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Gegen Staudämme und Biopiraterie

Im Rahmen des Plan Puebla Panamá (PPP/siehe Kasten) sollen in der Region vom Süden Mexikos bis nach Panamá insgesamt 70 Staudämme gebaut werden, davon 32 in Chiapas. Der Strom, der mittels der Staudämme produziert wird, ist hauptsächlich für den Export in die USA und für Projekte im Rahmen des PPP bestimmt, zum Beispiel für die in dieser Region entstehenden Maquiladoras. Vom 21. bis 24. März 2002 fand dazu in Guatemala das mesoamerikanische Foro por la Vida (Forum für das Leben) statt.
Das Forum sollte Öffentlichkeit über diese Pläne und deren katastrophale Auswirkungen für die betroffene Bevölkerung herstellen. Zwischen den Menschen, die mit den Auswirkungen bereits existierender Staudämme leben müssen, und den Betroffenen der geplanten Projekte wurden Informationen und Erfahrungen ausgetauscht. Die Organisierung von überregionalem Widerstand gegen diese Bauvorhaben und die damit verbundene Vertreibung der Bevölkerung war ein Schwerpunkt des Forums.

Das Forum für das Leben

Ort des Treffens war die Bauernkooperative Unión Maya Itzá im Regenwald El Petén. Diese Region ist durch fünf geplante Staudämme des Grenzflusses Usumasinta bedroht. Ungefähr 350 Menschen aus verschiedenen mittelamerikanischen Ländern, aus Kolumbien und der Dominikanischen Republik, sowie einige Nichtlatinos nahmen am Forum teil und wurden bei den Familien der Kooperative untergebracht. Während des Krieges in Guatemala flüchteten diese Familien nach Mexiko, dessen Regierung sie 1993/94 wieder zurück nach Guatemala schickte. Seither haben sie sich dort ein neues Leben aufgebaut. Es gibt eine Schule, Versammlungsräume und einen Krankenraum in dem ein kubanischer Arzt arbeitet, da Kuba Guatemala auf medizinischem Gebiet unterstützt. In der Kooperative wohnen ungefähr 100 Familien in weit auseinander liegenden, meist aus Wellblech gebauten Hütten. Es gibt keinen Strom, das Wasser wird von Frauen und Mädchen an einer Zisterne oder am nahe gelegenen Fluss geholt. Die BewohnerInnen halten Hühner, Truthähne, Ziegen und Schweine.

Der Staudamm von Rio Chixoy

Am ersten Tag des Forums berichteten mehrere Organisationen aus verschiedenen Ländern von ihren Protesten und Kämpfen gegen die Staudammprojekte. In den Jahren 1976-83 wurde beispielsweise in Guatemala der Staudamm von Rio Chixoy gebaut. Damals wurden mehr als 20 Gemeinden überflutet. In dieser Zeit herrschte in Guatemala ein Krieg, in dem 140.000 Menschen von den Militärs ermordet wurden, darunter viele, die sich gegen den Bau des Staudamms organisierten.
Die Regierung versprach den vom Bau des Staudamms betroffenen BewohnerInnen neue Häuser, fruchtbares Land, Lastwagen und Boote um den Staudamm überqueren zu können. Nichts davon wurde eingehalten. Das Land, das ihnen zugewiesen wurde, war so klein, dass es nicht einmal genügend Platz für die Tierhaltung gab. Die Lebensbedingungen haben sich grundlegend verschlechtert und durch die Enge haben Nachbarschaftskonflikte stark zugenommen.
Drei Männer aus der betroffenen Comunidad Río Negro berichteten auf dem Forum, dass in diesem Zusammenhang über 400 Menschen ermordet wurden. Nüchtern zählten sie auf: Am 30. Februar 1982 wurden 70 Campesinos ermordet, am 3. März 1982 wurden 70 Frauen und 107 Kinder ermordet.
Die Männer erzählten, dass sie damals keine Vorstellung davon hatten, was ein Staudamm ist. Sie befragten die Ältesten im Dorf, deren Meinung war, dass von Menschen Hand kein Fluss so vergrößert werden könne, die Macht dazu hätte nur Gott alleine. So gab es hier nur relativ wenige, die sich gegen den Bau des Staudamms aussprachen. Der Tag an dem das Tal überflutet wurde, brachte den Menschen eine soziale und ökologische Katastrophe.
Die ihnen versprochenen Boote haben sie nie erhalten, so dass es bis zum heutigen Tag für die Menschen der jeweils anderen Seite des Stausees keine Möglichkeit mehr gibt, sich zu treffen und so auch der Handel mit Waren nicht mehr stattfinden kann. Vor dem Bau wurde ihnen erzählt, dass der See acht Kilometer lang werden wird, heute hat er eine Länge von 52 Kilometern. Auf dem Forum beinhalteten alle Berichte die übereinstimmende Erfahrung, dass die zuvor gegebenen Versprechungen der Regierungen aus Ländern wie Costa Rica, Belize, Kolumbien und der Dominikanischen Republik nach Fertigstellung der Staudämme so gut wie nie eingehalten wurden.

