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Ganz normale Absurdität

Sebastián Urrutia Lacroix, chilenischer Dichter, Priester und Literaturkritiker, liegt im Sterben und verbringt seine letzte Nacht auf Erden damit, im Fieberwahn sein Leben Revue passieren zu lassen. Ohne Luft zu holen und ohne Absatz strömt sein Bewusstsein – oder der phantasierende Rest davon – durch Zeiten und Jahre, wobei seine Rede penibel ausführlich bis zerstreut flüchtig die eigene Vergangenheit beleuchtet und beschattet. In die subjektiv verzerrte Wirklichkeit Chiles und Europas des zwanzigsten Jahrhunderts eingebettet, begleitet der/die LeserIn den Ich-Erzähler durch sein seltsames Leben: von den Anfängen seines literarischen und beruflichen Wirkens über die Bekanntschaft mit dem schwulen Literaturkritiker Farewell, durch die Phasen von Diktatur und Unruhen, bis hin zu seinem Tod.
Nach dem Militärputsch zum Beispiel schickt man Lacroix auf eine Reise durch Europa, welche der Erforschung von Maßnahmen gegen Taubendreckschäden an Kirchen dienen soll, und während der Demonstrationen gegen Allende liest der Erzähler beflissen griechische Tragödien. Groteske Situationen wie diese sind es, die der ahnungslose und naive, paradoxerweise zugleich jedoch belesene und intelligente Lacroix zum Besten gibt. Seine Erzählung schlingert und schwebt, steuert und springt zwischen den Kontinenten und Ereignissen hin und her und vor und zurück, wobei sie Nebensächliches in den Fokus rückt und mit Nebensätzen Wesentliches streift. Ganz am Rande zum Beispiel ist zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges „die europäische Kultur emsig damit beschäftigt, sich selbst unter viel Lärm und Geschrei in Schutt und Asche zu legen“. Mehr Kommentare hat der Dahinscheidende an Stellen wie dieser nicht übrig, und Ignoranz in Verbindung mit Naivität lässt ihn sein Leben lang bei so Einigem mitspielen ohne auch nur im Ansatz zu begreifen, worum es geht. Die Meinung Lacroix´ ist immer das Fähnchen im Wind und dieser weht ihn schließlich als Lehrer vor die komplette Militärjunta unter Pinochet, welcher er auf Befehl einen Crashkurs in Sachen Marxismus gibt. Als diese Ungeheuerlichkeit ans Licht kommt, reagieren die Bekannten des Priesters mit Schweigen und auch den Rest der Chilenen scheinen dergleichen Ereignisse unter der Militärdiktatur nicht zu interessieren. Stellvertretend für einen Großteil der Bevölkerung ignoriert später der Erzähler unter dem Motto „Immer mit der Ruhe“ die Existenz eines Folterkellers im Hause der Schriftstellerin María Canales und ihres Mannes, Charaktere, die Entsprechungen in der historischen Realität haben. Lacroix erklärt dergleichen lapidar mit der Ausgangssperre, welche zu Langeweile unter den Intellektuellen führte, und so der Grund für das intellektuelle Vakuum und die Stille zu Zeiten der Diktatur gewesen sei. Es wurde eben totgeschwiegen, was ging – und Jahrzehnte später schreit es Anklage und Kritik zwischen den Zeilen.
Chilenisches Nachtstück des im Jahr 2003 mit erst fünfzig Jahren verstorbenen Autors Roberto Bolaño ist ein Roman wie ein geschickt gewobener Flickenteppich aus Geschichte, Psychologie und Philosophie. Die Lektüre gestaltet sich kunterbunt, unterhaltend, anspruchsvoll und spannend. Man sei vorgewarnt: Sebastián Urrutia Lacroix ist ein hochmütiger und äußerst unzuverlässiger Ich-Erzähler, welcher sich ständig selbst widerspricht.
