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Gesundheit hat keinen Preis

Wie ist die derzeitige Situation in La Oroya?
Überaus kompliziert, denn die Verhandlungen zwischen Regierung und dem Unternehmen Doe Run kommen nicht weiter. Die Familien leben in Unsicherheit, und derzeit wird viel darüber geredet, was wichtiger ist – Arbeit oder Gesundheit. Was ist mehr wert? lautet eine Frage, die oft gestellt wird. Für mich ist klar, dass Gesundheit keinen Preis hat. Aber für die Leute aus La Oroya ist die Arbeit sehr wichtig, und die Schmelze von Metallen ist für die Region ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Sie haben an den Verhandlungen zum Teil teilgenommen. Worum geht es?
Obwohl das Unternehmen genau über seine Verantwortung Bescheid weiß, stellt es neue Forderungen. Es übernimmt keine Verantwortung für die Schäden, für die chaotische Situation – im Gegenteil werden neue Forderungen gestellt.

Was verlangt das Unternehmen von der Regierung, um den Betrieb wieder aufzunehmen?
Die Regierung hat im September letzten Jahres dem Unternehmen einen Aufschub von 30 Monaten für die Erfüllung der Umweltauflagen zugebilligt. Bis zu diesem Zeitpunkt war das Unternehmen beim Bau der letzten von drei Entschwefelungsanlagen im Rückstand. Allerdings – und das hat uns hoffnungsfroh gestimmt – hat das Parlament, welches das entsprechende Gesetz verabschiedete, verordnet, dass 100 Prozent der Gewinne in die Erfüllung von Umweltauflagen fließen sollten. Dagegen hat sich das Unternehmen Anfang April beim Energieminister gewehrt. Unter diesen Gegebenheiten sei es kaum möglich, frisches Kapital und potentielle PartnerInnen für die Wiederaufnahme der Arbeiten zu gewinnen, so die Argumentation des Unternehmens. Der Minister hat darauf sofort reagiert und gefragt, wie viel Prozent der Gewinne denn realistisch sei – 20 Prozent vielleicht. Und genau diese 20 Prozent wurden daraufhin festgeschrieben, ohne jegliche technische Überprüfung – es ging zu wie auf dem Basar.

Gibt es noch weitere Streitpunkte?
Ja, die Aktien des Unternehmens. Die will die Regierung als Garantie in der Hinterhand haben. Das will Doe Run Perú aber nicht und stellt weitere Forderungen. So soll die Regierung eine Übereinkunft mit den Lieferanten, bei denen Doe Run Perú mit etwa 120-150 Millionen US-Dollar in der Kreide steht, erleichtern. Im Kern geht es hingegen um die Schulden des Unternehmens bei den peruanischen Behörden und die Garantien.

Ist da ein Ausweg in Sicht?
Nein, denn das Unternehmen hat die entsprechenden Dokumente nicht vorgelegt, so dass die Verärgerung auf Seiten der Regierung steigt. Doch weder das Unternehmen noch der Minister denken in dieser Situation an die Bevölkerung. Die und vor allem die Kinder sind doch die eigentlichen Leidtragenden.

Hat es den Anschein, als wolle Doe Run Perú am Ende noch staatliche Mittel, um die Hütte wiederzueröffnen?
So in etwa. In dieser Zusammenkunft waren die Arbeiter, die Minister für Energie und Arbeit, die Kirchenvertreter um Monseñor Pedro Barreto und einige Vertreter der Zivilgesellschaft zugegen. Man hatte nicht den Eindruck, dass Doe Run Perú es eilig hätte. Bei diesem Treffen wurde auch dieKooperation zwischen dem Schweizer Rohstoffkonzern Glencore und Doe Run Perú vorgestellt. Glencore wird strategischer Partner und stellt Doe Run Perú Kapital in Höhe von rund einhundert Millionen US-Dollar zu Verfügung.

Wird Glencore Anteile an Doe Run Perú übernehmen?
Das ist nicht klar, weil es kein entsprechendes Dokument gibt. Aber uns erscheint es bedenklich, da Glencore in Peru und auch in Kolumbien nicht gerade bekannt dafür ist, Arbeitsrechte zu respektieren.

Sämtliche Berge in der Umgebung von La Oroya sind weiß, ohne jegliche Vegetation – wie kommt das?
Früher hatten diese Berge Vegetation, aber durch die Emissionen von Schwefeldioxid durch die Hütte hat sich das geändert. Das Schwefeldioxid in der Luft kommt als saurer Regen wieder herunter und verätzt den Boden. So sind die Pflanzen abgestorben. Heute ist nur noch der blanke ausgewaschene Felsen zu sehen.

