«

»

Artikel drucken

Endstation Desillusion

Zwei uniformierte Frauen, die in die Kamera lächeln, eine Erinnerung an einen Nachmittag vor zwanzig Jahren in Nicaragua. Das Foto zeigt Magalí und Cecilia, Soldatinnen der Sandinistischen Befreiungsfront, die damals im Norden des Landes als Teil eines Frauenbatallions gegen die rechten Contras kämpften. Gemacht hat die Aufnahme die Schweizer Filmemacherin Kristina Konrad. Mitte der 1980er Jahre, „als Nicaragua noch ein Land der Utopie war“. Sie selbst kam damals als internacionalista mit ihrer Kamera bewaffnet ins Land, um die Revolutionsstimmung, den Contrakrieg und insbesondere die kämpfenden Frauen in Bildern festzuhalten.
Heute – zwanzig Jahre später – kehrt Konrad in ein Land zurück, das so gar nicht mehr ihrem alten Bild des revolutionären Nicaragua entsprechen mag: Neonreklame wirbt allenthalben an den Straßenrändern für globalisierte Markenprodukte, Wirtschaft und Wasser sind privatisiert, die Armut ist überall greifbar. Was ist passiert? Was ist aus den RevolutionärInnen geworden nach all der Zeit? Und was aus den revolutionären Ideen? Dies sind die Fragen, denen Kristina Konrad in ihrem Dokumentarfilm Unser Amerika nachgeht.
Das alte Foto führt sie auf die Suche nach den zwei abgebildeten Frauen. Nach und nach interviewt sie verschiedene ehemalige Frente Sandinista-KämpferInnen. Und die Reaktionen auf die Frage nach der Bedeutung ihrer revolutionären Vergangenheit für ihr aktuelles Leben sind vielseitig.

Nostalgie und Resignation
Josefina, eine compañera aus dem Frauenbatallion mit Talent zur Komik, spielt eindrucksvoll eine Situation nach, wie sie sich Ende der 70er Jahre lediglich mit einem Stock bewaffnet aufmachen musste, um für die Frente Waffen zu besorgen. Ihre Augen leuchten angesichts der Erinnerung und für einen Moment scheinen die letzten zwanzig Jahre kaum vergangen zu sein. Für andere offenbart sich in der Erinnerung an damals vor allem ihre Resignation. Der Kampf gegen die Diktatur Somozas sei in jedem Fall richtig gewesen und würde niemals bereut werden. Von der „sandinistischen Mystik“ sei aber heute nicht mehr viel übrig – ausgeträumt der Traum der Tausenden.
Auch Herty Lewites, ehemaliger FSLN-Guerillero und Ex-Bürgermeister von Managua, äußert sich ähnlich. Für ihn lebt die sandinistische Idee unbedingt weiter. Es fehle nur an Menschen mit dem Mut, diese erneut umzusetzen. „Das schöne Lied bleibt“, sinniert er melancholisch, „doch es gibt keine fähigen SängerInnen mehr.“ Für ihn – wie für viele – war der entscheidende Rückschlag die Abwahl der SandinistInnen im Jahre 1990. Ein traumatisches Ereignis, wie aus seinen Worten deutlich wird. Dieser Tag habe ihn härter getroffen als der Tod seines von Somozas Schergen ermordeten Bruders, erinnert sich Herty.
Auch die Ex-Guerilleras Magalí und Cecilia, die Kristina Konrad schließlich findet, sind im Herzen Sandinistinnen geblieben. Doch seit der Demobilisierung 1990 hatten sich ihre Wege getrennt. Die Erinnerungen an alte Zeiten, an ihre Träume und Ideale leben auf bei ihrem Zusammentreffen. Die Anwältin Magalí hätte ohne die Förderung durch die SandinistInnen niemals Jura studieren können, erzählt sie. Warum sie selbst ihren Kindern bis heute so wenig von ihrer bewegten Vergangenheit erzählt hat, bleibt unklar. Die Filmemacherin verzichtet hier rücksichtsvoll auf bohrendes Nachfragen. Schade eigentlich – hätte doch die geneigte Zuschauerin an dieser Stelle gerne mehr erfahren.

Verklärter Rückblick
Konrad blendet zwischen ihre aktuellen Interviews immer wieder Sequenzen aus dem Film, den sie vor zwanzig Jahren gedreht hat. Auf Zelluloid gebannte Erinnerungen in schwarz und weiß verweben sich mit den Bildern der Menschen, während sie erzählen und zurückblicken. Dabei ist eine sehenswerte Zeitzeugendokumentation entstanden. Ein bald lustiger, bald nachdenklicher und durch eine exzellente Kameraführung bisweilen skurril verfremdeter Blick auf kleine Geschichten und Anekdoten, die in Nicaragua erinnert werden. Zugleich zeigt der Film aber auch die sehr persönliche und subjektive Sicht der Filmemacherin Konrad.
Aus dem Off bedauert sie, dass das „heutige Managua nicht mehr das revolutionäre ist“ und heute auch die FSLN eine normale Partei und zudem korrupt sei. Dass die Frente schon in den 80er Jahren nicht unbedingt eine transparente Struktur hatte, spricht sie nicht an. Sie nimmt sich den Luxus, auf Kritik zu verzichten, wie sie selbst einräumt. Und so wirkt der Rückblick in die nicaraguanische und die persönliche Geschichte der Filmemacherin leicht verklärt.
Der Titel des Dokumentarfilms Unser Amerika bezieht sich auf ein Gedicht des nicaraguanischen Dichters Rubén Darío mit dem Namen „Poema a Roosevelt“. Wiederholt zitiert im Film ein kleines Schulmädchen mit einstudierten Handbewegungen das Gedicht, in dem Darío eine übergreifende lateinamerikanische Identität propagiert , die sich schematisch von dem „bösen“ US-Amerika abgrenzt. So reduziert leider Kristina Konrad nicaraguanische Identität schließlich auf das schöne Stereotyp des Landes der tausend Dichter, um in der Poesie das originär Lateinamerikanische zu finden.

Unser Amerika, Schweiz 2005, 84 Minuten, Regie: Kristina Konrad. OmengU, Kinostart: 3. November

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/endstation-desillusion/