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Essen statt Stromrechnung

Wie ist es zu den Protesten gekommen, wie habt Ihr Euch beteiligt und wie seht Ihr Eure Inhaftierung?
Sara: Der Beginn der Bewegung lässt sich auf den 6. August 2006 datieren – nachdem Subcomandante Marcos im Rahmen der Anderen Kampagne den Landkreis Candelaria besucht hatte. Zunächst waren es nur 80 Personen, und die organisierende Kraft war anfänglich die Union Proletaria (lokale Organisation, Anm. d. Red.). Am Anfang beteiligten sich nur BewohnerInnen der Stadt Candelaria selbst, im Dezember 2006 waren es dann schon 15, später 30 Gemeinden. Der Grund für die Proteste, die in Form von Demonstrationen und Mahnwachen artikuliert wurden, waren die hohen Stromgebühren, kombiniert mit einem schlechten Service. Im Jahr 2007 kam es dann zu einem ersten Vernetzungstreffen mit AktivistInnen aus den Bundesstaaten Oaxaca, Chiapas, Tabasco und Guerrero, die mit ähnlichen Problemen konfrontiert waren.
Joaquín: Aus meiner Sicht gibt es drei Gründe, warum gerade wir im Knast sitzen: Ersten weil wir uns der anderen Kampagne angeschlossen haben, zweitens weil wir die technischen Fähigkeiten erworben hatten, die von der CFE gekappten Stromanschlüsse wiederherzustellen und drittens weil wir Teil des inzwischen landesweiten Netzwerks gegen die hohen Stromtarife sind. Die gegen uns erhobenen Vorwürfe sind juristisch nicht haltbar, aber der Richter hat sich unsere Unschuldsbeweise erst gar nicht angesehen.
Guadalupe: Unsere Familie stand vor der Wahl, mit dem uns zur Verfügung stehenden Geld entweder etwas zu Essen zu kaufen oder damit die Stromrechnung zu begleichen – für beides zusammen reichte es nicht. In dieser Notsituation hatten wir bei der CFE angefragt, um eine Lösung zu finden. Aber unsere Anfragen wurden überhaupt nicht beantwortet. Da haben wir uns für‘s Essen entschieden, statt für die Stromrechnung.

Wie hat sich Eure Verhaftung auf die Bewegung gegen die hohen Stromtarife ausgewirkt ?
Sara: Meiner Meinung nach hatte unsere Verhaftung zwei unterschiedliche Effekte. Einerseits kann man von einer Schwächung sprechen – hinsichtlich der Koordination der Bewegung und der politischen Erfahrung der AkteurInnen draußen. Umgekehrt führte unsere Inhaftierung auch zu einer Stärkung. Die Erfahrung des Nichtalleinseins ist eine spürbare Ermutigung. Das betrifft sowohl die Unterstützung durch die AktivistInnen aus den anderen Bundesstaaten als auch die internationale Solidarität – Ihr seid das aktuelle Beispiel. Und das geht sowohl uns hier im Knast so als auch den Leuten in Candelaria. Die Leute draußen mussten lernen, sich selbst zu mobilisieren. Außerdem ist die gemachte Erfahrung des Bekanntheitsgrades der Bewegung von Candelaria einen Ansporn.
Joaquín: Es gibt auch einen unerwarteten Vernetzungseffekt. Wir wurden im Gefängnis von Leuten aus Organisationen besucht, zu denen wir seit zehn Jahren keinen Kontakt mehr hatten.
Guadalupe: Ich denke der Schock, den die Verhaftung auslöste, war für unsere Angehörigen größer als für uns selbst. Hinzu kamen die Belästigungen und Einschüchterungsversuche, denen die Bewegung nach unserer Inhaftierung ausgesetzt war. Auf den Versammlungen in der Zeit gab es nach der Verhaftung verstärkt Polizeipräsenz. Es gab Überflüge mit Helikoptern und so weiter. Da brauchten die Compañer@s schon besonderen Mut, um weiterzumachen.
Beteiligen sich auch andere Landkreise in Campeche an dem Protest gegen die hohen Stromtarife?
Sara: Nein, aber es gibt Kämpfe auf anderer Ebene. Gleich hier in der Nähe befindet sich die Gemeinde San Antonio Ebulá. Die BewohnerInnen dieses Ortes wurden vor ein paar Monaten durch Sicherheitskräfte und Paramilitärs, die von einem Geschäftsmann bezahlt wurden, von ihrem Land vertrieben. Inzwischen haben die Vertriebenen durch Proteste und durch solidarische Unterstützung zumindest einen Teil ihres Landes zurückgewonnen. Doch die ländlichen indigenen Gebiete in Campeche werden stark von Kaziken (lokale Boss, Anm. d. Red.) kontrolliert. Die Leute haben Angst und deshalb regt sich bislang kaum Widerstand.

Wie ist Eure tägliche Situation im Knast?
Guadalupe: Im Allgemeinen werden wir ordentlich behandelt. Wie Ihr seht, genießen wir eine gemeinsame Unterbringung, separat von den anderen Gefängnisinsassen. Das ist einerseits ein Privileg, denn es verringert die Wahrscheinlichkeit von Übergriffen durch Häftlinge eines bestimmten Typs. Andererseits unterliegen wir quasi einer kollektiven Isolation. Seit wir hier sind, wurden wir nur dreimal in den allgemeinen Gefängnisbereich vorgelassen. Wir denken, die Gefängnisverwaltung hat Sorge, dass wir andere Insassen dazu ermuntern könnten sich zu organisieren.
Sara: Die Situation ist gespalten. Uns werden kleine Privilegien zugestanden. Zum Beispiel gestattete die Gefängnisleitung, dass uns ein Fernsehapparat mit hereingebracht wurde. Andererseits wird überwacht mit wem wir sprechen. Und zur Besuchszeit werden gelegentlich Leute abgewiesen, wenn es keine Verwandten sind.

Wollt Ihr uns etwas Bestimmtes mit auf den Weg geben?
Joaquín: Wir möchten allen, die sich daran beteiligt haben, für die geleistete Unterstützung danken. Lasst uns gemeinsam an einer anderen Welt weiterbauen.
Guadalupe: Ja, wir sehen uns im globalen Kontext.
Sara: Zugleich möchten wir auf der Grundlage unserer aktuellen Erfahrungen, den von Repression Betroffenen in Deutschland Mut zu sprechen. Wir lassen uns nicht unterkriegen – und Ihr auch nicht!

Kasten:

SARA LÓPEZ, JOAQUÍN AGUILAR UND GUADALUPE BORJAS
Innerhalb von sechs Monate schraubte die staatliche Bundeskommission für Elektrizität CFE im Landkreis, Bundesstaat Campeche, die durchschnittlichen Strompreise pro Haushalt von 25 auf über 2.000 Pesos (ca. 135 Euro). Kaum bezahlbar für die Mehrheit der Menschen in dieser sehr armen Region. So gründete sich in der Stadt Calendaria im August 2006 die Bewegung Ziviler Widerstand gegen die Bezahlung der hohen Strompreise. Angesichts der wachsenden Popularität der Proteste kriminalisierte die CFE die Proteste und forcierte Haftbefehle gegen führende AktivistInnen. Da diese Stromanschlüsse wiederherstellten, die die CFE wegen nicht bezahlter Rechnungen gekappt hatte, wird ihnen unter anderem die „Verhinderung einer staatlichen Dienstleistung“ vorgeworfen – die eben in der Abtrennung der Haushalte vom Stromnetz bestanden hätte.

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