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Farbfieber an deutschen Wänden

“…da steht ein bißchen Leben drin… müßte nur alles bemalt werden”. Busbahnhof Essen-Steele. Eine bunte Spirale, Tiere, Mond und Planet auf einer ehemals grauen Betonwand werden zum Anlaß für Kommentare von PassantInnen. Die Wandmalerei in Essen stammt von Joan Cardinal-Schubert, einer kanadischen Malerin indianischer Abstammung, und drei deutschen Künstlerinnen. Ihr Bild ist nur ein Resultat der Wandmalprojekte in vierzehn nordrhein-westfälischen Städten, über deren Verlauf Bettina Bremme ein 45-minütiges Video gedreht hat. Projektgruppen aus Dritte-Welt-Engagierten und KünstlerInnen hatten auf Initiative der Düsseldorfer Wandmalgruppe “Farbfieber” MalerInnen aus Amerika eingeladen, um durch gemeinsame Wandmalereien eigene Ideen zum Thema “500 Jahre” umzusetzen und gleichzeitig unübersehbar Öffentlichkeit herzustellen. Die Malereien in Nordrhein-Westfalen sind dabei nur ein Teil einer europaweiten Aktion in über dreißig Städten.
Die Ergebnisse sind so unterschiedlich wie die Ansätze und Stile der beteiligten KünstlerInnen. Auf traditionelle Polit-Malerei lassen sich die Beteiligten nicht festlegen: Blickt von einer Hauswand in bester antiimperialistischer Tradition der zähnefletschende Yankee, finden sich andernorts abstraktere Kompositionen. Der kubanische Künstler Rolando Méndez arbeitet mit Elementen aus der afrokubanischen Malerei und versucht, eine Verbindung zu den Motiven der deutschen KollegInnen herzustellen: “Ich glaube, zwischen ihrer Malerei und unserer Malerei kann eine Beziehung bestehen. Das interessiert mich, weil ein großer Kontrast existiert zwischen den organischen Formen und dem gewaltsamen Schock des Geometrischen, des Linearen”.
Umweltzerstörung und Konsumgesellschaft werden in den Wandmalereien ebenso zum Thema wie der Rassismus in Deutschland. In Minden und Düsseldorf entstanden unter dem unmittelbaren Eindruck der Ereignisse von Rostock spontane Bilder. Die sogenannte 500-Jahre-Kampagne der “Dritte-Welt”-Bewegung konnte sich nie vom Bauchladenprinzip lösen, jeder und jede brachte ein Lieblingsthema ein – das Ergebnis war nicht selten Frust über die Beliebigkeit. In “Murales” dagegen wirken die verschiedenen Themen nie beliebig zusammengewürfelt. Das Video läßt spüren, wie gemeinsame Aktion von Deutschen und AmerikanerInnen, wie Auseinandersetzung mit den 500 Jahren Geschichte und ihren Folgen hier und dort auch anders aussehen kann. Aus den Worten der KünstlerInnen, Solidaritäts-AktivistInnen und allen anderen Beteiligten wird nachvollziehbar, mit wieviel Spaß und Einsatz dieses Projekt durchgeführt worden ist. Und nicht zuletzt sprechen die Bilder für sich.
Bettina Bremme hat ein Video gedreht, das mit drögen Aneinanderreihungen von Interviews und Aufnahmen nichts zu tun hat. Bilder, Worte und Musik lassen das Gesamtprojekt Wandmalerei nicht nur rational verständlich, sondern auch fühlbar werden. Aber auch für einen historischen Überblick über die Wurzeln der lateinamerikanischen Wandmalerei in Mexiko bleibt Raum, ebenso wie für ausführliche Kommentare der KünstlerInnen selbst zu ihrer Arbeit und für Interviews am Rand des europäischen Wandmalkongresses in Düsseldorf vom Oktober 1992.
Erfolgserlebnisse mit gelungenen Projekten waren im Rahmen der 500-Jahre-Kampagne eher selten, umso mehr motiviert es, wenigstens per Video zu sehen, wie Austausch und Diskussion und deren kreative Umsetzung zwischen AmerikanerInnen und Deutschen im Wandmalprojekt konkret geworden sind.
Bleibt nur die Empfehlung: Ansehen und Einsetzen in der eigenen Arbeit.

“Murales” – Video, 45 min., von Bettina Bremme; zu beziehen bei: Landesarbeitsgemeinschaft Dritte Welt NRW; Achtermannstraße 10-12; 48143 Münster; Tel.0251-45431.

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