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„Es geht um die Auflösung des Kleinbauerntums“

Innerhalb der sozialen Bewegungen Kolumbiens wird derzeit kontrovers über das Gesetz 1448, das Opfergesetz, und insbesondere über den Artikel zur Landrückgabe diskutiert. Welche Position vertritt der CNA diesbezüglich?
Wenn wir von Landrückgabe reden, muss klar sein, dass es sich um ein Zurückerstatten für alle Kolumbianer und Kolumbianerinnen handeln muss, und zwar nicht nur um eine Rückgabe des Landtitels, sondern um eine integrale Rückgabe, die es ermöglicht, das Land wieder so zu nutzen wie zum Zeitpunkt, bevor das Land geraubt wurde. Es bedarf einer finanziellen Entschädigung für all die Jahre, in denen die Ackerflächen nicht genutzt werden konnten.

Wie will der CNA auf die politische Debatte über die Implementierung dieses Gesetzes einwirken?
Erstens wollen wir beweisen, dass die Anzahl der Bauern und Bäuerinnen, die enteignet wurden, höher ist, als bisher von den Statistiken der Regierung anerkannt wurde. Und zweitens wollen wir durch Kampagnenarbeit auf das Bewusstsein der Gesellschaft einwirken, indem wir unser Konzept von Landrückgabe klarer erläutern, welches unmittelbar mit der Notwendigkeit der Lebensmittelproduktion zusammenhängt, der Ernährungssouveränität. Es braucht also eine nationale Debatte über die Anzahl der enteigneten Hektar und über die Bedingungen unter denen eine Landrückgabe stattfinden muss.

Wer profitiert von diesem Gesetz, so wie es derzeit formuliert ist?
Das eigentliche Problem, das dieser Debatte zugrunde liegt, betrifft die Erteilung von Nutzungslizenzen. Die Profiteure sind diejenigen, die mit Hilfe von Gewaltanwendungen für die Vertreibungen verantwortlich sind, um sich die Länder der Bauern einzuverleiben. Ein Gesetz, das beabsichtigt, lediglich einer kleinen Minderheit ihr geraubtes Land wiederzugeben, erlaubt letztendlich, dass die Verantwortlichen für mehr als fünf Millionen Vertriebene ihre geraubten Ländereien legalisieren können.
Das Gesetz hat andere Parameter der Aneignung als üblich, denn es reduziert die Zeitspanne, nach der laut bisherigem Gesetz eine brachliegende Fläche enteignet werden darf. Durch eine Art verkürzter Verjährungsfrist kann es so zu einer Inbesitznahme durch Dritte kommen, wenn ein Bauer aufgrund von Vertreibung sein Feld nicht bestellen konnte. Darüber hinaus werden jene Agrarprodukte anerkannt, die in der Zwischenzeit gepflanzt wurden. Das heißt, es gibt geradezu einen Wettbewerb der Legalisierung seitens der Legislative und der Institutionen, diejenigen zu begünstigen, die sich gewaltsam das Land angeeignet haben.

Es sind neue Dynamiken zu erkennen, die darauf abzielen, Kleinbauern und Kleinbäuerinnen in einer Art von Unternehmenskooperativen zu assoziieren. Indem eine höhere Vermarktungsstabilität geschaffen würde, sollen sie weniger anfällig für Einkommensschwankungen sein, wenn man dem Diskurs der Regierung Glauben schenken mag. Was ist davon zu halten?
Für die Regierung ist klar, dass es zu viele Kleinbauern im Land gibt und dass es von ihnen weniger bedarf. Deshalb wird darauf hingearbeitet, dass Agrarflächen auch von Kleinbauern an jene agrarindustriellen Projekte verpachtet werden sollen, die in vermeintlich wirtschaftlich wichtigen Sektoren angesiedelt sind. Wir sind gegen diese Art der Landnutzungsvorstellung der Regierung. Wir glauben, dass wir Kleinbauern eine besondere Beziehung zu unserem Land haben und nicht dazu gezwungen werden sollten, uns mit Agrarunternehmern zu verbünden. Wir Kleinbauern produzieren das Essen der Kolumbianer und die ganze Familie ist in den Produktionsprozess eingebunden. Man darf nicht in die Falle tappen, sein Stück Land zu verpachten, um anschließend unter miserablen Bedingungen in den Großstädten wohnen zu müssen und nicht zu wissen, wovon man sich ernähren soll. Es gibt bisher auch keine Erfahrung darüber, wie viel Pacht eine Bauernfamilie pro Hektar beziehen könnte.
Unabhängig davon, wie rentabel die Verpachtung der Landflächen ausfallen könnte, ist die Frage bezüglich dieses Pachtsystems mehr politischen als ökonomischen Charakters. Denn dieses Pachtprinzip käme einer Auflösung des Kleinbauerntums gleich und ist allein deswegen indiskutabel.

Wie werden die Diskussionen um das Landrückgabegesetz von den Kleinbauerngemeinden in Ihrer Heimatregion, dem Catatumbo, wahrgenommen?
Mit viel Misstrauen. Wir sehen, dass die Region mit solchen Ansätzen in Gefahr ist. Es ist, als gäbe es eine Akzeptanz der Periode der Gewalt, unter der die Region leiden musste. Eine Akzeptanz in dem Sinne, dass diejenigen prämiert werden, die andere einfach vertrieben haben. So als ließe man genau die für die Vertreibungen Verantwortlichen mehr Anerkennung zukommen als ihren Opfern. Es ist sehr betrüblich, dass es eine Regierungspolitik dieses Modells gibt.

Bedeutet demnach das Gesetz der Landrückgabe, dass damit eine Tür für neue Landnutzungstendenzen geöffnet wird?
Darüber gibt es keinen Zweifel. Diese Territorien, die überaus gewalttätige Perioden erleben mussten – gekennzeichnet von Vertreibung und Enteignung – leiden inzwischen unter der Implementierung sogenannter Megaprojekte, der Extraktion jeden Typs von Energieressourcen und der Verbreitung von Monokulturen zur Gewinnung von Agrotreibstoffen. Dies ist eine Kette von Abläufen, die niemals aufhört und der gesamten Region, insbesondere aber den Kleinbauern, großen Schaden zufügt.

Welches sind also die Mechanismen die von den Gemeinden genutzt werden können um sich selbst eine Stimme zu verleihen um sich in der politischen Debatte Gehör zu verschaffen?
Die Mandate des Congreso de tierra, territorio y soberania wie auch des Congreso de los pueblos sind Elemente die den Indigenengemeinden, afrokolumbianischen Gemeinden, Bauerngemeinden und allen anderen Bewohnern ländlicher Gebiete ermöglichen es, einen permanenten Kampf aufzunehmen. Diese Mandate müssen dauerhaft zur Verteidigung der Territorien umgewandelt werden, um die verfehlte Regierungspolitik sichtbar zu machen.

Infokasten:

Alberto Castilla
ist Präsident des kolumbianischen Kleinbauernverbandes Coordinador Nacional Agrario (CNA), war Teil des Organisationskomitees des „Congreso tierra, territorio y soberanía“, der im Oktober 2011 in Kolumbien stattfand und engagiert sich als Mitglied beim Red de Hermandad y Solidaridad con Colombia in der „Campaña contra el despojo“.

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