Bolaños Sätze erreichen manchmal fast die Zwei-Seiten-Grenze und streckenweise könnte das Fremdwörterbuch beim Lesen ein hilfreicher Begleiter sein. Der Autor greift tief in die Zauberkiste literarischer Erzähltricks und beherrscht sein Handwerk tadellos, so dass man mit diesem Buch letztendlich ein ausgefeiltes Kunstwerk vor sich liegen hat. Der Roman würde jedem/jeder LiteraturwissenschaftlerIn ausreichend Stoff für eine Doktorarbeit liefern, ohne dass man jedoch als weniger in der literarischen Theorie bewanderter Leser überfordert oder gelangweilt wäre – im Gegenteil!
Konkret ist hier die Vielschichtigkeit des Textes anzuführen, welche beispielsweise als versteckte ironische Ebene sichtbar wird. Diese fällt im Erzählerbericht für den/die LeserIn als Groteske, Widerspruch oder schlichte Komik auf, ohne dass Lacroix selbst etwas von der Absurdität seiner Geschichten bemerken würde.
Weiterhin ist Bolaños Stil einfach wunderbar: er spielt mit Zeit und Raum und lässt seinen Erzähler so auffallend perspektivisch verzerrt berichten, dass man als LeserIn sein/ihr pures Vergnügen hat. Kunstvolle Metaphern und Allegorien; bunte und sehr welthaltige Bilder schmücken die Lektüre, während der Autor selbst ab und zu die LeserIn austrickst. So passiert es, dass man, kopfschüttelnd und lächelnd ob der Schalkhaftigkeit und Genialität Bolaños, nach Seiten erst bemerkt, dass sich die Erzählung ausführlich in einer absoluten Nebenhandlung verirrte oder plötzlich nicht mehr Lacroix, sondern, durch diesen vermittelt, Farewell spricht. Wie es sich für einen großen Roman gehört trifft man, zwischen den Zeilen oder in die Ereignisse eingeflochten, auf große Geister wie Goethe, Freud und Neruda. Der Erzählton wechselt vereinzelt zur fast kitschigen Romantik oder zum dadaistisch anmutenden Telegrammstil. Ganz am Rande werden philosophische Nüsse wie `Gott & Zufall´ und das Thema Weltliteratur verhandelt. Wenn man im „Labyrinth der Träume“ oder im Fieber mit Lacroix durch die chilenische Militärdiktatur fliegt, lässt eine merkwürdig faktengeladene Kühle und Distanz des Erzählstils das Geschehen eindringlich wirken – Schrecken und Kritik verbirgt der Autor auf anderer Ebene. Er spielt mit den Grenzen zwischen historischer Realität und Fiktion wie auch mit der Wahrheit über das (Er-)Leben seines Protagonisten, welches man sich als LeserIn soweit wie möglich über den Bericht hinweg selbst erschließen muss.
Mit diesem im Jahr 2000 in Spanien und dieses Jahr auf deutsch im Hanser Verlag erschienenen Roman ist Bolaño ein viel beachtetes Buch gelungen, welchem schon jetzt zu Recht ein Platz im Kanon der Weltliteratur zugesagt wird. Der chilenische Autor weiß, wovon er schreibt: er selbst wurde 1973 nach dem Militärputsch inhaftiert, ging ins Exil nach Mexiko und 1976 nach Spanien. Chilenisches Nachtstück ist sein siebter auf deutsch erschienener Roman, erstklassig übersetzt von Heinrich von Berenberg. Sprachlich brillant und inhaltlich höchst anspruchsvoll, tänzerisch schwebend und doch von grabessamtener Schwere entführt Roberto Bolaño mit diesem Buch in eine Welt aus Staub und Schatten, Zauber und Phantasie.

Roberto Bolaño // Chilenisches Nachtstück // Aus dem Spanischen von Heinrich von Berenberg // Hanser Verlag // München 2007 // 17,90 Euro

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