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„Es geht nicht mehr darum, die Welt zu verändern“

Leoncia Cartaya wiegt sich in ihrem Schaukelstuhl.Die 69-jährige Lehrerin ist in Matanzas, einer Stadt östlich von Havanna, geboren. Auf die Frage nach ihren Wurzeln antwortet sie mit eine Lächeln: „Meine Familie ist die Quintessenz aus drei Kontinenten: Chinesen, Spanier und Afrikaner. Ich bin einfach Kubanerin.“ Mehr könne sie nicht sagen, in der Familie werde nicht viel darüber gesprochen. In Havanna wohnt sie seit 1961. Der Triumph der Revolution zwei Jahre zuvor hat sie hierher geholt. Leoncia bezeichnet sich als apolitisch: „Die Politik ist sehr kompliziert und ich bin inzwischen zu alt dafür.“
Zwar habe sie 1959 auf die Appelle der neuen Regierung zum Kampf gegen den Analphabetismus reagiert. Aber nicht aus politischer Überzeugung, wie sie betont, sondern weil sie nicht mehr Zuhause wohnen wollte. „Der Kampf gegen den Analphabetismus war aber eine sehr gute Idee“, meint sie, „weil viele Leute damals nicht lesen und schreiben konnten und wir ihnen dies beigebracht haben. Was heute als normal erscheint, war früher nicht so.“ Leoncia hat in Baracoa, im äußersten Südosten der Insel, alphabetisiert. Seitdem ist sie nicht mehr dort gewesen. Eine sehr schöne Erfahrung sei es gewesen, sie war 19 Jahre alt und zum ersten Mal weg von Zuhause. „Die Stimmung in meiner Umgebung war gut. Manche Leute waren nicht mit der neuen Regierung einverstanden, doch die meisten von denen waren Reiche, die Angst vor den Kommunisten hatten, obwohl die Regierung sich erst später als kommunistisch bezeichnet hat“, erinnert sie sich. „Die Armen wie ich haben viel von der Revolution profitiert. Plötzlich hatten wir an anderes Bewusstsein. Man konnte viel mehr machen. Wir hatten den Eindruck, etwas Wertvolles zu machen. Aber seitdem ist viel Wasser den Fluss hinunter geflossen.“ Was dies bedeute, frage ich neugierig. „Na ja, alles ist jetzt anders“, antwortet sie, „einfach anders. Die Zeit verändert alles und Kuba steht nicht außerhalb der Zeit. Oder?“
Sieht man es als Hauptaufgabe für die Jahre unmittelbar nach dem Sieg einer Revolution, eine breite Basis für die anstehenden strukturellen Veränderungen zu schaffen, dann hat die Kubanische Revolution von 1959 diese erste Aufgabe erfüllt. Die politische Führung, die aus dem Guerillakrieg hervorging, erreichte die Mobilisierung der Mehrheit der Gesellschaft, um die politischen, ökonomischen und sozialen Transformationen durchzuführen. Sie zog die öffentliche Meinung auf ihre Seite und erklärte 1961 den sozialistischen Charakter der Revolution. Die Abschaffung des Privateigentums, die Einführung einer neuen Währung und zwei Bodenreformen waren die großen Ergebnisse dieser Epoche. Die Sowjetunion übernahm an Stelle der USA die Rolle als wichtigster ökonomischer Partner Kubas. Die 1960er waren die Jahre von „Patria o Muerte“ (Vaterland oder Tod). Doch die erste, emanzipatorisch geprägte Phase der Revolution lief Ende der 1960er Jahre aus. Es folgte die Institutionalisierung der Revolution.
Die 1970er Jahre waren von neuen sozialen, politischen und ökonomischen Problemen geprägt. Mit Hilfe der Sowjetunion und anderen Mitgliedsstaaten des Ostblocks sollte der Aufbaus des Sozialismus weiter vorangetrieben werden. Doch waren es vor allem Jahre der Machtsicherung und Machtzentrierung. Die Reden an die kubanische Bwvölkerung wenden sich seitdem an das „vereinigte Volk“. In der Rhetorik der Regierung gab es nur Revolutionäre oder Konterrevolutionäre. Diese Dichotomie wurde und wird von großen Teilen der Bevölkerung rezipiert und öffnete der Intoleranz innerhalb der Gesellschaft Tor und Tür. Unter dieser Politik litten besonders Intellektuelle, die als nicht „ausreichend engagiert“ galten. Die Schriftsteller José Lezama Lima und Virgilio Piñera sind zwei sehr wichtige Beispiele dafür. Und obwohl der Diskurs der Revolution sich auf die Maxime der Gleichheit richtete, blieben „Randgruppen“ wie beispielsweise Homosexuelle gesellschaftlich ausgeschlossen. Die Euphorie der ersten Jahre war verflogen und die Luft des Kalten Krieges durchwehte die Straßen Havannas.
