Der Staat schafft sich selbst ein schwerwiegendes Problem“
Interview mit José Llancapan vom Leitungsgremium der Nationalen
Gesellschaft für indigene Entwicklung (CONADI)

Herr Llancapan, Sie wurden vor zehn Jahren in die Leitung der CONADI gewählt. Haben Sie erwartet, dass der Land-Konflikt in Chile derart eskalieren würde?
Uns als Mapuche-AktivistInnen war klar, dass das kommen würde, es war nur eine Frage der Zeit. Viele Mapuche hatten früher Angst. Man hat ihnen Land gestohlen, man hat sie betrogen und bedroht, oft mit Billigung der jeweiligen Regierung. Das hat sich geändert. Auch die Kommunikation untereinander und der Zugang zu Medien ist viel einfacher geworden. Heute haben junge Mapuche die Chance, viel mehr über die eigene Geschichte zu erfahren. Etwa, dass die sogenannte Befriedung der Araucanía in Wirklichkeit ein Vernichtungskrieg war.

Und wenn Sie in die Zukunft blicken: Wird sich der Mapuche-Konflikt entschärfen oder noch weiter zuspitzen?
Betrachten wir mal die positiven Aspekte: Heute gibt es viele Mapuche, die studieren und Berufsausbildungen absolvieren. Das wird uns ermöglichen, unsere Interessen besser zu artikulieren und politisch sowie juristisch durchzusetzen. Auf der negativen Seite der Bilanz steht die Erfahrung von Gewalt, die viele Mapuche in der Araucanía tagtäglich machen. In vielen comunidades führt die Polizei regelmäßige Razzien durch. Die Kinder von heute erleben, wie ihre Eltern geschlagen und gedemütigt werden. Wie werden sich diese Kinder als junge Erwachsene verhalten? Der Staat schafft sich damit selbst ein schwerwiegendes Problem.

Was hätten die Regierungen der Concertación tun können, um diese Zuspitzung zu vermeiden?
Die Regierungen haben in erster Linie ein Finanzierungsproblem, das zum Teil auf ihre eigene Politik zurückgeht. Die Landkäufe durch die CONADI haben Spekulation und Preistreiberei ausgelöst. Ein Hektar Land in der Araucanía kostet heute bis zu zehnmal mehr, als in den 1990er Jahren. Weil die CONADI deswegen noch lange nicht mehr Mittel zur Verfügung hat, wird viel weniger Fläche an die Mapuche übertragen, als eigentlich notwendig wäre.

Wie werden die Indigenen heute von der Mehrheitsgesellschaft in Chile behandelt? Leiden sie unter demselben Rassismus wie früher?
Natürlich gibt es noch Rassismus, das lässt sich nicht bestreiten. Aber in den vergangenen Jahren hat sich die Situation etwas verbessert. Einerseits sind die Mapuche stärker in die Gesellschaft integriert, andererseits ist ihr Selbstbewusstsein gewachsen. Früher haben sich viele dafür geschämt, Indigene zu sein, heute sind sie darauf eher stolz. Es ist noch nicht lange her, da sprach man in Chile von den Mapuche wie von einem ausgestorbenen Stamm, einem historischen Phänomen. Heute sind wir präsent. In vielen Stadtteilen von Santiago werden heutzutage öffentlich nguillatunes, die religiösen Zeremonien unseres Volkes, gefeiert. Auch unser Volkssport, die chueca, wird in Santiago gespielt. Das wäre vor 15 Jahren noch undenkbar gewesen. Wir sind sichtbarer geworden.

Macht es aus Sicht der Indigenen einen Unterschied, wer Chile ab 2010 regiert?
Für uns Mapuche würde es mit einer rechten Regierung unter Sebastián Piñera noch schwieriger. Das Anti-Terror-Gesetz käme nach meiner Einschätzung noch häufiger zur Anwendung. Für Piñera ist der Mapuche-Konflikt darüber hinaus ein reines Armutsproblem. Aber letztendlich geht es hier um viel mehr als nur um Geld.

// Interview: Claudius Prößer

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