Hat sich die Situation der Kinder von La Oroya denn verbessert?
Obwohl die Hütte seit einem Jahr nicht mehr arbeitet, hat sich an der Umweltsituation nichts Wesentliches geändert. Wir haben dazu Untersuchungen gemacht. Es liegt besonders am Boden. Der ist hoch belastet. Der Wind weht Umweltgifte gemeinsam mit der Erde oder einfach dem Staub von den Dächern durch die Straßen. Das Schwefeldioxid kratzt im Hals und führt zu Husten und Schluckbeschwerden. Grundsätzlich ist die Situation der Bevölkerung und vor allem der Kinder nicht viel besser.

Obwohl es weniger Emissionen gibt?
Ja, denn die Metalle lagern sich im Körper ein, die werden nicht gleich wieder freigesetzt. Im Rahmen des Gesundheitsprogramms von kirchlichen Trägern wie der deutschen Misereor, Adveniat, den Sternsingern oder der Caritas bekommen die Kinder Medikamente und Nahrungsergänzung. Die sollen die Kinder widerstandsfähiger machen – Schwache, ausgemergelte Körper sind viel empfänglicher für Schwermetalle und nehmen sie stärker auf. Eine gute Ernährung, die zusätzliche Aufnahme von Mineralien wie Calcium und Vitamin C, verhindert das. Viel mehr kann man nicht machen, der Bleigehalt im Körper bleibt mehr oder minder konstant.

Die ArbeiterInnen von Doe Run Perú haben monate lang nur 70 Prozent ihres Lohnes erhalten. Wie ist deren Situation?
Ja, ich glaube es waren 75 Prozent ihres Gehaltes bis zum 30. April. Danach wurde verhandelt. Die Arbeiter wollten 100 Prozent und endlich wieder arbeiten. Derzeit versuchen sie Druck aufzubauen, um Regierung und Arbeitgeber an den Verhandlungstisch zu bringen, um wieder arbeiten zu können. Es hat Straßenblockaden, Demonstrationen und Kundgebungen gegeben. Doch das Unternehmen bewegt sich nicht.

Herrschen Verunsicherung und Angst bei den ArbeiterInnen?
Ja, natürlich. Viele haben finanzielle Sorgen, fürchten um ihren Arbeitsplatz. Sie stottern ihr Haus ab, schicken die Kinder zur Universität. Das bekommen sie mit 70 Prozent des Lohnes kaum mehr hin und fast ein Jahr ohne Arbeit. Das schürt Ängste. Das Vertrauen in das Unternehmen, für das die Arbeiter mehrfach auf die Straße gegangen sind, ist erschüttert. Nun sind Plakate zu sehen, auf denen das Unternehmen als unverantwortliche Ratte dargestellt wird. Noch schlimmer ist die Situation der rund 2.000 Zeitarbeiter, die bereits im Dezember 2008 ihre Entlassungspapiere erhielten. Sie haben kaum eine Perspektive. Einige sind weggezogen, andere schlagen sich durch in der Hoffnung, dass die Anlage wiedereröffnet wird.

Und die Situation in La Oroya?
Die ist sehr unterschiedlich. Allgemein ist die Abhängigkeit von der Anlage groß. Allerdings längst nicht so wie befürchtet. Früher hieß es immer mit Doe Run Perú würde die ganze Stadt sterben. Das ist aber nicht der Fall, denn der Handel funktioniert auch ohne Doe Run Perú. In vielen Bereichen sind die Preise gesunken. Das ist eine Erleichterung für viele Einwohner, denn die Preise orientierten sich an den recht hohen Löhnen der Arbeiter. Die sind jetzt kaum mehr präsent.

Anscheinend ist La Oroya eine große Schwermetall-Müllkippe. Hat es denn noch Sinn, die Anlage wieder in Betrieb zu nehmen?
Die Stadt ist letztlich hoch kontaminiert und die Region ähnlich verseucht wie eine Deponie für hochtoxischen Abfall. Es gibt weltweit nur wenige Städte, die vergleichbare Werte aufweisen. Gleichwohl ist es zwar eine Hütte mit veralteten Installationen, kann aber generell jedes Metall aus den Erzen gewinnen. Davon gibt es nicht viele. Die meisten Hütten in Peru sind auf ein Metall oder Kupfer und Zinn ausgerichtet – aber nicht auf ein ganzes Dutzend. Das Problem ist, dass alles Wertvolle herausgelöst wird und der Rest den Schornstein hoch gepustet wird und Luft, Erde und auch Wasser kontaminiert. Die raffinierten Metallkonzentrate ehen hingegen ins Ausland.

Macht es denn überhaupt noch Sinn nach einem Jahr die veralteten Installationen wieder anzufahren?
Nach so einer lange Phase des Stillstands muss man einiges investieren, um die Öfen wieder anzufahren. Es sind komplizierte Prozesse. Man muss mit Investitionen von 120 Millionen US-Dollar kalkulieren.

Ist es möglich, die Umwelt rund um La Oroya wieder zu reanimieren?
Theoretisch ja, aber das setzt immense Investitionen voraus, die das Land kaum leisten wird. An so etwas hat man sich in Peru noch nicht herangetraut.

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