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Gender – ein leiser Kulturwandel ?

Bei Frauen bewirken die Gender-Fortbildungen häufig eine Bewußtwerdung der eigenen Stärken, während Männer meistens mit Abwehr auf das Thema reagieren“, so schildert Sara Hilarión, Psychologin und Gender-Trainerin aus Bogotá, die Reaktionen auf ihre Arbeit. Die Ausbildung zur Gender-Trainerin erhielt sie in einem dreiwöchigen Seminar, das die kolumbianische Gleichstellungsbehörde in Zusammenarbeit mit dem Projekt “Proequidad” der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) durchgeführt hat. Insgesamt wurden in den Seminaren 60 Gender-TrainerInnen ausgebildet (darunter 4 Männer), die aus verschiedenen Regionen Kolumbiens stammen und nun als ‘lokale ExpertInnen’ fungieren. Sie bieten den MitarbeiterInnen von NROs und staatlichen Institutionen Fortbildungen an, die letztendlich darauf abzielen, daß die Organisationen geschlechterdifferenzierend arbeiten, d.h. in ihrer Arbeit die unterschiedlichen Bedürfnisse und Problematiken von Männern und Frauen beachten. Je nach Interesse und Nachfrage einer Organisation führt ein/e Gender-TrainerIn Sensibilisierungskurse mit den MitarbeiterInnen durch oder auch langfristige Projektberatungen, bei denen innerhalb der Organisation MultiplikatorInnen ausgebildet und neue Arbeitskonzepte entwickelt werden.
Nur wenige der 60 ausgebildeten Gender-TrainerInnen können von der Durchführung der Fortbildungen leben, die meisten haben ein zweites berufliches Standbein. Sie arbeiten bspw. als Dozentin an der Uni oder sind MitarbeiterInnen in einer NRO, denn der Arbeitsmarkt als Gender-TrainerIn ist unbeständig und regional sehr verschieden. Während die Gender-TrainerInnen in Bogotá und Medellín relativ viele Angebote bekommen, sieht es insbesondere in den ‘entlegeneren’ Regionen wie etwa an der Karibikküste eher mager aus.
Daß überhaupt ein Arbeitsmarkt für die Gender-TrainerInnen existiert, läßt sich auf verschiedene Faktoren zurückführen: Auf der einen Seite wurden 1991 mit der Verabschiedung einer neuen Verfassung die Weichen – zumindest formal – zugunsten der Gleichstellung und Gleichberechtigung der Frau in Kolumbien gestellt. Die neue Verfassung spricht sich explizit gegen die Diskriminierung von Frauen aus und erklärt u.a. den Staat dafür verantwortlich diese zu vermindern. Als die kolumbianische Regierung 1994 zusätzlich die erste integrale Frauenpolitik – „Politik zur Gleichberechtigung und Partizipation von Frauen“ – verabschiedete, wurde es Zeit, sich tatsächlich darüber Gedanken zu machen, wie diese nun konkret in den staatlichen Institutionen umzusetzen sei. Für die Erarbeitung neuer Arbeitsmethoden bedurfte es professioneller Beratung – Arbeit für eine Gender-Trainerin.

Gender – das “Sesam öffne dich” …

Auf der anderen Seite ist die Nachfrage nach Gender-Fortbildungen von Seiten der NROs ebenfalls erheblich gestiegen. In den meisten Fällen hängt dies mit den internationalen Finanzgeberorganisationen zusammen. Steht Gender als derzeitiges „Sesam öffne dich“ des entwicklungspolitischen Geschehens nicht in den Projektanträgen der NROs, bleiben die Pforten für die Gelder in der Regel verschlossen. Wer also finanzielle Unterstützung aus dem Ausland will, sollte zumindest wissen, was ‘Gender’ ist und diesen Begriff auch ab und zu einmal in den Projektanträgen fallen lassen. Bisweilen bekommt eine NRO die Gender-Fortbildung von ihrer Finanzgeberorganisation auch direkt aufgedrückt. So schildert es zumindest eine Mitarbeiterin von „Penca de Sábila“, einer umweltpolitisch arbeitenden NRO in Medellín. Die MitarbeiterInnen ihrer Organisation haben eigentlich nur an der Gender-Fortbildung teilgenommen, weil es die holländische Finanzgeberorganisation gefordert habe. Für sie sei der Gender-Ansatz ein politischer Rückschritt, denn „Penca de Sábila“ habe sich bislang radikaler für Fraueninteressen eingesetzt als dies der Gender-Ansatz impliziere. Häufig verbindet sich natürlich das Eigeninteresse einer NRO an einer Gender-Fortbildung mit den Interessen der finanziell unterstützenden Partnerorganisation.
Daß die TeilnehmerInnnen auf eine Gender-Fortbildung überwiegend positiv reagieren, ist eher die Ausnahme. Im Gegenteil, so berichten viele Gender-TrainerInnen, gebe es auch viel negative Reaktionen auf ihre Arbeit. Besonders am Anfang seien die TeilnehmerInnen häufig angespannt und unsicher. „Einige machen Witze, um den Status des Themas zu verringern, andere weigern sich aktiv teilzunehmen und wieder andere labern einfach herum, ohne sich auf das Thema einzulassen (…) und“, so betont Sara Hilarión, „je intellektueller die Leute sind, desto mehr Angst haben sie vor dem Thema“.
Wechselt man die Seite und fragt bei den MitarbeiterInnen derjenigen staatlichen Institutionen und NROs nach, die an einer Gender-Fortbildung teilgenommen haben, was es ihnen gebracht habe, so erhält man oft folgende Auskünfte: Die Fortbildung habe sowohl auf der persönlichen als auch der professionellen Ebene ein Umdenken in Gang gesetzt.

