Nachruf | Nummer 276 - Juni 1997

Gegen die Kultur des Schweigens

Paulo Freire zum Gedenken

Paulo Freire ist tot. Das letzte Interview, das er gab, war dem Thema Gewalt gewid­met. Drei Söhne von Großgrundbesitzern aus Nordost-Brasilien hatten Mitte April “aus lauter Langeweile” einen Indianerführer mit Benzin übergossen und angezün­det. Man könnte fast meinen, daran sei sein Herz gebrochen, denn kurz danach, am Morgen des 2. Mai, blieb sein Herz stehen. Immer häufiger war Paulo Freire in den letzten Jahren gerufen worden, wenn die gna­denlose Gewalt gegen Landlose, Stra­ßenkinder und Frauen die Mitmenschen sprachlos machte. Die “Kultur des Schwei­gens” in eine Kultur der Hoffnung zu verwandeln, diesem Auftrag ist Paulo Freire sein ganzes Leben lang treu geblieben.

Ilse Schimpf-Herken

75 Jahre alt ist er geworden. Allein sechzehn davon mußte er im Exil leben, weil die brasilia­nischen Mi­litärdiktatoren ihn nach dem Staats­streich 1964 we­gen seiner so erfolg­reichen Al­phabetisierungsarbeit unter der armen Bevölkerung als “Sub­ver­si­ven” ins Gefängnis warfen. Er hat­te eine Methode der Con­scien­tizaçâo, der politi­schen Al­pha­betisierung, entwic­kelt, die das Erlernen des Lesens und Schrei­bens mit einer kollek­tiven Kul­turarbeit ver­band. Im Exil in Chi­le schrieb Paulo Freire sein be­kann­testes, bis heute in 16 Sprachen über­setz­tes Buch “Die Päd­agogik der Unter­drückten”. Es wurde in­zwi­schen in aller Welt mehr als 500.000 Mal ver­kauft. In der Ar­beit mit den Bau­ern in Chile war Frei­re erneut bestätigt worden, was schon seine zentrale Er­kennt­nis in Bra­silien gewesen war, daß nämlich die alltäg­liche Er­fahrung von Gewalt die Unter­drückten zum Schweigen bringt. Sie werden gehorsam und “ver­ler­nen”, die Wirklichkeit als ein Macht­ver­hältnis zu erkennen. Anstatt die Täter bzw. die Ur­sa­chen der Un­gerechtigkeit anzu­kla­gen, fühlen sie sich ohn­mäch­tig, internalisie­ren die Werte der Un­ter­drücker und ver­drängen die ei­gene Lei­denserfahrung.
Befreiung, soziale Gerechtig­keit, Frieden, – dieses waren die großen Themen, denen sich Freire in den Jahren beim öku­menischen Weltrat der Kirchen annahm, wo er von 1971 bis 1980 arbeitete. Von hier aus konn­te er die jungen, gerade an die Macht gelangten Befreiungs­bewegungen in Afrika bei ihren Al­phabetisierungskampagnen un­ter­stüt­zen. In Nicaragua, aber auch in verschie­denen Län­dern A­siens, war er Be­rater von Bil­dungs­ministerien und sozia­len Be­wegungen. Insbesondere die Er­fahrungen in Afrika beein­druckten Freire tief, weil hier die traumati­sierenden, entfremden­den Aus­wirkungen kolonialer Sy­steme im sozio-kulturellen Kon­text multiethnischer Gesell­schaften sehr deutlich wurden. Wie später auch in Ni­caragua ver­suchte Freire, mit den staatli­chen Bil­dungsinstitutionen die Freiräume für eine Demokrati­sierung der Erzie­hung zu nutzen und hierbei gleichzeitig die An­erkennung und Förderung inter­kultureller bzw. autonomer Bil­dungsansätze zu er­möglichen. “Die Briefe aus Guinea Bissau” geben einen tiefen Einblick in den Konflikt Zentralstaat ver­sus Mul­tiethnizität und die große Ver­ant­wortung, die die Erzie­hung in der Vermittlung und Förderung des Dia­logs hat.
Diese zweite Epo­che Freires Wirkens endete 1980, als er nach der Redemo­kratisierung Brasili­ens erneut eine Einreisegeneh­migung in sein Land erhielt. Er lebte von jetzt an in Sâo Paulo und widmete sich vornehmlich bildungspolitischen Fragen, un­terrichtete an ver­schiedenen Univer­sitäten und war von 1989 bis 1991 Bil­dungsminister von Sâo Paulo, dem bevölkerungs­reichsten brasilia­nischen Bun­des­land. Insbesondere in seiner ho­hen politi­schen Funktion mach­te Freire durch seine mensch­liche Haltung im Um­gang mit all­täglichen, büro­kra­tisch­en Pro­ble­men deutlich, daß die Schule und die staatlichen Behörden in einer autoritären Tradition ste­hen, die ihrer eigentli­chen Auf­ga­ben­be­stim­mung entgegenste­hen. Schritt für Schritt “ver­mensch­lichte” er die Schule, ausge­hend von der Sorg­falt, mit der die Gebäude von den Nutzer­In­nen ge­pflegt wer­den, das Haus­meis­ter- und Kü­chen­perso­nal zu res­pek­tierten Teil­nehmer­In­nen im Schul­kol­le­gi­um wer­den oder die Leh­rer­In­nen mehr An­er­ken­nung durch bes­sere Löhne und eine engere El­tern­arbeit er­hal­ten. In diesen Jahren war er un­er­müd­lich im In- und Ausland un­ter­wegs, um über die große Be­deu­tung der Leh­rerperson für die Bildung von Kindern zu spre­chen. Seine Bü­cher aus die­ser Zeit konzi­pierte er in dialogi­scher Brief­form, meos livros fa­lados (meine ge­sprochenen Bü­cher), wie er diese außerge­wöhn­lich kom­mu­ni­ka­tiven wis­sen­schaft­lichen Re­flex­ionen nennt.
Nach seinem Rück­tritt von dem Re­gierungsamt 1991 be­gan Freires vierte Schaffenspe­riode. Er setzte sich zuneh­mend mit Fragen zu Umwelt und Glo­balisierung ausein­ander, formu­lierte immer neue Kritiken am Neo­liberalismus und wurde in sei­nem Land Brasilien zu einer ethi­schen In­stanz. Je mehr das Dik­tat der Wirt­schaft die sozia­len Bewegungen bedrängt bzw. zer­stört, desto notwendiger wird sei­ne Stimme der Hoffnung. Eine Stimme, deren Ver­stummen ei­nen großen Verlust für Latein­ame­rika und die Welt bedeutet.

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