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Ganz normale Monster

Joaquín wächst unter Monstern auf. Der Direktor der Eliteschule prügelt ihn auf den blanken Hintern und masturbiert dabei. Im Jugendlager des Opus Dei, wo er auf Betreiben seiner tiefkatholischen Mutter gelandet ist, betatscht ihn einer der Laienbrüder, und sein eigener Vater, ständig bemüht, seinen Sohn zu einem richtigen Macho zu erziehen, schenkt ihm zum 15. Geburtstag einen Besuch im Puff. Dort klappt allerdings gar nichts, denn Joaquín kommt nicht in Fahrt. Immerhin gehört die Prostituierte zu den wenigen positiven Figuren und rät dem peinlich berührten Joaquín, es doch einfach mal mit Männern zu probieren.
Auf 500 Seiten breitet Bayly die Lebensgeschichte Joaquíns bis etwa zu seinem 30. Lebensjahr aus, läßt ihn als Kokser eine Drogenkarriere machen, aber vor allem geht es natürlich um sein Schwulsein. Alle denkbaren Vorurteile und Reaktionsweisen kommen in Gestalt verschiedener Freundinnen, Freunde, Liebhaber und Verwandten auf ihn zu, garniert immer wieder mit einer Prise Sex. Die Botschaft schwebt in dicken Lettern unübersehbar über dem ganzen Roman: Hinter der bürgerlichen Fassade lauern perverse Monster, Kinderschänder und Homophobe. Die Idylle der Wohlsituierten Limas ist gar keine Idylle.

Schablonen und Sex

So weit, so gut, das ist nicht wirklich überraschend, aber immerhin spricht Bayly aus, was sich alle anderen nur denken und das mit bemerkenswerter Offenheit. Nur leider bleiben Baylys Figuren dabei Schablonen. Niemand wird im Verlauf des Romans wirklich zur Persönlichkeit, jeder hat seine Rolle und sein Etikett in Sachen Vorurteile gegen Schwule: die Freundin nach dem Motto “schade eigentlich, Du siehst doch gut aus und könntest so viele Freundinnen haben”, der Liebhaber, der doch irgendwann standesgemäß heiraten und Kinder haben will, all die guten Bürger, die bei Gelegenheit gerne mal die Homo-Seite rauslassen, wenn’s keiner mitbekommt. Der Roman wird dabei schlichtweg langweilig, denn schon nach wenigen Sätzen des jeweiligen Dialogs ist klar, welche Schablone diesmal zum Tragen kommt, und im Zweifelsfall landet die Szene doch wieder beim immergleichen Thema, das hier genauso schablonenhaft abgehandelt wird wie die beteiligten Personen: Sex.
Es überrascht nicht, daß der Roman, als er 1994 unter dem Titel “No se lo digas a nadie” in Peru auf den Markt kam, zum Thema für die Klatschspalten wurde. Jaime Bayly ist durch seine viel gesehene Talkshow bekannt. Allein schon die Tatsache, daß ein Prominenter aus dem Fernsehen in einem Buch jede Menge Sex bietet, dazu auch noch schwulen Sex, sicherte ein breites Publikum.

Stoff für die Klatschspalten

Besondere literarische Qualität sagte dem Roman in Peru nach Kenntnis des Rezensenten damals niemand nach, Thema war vor allem die Frage: Ist dieser Roman autobiographisch und wenn ja, wer steckt real hinter den beschriebenen Personen? Ohne diese Frage befriedigend beantworten zu können, läßt sich jedenfalls feststellen: Die Parallelen zwischen der Figur Joaquín und dem real existierenden Jaime Bayly reichen aus, um Spekulationen Nahrung zu geben.
Bleibt die Frage, warum dieser Roman ins Deutsche übersetzt und hier veröffentlicht werden mußte. Der Ammann Verlag in Zürich bemüht sich um jüngere lateinamerikanische Autoren, so erschien in diesem Jahr dort auch “Das tägliche Nichts” der Kubanerin Zoé Valdés (vgl. LN 268). In einer Zeit, in der das öffentliche Interesse an Lateinamerika mehr und mehr abnimmt, ist es nur wünschenswert, daß dieses Engagement weiter ausgebaut wird. Auch in Peru sollten sich Werke von weniger prominenten AutorInnen finden lassen, die bei der Behandlung von gesellschaftlichen Tabus mehr mit dem Seziermesser als mit der Abrißbirne arbeiten.

Jaime Bayly: “Sag es keinem”. 510 Seiten, Ammann Verlag, Zürich, 1996

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