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EXILIERTE GEDANKEN

Faschismus in Europa, ein autoritäres Regime in Brasilien, Widerstand, Flucht und wechselndes Exil – der Roman „Das Vermächtnis der Seidenraupen“ des brasilianischen Autors Rafael Cardoso ist brandaktuell, obwohl er sich einem historischen Thema widmet. Als Cardoso 23 Jahre alt war, starben im Abstand von nur einem Monat sein Vater und seine Großtante. Der junge Student der Kunstgeschichte räumt daraufhin das Haus seiner Großeltern in São Paulo aus und findet einen „wahren Schatz an Fotografien, Briefen und anderen historischen Dokumenten”. Denn Cardosos Urgroßvater war Hugo Simon, der „rote Bankier“, 1918 für kurze Zeit Finanzminister im Preußischen Revolutionskabinett und einer der wenigen Unterstützer der Friedensbewegung während des ersten Weltkrieges. In seiner Berliner Zeit ist Simon nicht nur ein bedeutender Sammler und Mäzen moderner Kunst und Literatur, in seinem Haus treffen sich auch die fortschrittlichen Geister der Weimarer Zeit, darunter Albert Einstein, Alfred Döblin, Georg Grosz und Renée Sintenis. Neben politischen Aktivitäten betreibt er auch ein landwirtschaftliches Mustergut in Seelow als Versuch einer gelebten Utopie – eine Erfahrung, die für ihn im Exil in Brasilien besonders nützlich sein wird. Cardosos Roman ist somit sowohl persönliche Familiengeschichte als auch historisches Dokument.

Er zeichnet nach, wie Simon, der sich als aufgeklärter, deutscher Intellektueller versteht und seine Religion nicht praktiziert, von den Nationalsozialisten gemäß der „Ariergesetzgebung“ ausgebürgert und sein gesamter Besitz konfisziert wird. Im März 1933, gerade noch rechtzeitig vor dem Einzug ihrer Pässe, begeben er, seine Frau, seine beiden Töchter und sein Schwiegersohn sich ins Exil nach Frankreich. Acht Jahre später fliehen sie, mangels anderer Alternativen, nach Brasilien unter Präsident Getúlio Vargas; Hugo Simon und seine Frau Gertrud mit gefälschten tschechischen Papieren, der Rest der Familie mit einer französischen Identität, die ihnen die Résistance verschafft hat. Das hat schwerwiegende Folgen: Die „noms de guerre“ und das jahrelange Versteckspiel vor nationalsozialistischen Spitzeln und brasilianischen Sympathisanten der Faschisten, belegt die deutsch-jüdische Herkunft mit einem Tabu. Rafael Cardoso selbst erfährt erst mit sechzehn Jahren – nach dem Tod seines Großvaters – von seiner Herkunft. Über die Vergangenheit wird in der Familie nicht gesprochen, die Rückgewinnung der deutschen Identität ist schwierig und Hugo Simon stirbt 1950 im Exil, ohne nach Europa zurückgekehrt zu sein.

Vielleicht auch deshalb wartet Cardoso viele Jahre, bevor er den 1987 entdeckten Familienschatz hebt. Doch nachdem er diese Schwelle schließlich überschritten hatte, muss sich Cardoso lange in diesem (Zeit-)Raum aufgehalten haben. Zu den großen Qualitäten des Romans gehören die vielen, gut recherchierten Einzelheiten des Zeitgeschehens zwischen 1933 und 1945. Der Autor erzählt die Familiengeschichte aus stetig wechselnden Perspektiven der einzelnen Familienmitglieder in Kapiteln, zwischen denen jeweils ein Jahr liegt. Auch wenn vor allem Hugo Simon zu Wort kommt, werden wichtige Ereignisse ebenso von der minderjährigen Tochter Annette erzählt, wie von dem Künstler und Schwiegersohn Wolf Demeter. So setzt sich aus vielen Schlaglichtern ein ganzes Panorama dessen zusammen, was Exil persönlich, künstlerisch und politisch bedeuten kann. Das macht das „Vermächtnis der Seidenraupen“ nicht nur historisch, sondern auch literarisch spannend. Nicht zuletzt erinnert der Roman an die – aus der öffentlichen Diskussion zunehmend ausgeblendete – Notwendigkeit der Flucht aus Europa vor nur zwei Generationen. Eine Notwendigkeit, die angesichts der aktuellen Entwicklungen in Brasilien auch dort bald wieder aktuell sein könnte.

 

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