Geplante Zwangsumsiedlungen in Montes Azules

Zwangsumsiedlungen werden nicht nur vor dem Hintergrund von Staudammprojekten durchgesetzt. Im Rahmen des Forums wurde auch die Bedrohung der Gemeinden von Montes Azules thematisiert.
An diesem Gebiet im Südosten von Chiapas besteht auf Grund der dort vorkommenden reichhaltigen Ressourcen großes internationales Interesse. 35 Gemeinden sollen angeblich aus Naturschutzgründen zwangsumgesiedelt werden. Diese Gemeinden bestehen zum Teil schon seit den fünfziger Jahren, andere entstanden später durch Kriegsflüchtlinge aus anderen Regionen Chiapas. Das Gebiet wurde erst viel später, in den siebziger Jahren, zum Naturreservat erklärt. Die damals zugesagten Landtitel haben die BewohnerInnen nie erhalten.
Die EinwohnerInnen mancher Dörfer sind zapatistisch, andere Gemeinden sind von Anhängern der Partido Revolucionario Institucional (PRI) oder der indigenen Bauernorganisation ARIC bewohnt. Weil die PRI, die jahrzehntelang an der Macht war, vor zwei Jahren die Wahl verloren hatte, fand eine bereits geplante Vertreibung zunächst nicht statt.
Aber Montes Azules ist einer der „Hotspots“ der Biodiversität in Chiapas, es gibt Erdölvorkommen und große Mengen sauberen Wassers. Zwei der weltweit größten Biotech- und Pharmakonzerne, Monsanto und Novartis, haben sich „großzügig“ bereit erklärt, nach der Räumung des Gebietes den Naturschutz zu gewährleisten. Drei der Gemeinden werden nicht geräumt, sie sollen vermutlich Teil eines ökotouristischen Projektes werden. Solche Projekte sind auch Teil des PPP.
Eingebettet in wunderschöne Natur sollen von großen Tourismuskonzernen Hotel- und Freizeitanlagen für den exklusiven Geldbeutel errichtet werden. Schöne Flüsse, Seen und Höhlen werden dann auf Privatgelände liegen und nicht mehr für die Allgemeinheit zugänglich sein. Die verbleibende Bevölkerung dient dann als billige Arbeitskraft und sorgt für eine folkloristische Kulisse.

Biopiraterie im Regenwald

Die geplanten Zwangsumsiedelungen in Montes Azules sind aber auch auf andere Weise Bestandteil des Plan Puebla Panamá, da die große biologische Artenvielfalt für die Biotech- und Pharmakonzerne sowie für die Agrarindustrie von großer Bedeutung ist. Die noch vor kurzem getrennten Bereiche der Pharma- und Agrarindustrie verschmelzen zunehmend zu großen Biotechnologiekonzernen.
Geplant sind mehrere Bioprospektionsprojekte, die gezielte Suche nach Pflanzen und Tieren, die nützliche und verwertbare Substanzen enthalten. Die DNA vieler Pflanzen soll entschlüsselt und patentiert werden. Die Konzerne wollen sich die Exklusivrechte auf Heilpflanzen und deren Wirkung, sowie auf wichtige Grundnahrungsmittel wie Mais und Bohnen sichern. Alleine die Pharmaindustrie verdient jährlich rund 40 Milliarden US-Dollar an Medikamenten, die auf der Grundlage von Pflanzen und traditionellem Heilwissen entwickelt wurden. Indigene Rechte auf „ihre“ Pflanzen werden dabei ignoriert.
Schon 1996 wurde für die Koordinierung der verschiedenen Projekte in diesem Bereich ein Plan entworfen, der sich Coridor Biológico Mesoamerica nennt und heute zum Kern des PPP gehört. Aus Veröffentlichungen der Weltbank, die einen Großteil der Finanzierung der Projekte sicherstellt, geht hervor, dass die Kommerzialisierung der biologischen und genetischen Vielfalt ein wichtiges zu erreichendes Ziel ist. Durch die Kommerzialisierung der Biodiversität wird der davon betroffenen indigenen Bevölkerung die Lebensgrundlage entzogen, da sie beispielsweise ihre Heilpflanzen nur noch nach Genehmigung des Patent innehabenden Konzerns nutzen darf.