Von Nonnen und Agrarfunktionären

Eine Nonne, die eine Mädchenschule in Bogotá leitet, berichtet, sie habe sich anfangs gegen dieses Konzept gesträubt. Es sei ihr schwergefallen, umzudenken. Mittlerweile könne sie dem Konzept aber etwas abgewinnen. Das Arbeitsteam der Schule sei jetzt auf der Suche nach Wegen, den Mädchen einen ‘natürlicheren’ Zugang zum anderen Geschlecht zu ermöglichen, denn durch die strikte Geschlechtertrennung hatten sich die Mädchen oft nach Beendigung der Schule sofort dem ‘erstbesten’ Mann an den Hals geworfen. Dieses Umdenken sei ein Beispiel für die Ergebnisse der Gender-Fortbildung.
In Santa Marta, an der Karibikküste Kolumbiens, schildert ein Funktionär des Agrarwirtschafts-Sekretariats der Landesregierung von Magdalena die Auswirkungen der Gender-Fortbildung folgendermaßen: Die Arbeit im Agrarbereich sei traditionell sehr männlich geprägt. In seinem Sekretariat arbeite keine einzige Frau und die Arbeit richte sich meist ausschließlich an die Bauern. Jetzt wolle er sich zunächst einmal daran machen, seine Kollegen dafür zu sensibilisieren, mehr darauf zu achten, welche Rolle die Frauen in der Landwirtschaft spielen und wie sie besser in die Arbeitskonzepte des Sekretariats eingebunden werden könnten. Er habe zwar ziemliche Angst davor, daß ihn seine Kollegen auslachen, aber versuchen wolle er es trotzdem.

Leichter gesagt als getan

Von Schwierigkeiten mit der konkreten Umsetzung des Genderansatzes berichten die MitarbeiterInnen der Organisationen natürlich auch. Oft fehle der politische Wille, aus Worten Taten werden zu lassen; oft bestehe bereits innerhalb der Organisation das übliche Macht- und Hierarchiegefälle zwischen Männern und Frauen, und es stelle sich die Frage, wie dann in einer glaubwürdigen Weise nach außen hin geschlechterdifferenzierend gearbeitet werden könne.
Manchmal stagniert die Umsetzung auch einfach aufgrund der Schwierigkeit, das abstrakte und theoretische Konzept mit konkreten Inhalten zu füllen. So fragt sich ein Mitarbeiter der “Stiftung zur Förderung von Bildung und Kleinindustrie” (FEPI) in Medellín, die pädagogische und ökonomische Programme zur Verbesserung der Lebensqualität der Barrio-BewohnerInnen anbietet, was es bedeute, einen Alphabetisierungskurs ‘gendergerecht’ aufzuziehen. In der ebenfalls in Medellín ansässigen NRO „Conciudadania“, die sich um die politische Beteiligung der BürgerInnen in den Kommunen bemüht, wird die Frage gestellt, wie die Organisation die politische Partizipation von Frauen fördern könne, wenn diese sich so selten an den angebotenen Programmen der Organisation beteiligen.
Schwierigkeiten bei der konkreten Anwendung des Genderansatzes gibt es also genug, aber es wäre wohl auch zu viel erwartet, wenn Umdenkungsprozesse und die Umstrukturierung von Arbeitskonzepten von heute auf morgen vonstatten gingen. Das wird wohl seine Zeit dauern, und ob sich der Genderansatz in den staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen durchsetzt, bleibt abzuwarten. So schätzt dann auch die Leiterin des GTZ-Projektes „Proequidad“ die Lage ein: „Ich würde also wirklich behaupten, daß das Thema in bestimmten Ländern oder Institutionen ins Rollen gekommen ist, daß zwar noch unheimlich viel zu tun ist, daß es aber bestimmt noch eine ganze Weile so weitergeht. Letztendlich ist das ja ein Kulturwandel, ein leiser…“

Der Artikel basiert auf den Interviews, die im Rahmen eines dreimonatigen ASA-Aufenthaltes in Kolumbien gemacht wurden. Der ausführliche Bericht zum Thema kann bei Interesse bei ASA zur Ausleihe angefordert werden.
Das ASA-Programm (Arbeits- und Studienaufenthalte in Afrika, Asien und Lateinamerika) bietet Studierenden und Berufstätigen, die entwicklungspolitisch interessiert sind, die Möglichkeit zu drei bis sechs monatigen Auslandsaufenthalten, bei denen in Projekten mitgearbeitet werden kann und/oder Studien zu bestimmten Themen erstellt werden können.

Infos bei: ASA-Programm, Carl-Duisberg Gesellschaft e.V., Postfach 3509

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