Auch aus der Perspektive des 58-jährigen Zimmermanns Francisco Bravo waren die 1970er keine einfachen Jahre. Wie bei vielen Menschen damals machte sich bei ihm eine apathische Haltung breit. Seine Haupterinnerung an diese Zeit bezieht sich auf Arbeit und Privates. Er weiß noch, dass er damals jede Menge Zuckerrohr schnitt und jeden Sonntag Freiwilligenarbeit absolvierte. Seine Frau Manuela arbeitete als Krankenschwester. Sie hatten schon ein Kind und 1978 kam ein weiteres. „Wir hatten Geld, aber es gab nichts zu kaufen. Erst seit dem Eintritt in den Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe [RGW 1972, Anm. d. Red.] verbesserte sich langsam die Situation“, erinnert Francisco sich.
1980 kam es auf Kuba zur zweiten großen Emigrationswelle seit 1959, die der marielit@s. Die USA öffneten ihre Grenzen für alle KubanerInnen. Vom Hafen El Mariel aus schickte die kubanische Regierung viele ihrer vermeintlichen oder tatsächlichen GegnerInnen in die USA. Zudem nutzte sie die Gelegenheit, um StraftäterInnen loszuwerden. Cuco ist einer von diesen ehemaligen Gefängnisinsassen. Ich treffe ihn, weil er zu Besuch auf Kuba ist. Er erzählt, wie er eines Morgens in die USA abgeschoben wurde, ohne dass zuvor seine Familie informiert worden sei.
Die Dagebliebenen haben gemischte Gefühle über die 1980er Jahre. Aida Bull beendete 1987 ihr Chemiestudium an der Universität Havanna, inzwischen arbeitet sie in einer Seifenfabrik. „Die 80er Jahre waren toll“, meint sie. Sie habe Arbeit gehabt und sei gut mit ihrem Gehalt ausgekommen. Mit einer Mikrobrigade habe sie sogar ein eigenes Haus gebaut. Ariel Mancebo hingegen, der Wirtschaftswissenschaft studiert hat, ist sich bei der Beurteilung der 1980er Jahre nicht so sicher. Er habe auch eine sichere Arbeitsstelle gehabt, andererseits habe es viel gegeben, das er nicht machen durfte, zum Beispiel reisen oder öffentlich die Regierung kritisieren. Zwar kenne er niemanden, dem wegen Kritik an der Regierung etwas zugestoßen sei, aber es sei ihm wohler, die Gefahr einer solchen Tat gar nicht erst zu provozieren. „Wahrscheinlich sehen wir die 80er so idyllisch, weil die 90er Jahre eine sehr schwierige Zeit waren“, sagt Ariel.
Der Zusammenbruch des sozialistischen Lagers und der Zerfall der UdSSR ab 1989 brachte die kubanische Regierung in der Tat in eine sehr schwierige Lage. Brutal zeigte sich die Abhängigkeit der kubanischen Wirtschaft von der UdSSR und dem RGW. Angesichts der Wirtschaftskrise, von der Regierung als „Sonderperiode in Friedenszeit“ bezeichnet, verliert auch das politische System an Legitimität. Das ganze System scheint zusammenzubrechen. Die Regierung unternahm zahlreiche Maßnahmen, um „den Sozialismus“ zu retten. Mit der Legalisierung des US-Dollars 1993 begann eine neue Epoche der kubanischen Revolution. Seitdem können die KubanerInnen ihre eigenen Geschäfte betreiben, aber nur im Dienstleistungssektor, wie Imbisse, Taxifahren oder die Vermietung ihrer Wohnungen an TouristInnen, was auch vom Staat als neue große Einkommensquelle entdeckt wurde. Die Idee des gestürzten Diktators Batista, Kuba in ein touristisches Paradies zu verwandeln, wurde neu aufgenommen.
In einer Szene des kubanischen Films Madagascar von Fernando Pérez sagt ein Hauptdarsteller, dass die KubanerInnen in den 1990er Jahren zu müde seien, um weiterhin Revolution zu machen und sich stattdessen ausruhen wollten. Viele KubanerInnen tun dies heute in den USA, denn 1994 kam es zu Unruhen und die Regierung genehmigte ein weiteres Mal, dass KubanerInnen auf eigene Gefahr in die USA ausreisen durften. Über die Anzahl der balseros, wie diese Schiffsflüchtlinge genannt werden, gibt es bis heute keine offiziellen Angaben.
Pepe Valdez hat 1996 seine eigene Pizzeria eröffnet. „Dass die Leute inzwischen selbstständig wirtschaften können, ist eine gute Sache. Am Anfang musste ich mich sehr bemühen, es war gar nicht einfach. Meine Frau, mein Sohn und ich haben zusammen ‚La Barriada‘ geschafft“, und er blickt stolz auf seinen Pizzastand. Die Politik interessiere ihn nicht, solange er seine Pizzeria führen könne.