Die Widerstandsperspektiven

Wie aber soll der Widerstand gegen die Vorhaben organisiert werden? Bei den fertig gestellten und geplanten Staudammprojekten sind es vor allem indigene Bauern, die von den verheerenden Auswirkungen dieser Projekte betroffen sind. Hunderttausende verlieren ihr Land, ihre Häuser und nicht zuletzt ihre Kultur. Die Beteiligten des Forums waren sich darüber einig, wie wichtig es sein wird, in Zukunft stärker, auch Länder übergreifend zusammenzuarbeiten und dass die verschiedenen Organisationen aus den einzelnen Ländern ihre Zwistigkeiten begraben müssen, wenn es eine Chance auf erfolgreichen Widerstand geben soll. „Wenn diese Pläne uns allen aufgezwungen werden, müssen wir uns auch zusammen wehren“, so ein Forumsteilnehmer.
Das Abschlusskommuniqué wurde von 98 Organisationen aus 21 Ländern unterzeichnet: „Agua, Luz y Tierra para el Pueblo“, Wasser, Strom und Land für das Volk. Die TeilnehmerInnen des Forums sprachen sich gegen den Bau von Staudämmen, gegen den Plan Puebla Panamá, das geplante Freihandelsabkommen für Amerika (ALCA) und gegen Biopiraterie aus.
Alle Institutionen, die diese Projekte finanzieren, wurden verurteilt und aufgefordert, diese Vorhaben zu stoppen. Die lateinamerikanische Bevölkerung wurde aufgerufen, sich am Widerstand zu beteiligen, und die Regierungen aufgefordert, diese Art von Projekten sofort einzustellen, weil sie gegen die Interessen der Gemeinden und Dörfer gerichtet sind. Mit allen lateinamerikanischen Bewegungen, die gegen Staudämme kämpfen, erklärte man sich solidarisch.

KASTEN:
Der Plan Puebla Panamá (siehe auch LN 336)

Guatemala, Belize, El Salvador, Honduras, Nicaragua, Costa Rica, Panama sowie die neun südlichsten Bundesstaaten Mexikos sind vom Megaprojekt PPP betroffen. Internationale Konzerne und die USA verplanen diese Länder auf mehreren Ebenen. Ziel ist es, die dort vorhandenen billigen Arbeitskräfte und die vielfältigen natürlichen Ressourcen (Tiere, Pflanzen, fruchtbarer Boden, Wasser und Rohstoffe) vor allem transnationalen Unternehmen zugängiglich zu machen.
Die Arbeitskraft im Süden Mexikos gilt als 40 Prozent billiger als in den freien Produktionsstätten, den so genannten Maquiladoras, im Norden Mexikos. Es gibt hier ein großes „Potenzial“ armer und ungebildeter Menschen in nächster Nähe zu den USA. Dies soll bald auch im Süden Mexikos und in Mittelamerika in einer ganzen Reihe von geplanten Maquiladoras eingesetzt werden, um so billig und ohne soziale Absicherung für den Weltmarkt produzieren zu können.

Monokulturen

Großflächige Plantagenpflanzungen von beispielsweise Eukalyptus oder der Palma Africana sind ein weiterer Bestandteil des PPP. Diese zur industriellen Papier- und Ölherstellung verwendeten Pflanzen sind in subtropischem Klima schon nach sechs Jahren ausgewachsen, in Skandinavien zum Beispiel benötigen sie 80 Jahre. Der für die Plantagenpflanzungen benutzte Boden ist nach diesen sechs Jahren allerdings komplett ausgelaugt und für einen längeren Zeitraum unbrauchbar. Aus diesem Grund wird geplant, den Indígenas das entsprechende Land nicht abzukaufen, sondern es lediglich zu pachten. Die Erträge dieser mit Pestiziden und Dünger gezüchteten Monokulturen sind für den Export bestimmt, die entsprechenden Gebiete fehlen den Menschen zum Anbau ihrer eigenen Grundnahrungsmittel.

Die geostrategische Bedeutung des PPP

Als Alternative zum Panamakanal sollen zwischen dem Pazifik und dem Golf von Mexiko eine Verbindungsstraße und neue Häfen gebaut werden. Am Istmus von Tehuantepec, zwischen Oaxaca, Veracruz und Chiapas, kann somit über eine nur 240 Kilometer lange Straße der Gütertransportweg zwischen den Produktionsstätten der Ostküste der USA und Asien enorm verkürzt werden. Es existieren Gerüchte, wonach entlang dieser Linie eine neue, innerstaatliche Grenze Mexikos errichtet werden soll. Im Gegensatz zu der 3000 Kilometer langen Grenze zwischen den USA und Mexiko könnten hier MigrantInnen noch effektiver zurückgehalten werden.

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