Yusimi Buenavides arbeitet in einem Forschungszentrum, in den 1990er Jahren hat sie an der Universität Havanna Kunstgeschichte studiert. „Meine Eltern hatten damals eine schwere Zeit. Sie mussten jeden Tag aufs Neue etwas zu essen finden. Kleidung wurde immer wieder verwendet“, erinnert sie sich. Ihr Vater habe mit seinem Lada als Taxifahrer gearbeitet und so ein bisschen Geld in den Haushalt gepumpt. Jetzt lacht sie über diese Zeit: „Es war ein bisschen so, als ob die Kubaner ihre selbst verschuldeten Unmündigkeit hinter sich ließen. Wir haben die Welt nicht verändert und sind auch nicht gestorben, sondern wurden in alle Welt zerstreut,“ erzählt sie. „Fast alle Freunde, die ich während des Gymnasiums und der Universitätszeit hatte, halten sich außerhalb Kubas auf. Der Versuch mag schön oder schlecht sein, das hängt immer vom Betrachter ab, aber nun gilt es zu sehen, wohin wir künftig gehen. Ob wir schon was aus den letzten 50 Jahren gelernt haben, müssen wir jetzt beweisen.“
Einen Tag nach dieser Unterhaltung mit Yusimi ist in der offiziellen Parteizeitung Granma zu lesen, dass Fidel Castro schwer krank sei und Raul Castro seine Nachfolge antrete. In den darauf folgenden Tagen gibt es mehr PolizistInnen auf der Straße, aber es kommt nicht zu Unruhen. „Wir sind neugierig, was nun kommt“ sagt Frank, der gerade eine Ausstellung zum Thema „Polizei und Rassismus“ organisiert, die offiziell „¿Colores?“ (Farben?) heißt. Frank ist homosexuell und wohnt mit seinem Freund Jorge zusammen. Sie erzählen, dass es eine Woche zuvor im Kino Astral eine Feier für Toleranz und Zusammenleben gegeben habe. Es sei das erste Mal seit langer Zeit gewesen, dass in der Öffentlichkeit über das Thema Homosexualität gesprochen worden sei. Zwar hätten Filme wie Se Permuta oder Fresa y Chocolate Themen wie Homosexualität und Rassismus behandelt, aber beide seien alt und wären nicht richtig in allen Gruppen der Gesellschaft öffentlich diskutiert worden. Auch die öffentliche Diskussion über Zensur in der Vergangenheit – als Einstieg, um über die aktuelle Situation zu sprechen – , die vor einem Jahr begonnen hat, markiere eine neue Phase. „Das sind Veränderungen“, meint Jorge, „alles andere bleibt gleich. Fidel oder Raúl, sie betreiben die gleiche Politik: an der Macht festhalten. Es geht nicht mehr um das Volk, falls es je darum gegangen ist, sondern um Macht. Ich mache weiter meine Sachen und versuche, mich nicht stören zu lassen.“ Frank ist nicht ganz mit Jorge einverstanden. „Wenn wir alle so denken würden, dann würde nichts passieren“, setzt Frank an, doch Jorge unterbricht ihn: „Aber was soll passieren? Was kann ein unterentwickeltes Land wie das unsere machen?“ Frank umarmt Jorge und antwortet: „Es geht nicht mehr darum, die Welt zu verändern, sondern darum, das Beste für die Kubaner zu schaffen. Und das Beste bezieht sich darauf, die Fehler, die gemacht wurden, zu korrigieren. Dies ist die List der Vernunft.“
Nach einem so intensiven Gespräch habe ich keine Lust mehr, heute noch jemanden zu interviewen. Ich entschließe mich, nach Hause zu fahren. Ich nehme einen Bus, seit einiger Zeit funktionieren sie richtig gut. Die Regierung hat China einige abgekauft. Zum Glück finde ich einen freien Sitzplatz. Jetzt fehlen mir nur noch einige Gespräche mit Fachleuten, denke ich. Dann entsteht vielleicht ein Bild davon, wohin dieses Land steuert. Oder? Nun bin ich mir nicht ganz sicher, dass meine Nachforschungen über die kubanische Situation, nur auf Kuba fixiert, mir Antworten auf die kubanischen Probleme geben können. Vielleicht sind die Probleme Kubas gar keine rein kubanischen? Viele von den Problemen hier findet man auch in anderen Ländern. Welchen Zusammenhang gibt es zwischen der Zukunft Kubas und dem internationalen Umfeld? Mein Kopf ist müde. Ich mache morgen weiter. Ich bin eingeschlafen und habe natürlich meine Haltestelle verpasst. Ich wache nur auf, weil eine freundliche Stimme mir sagt:
„Hey! Letzte Haltestelle.“
// P. Alexander

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