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Gott malt

Die Kulisse: Tag und Nacht züngeln in einem Kohlebecken auf einem hohen Sockel Flammen in den Himmel. Sie erleuchten die königlichen Gemächer, Hofküchen, Bäder und Gärten der präkolumbischen Hauptstadt Texcoco. An der Ostseite liegen die Archive und die Schulen der von einer hohen Mauer umgebenen Stadt. – So beschreiben es die mexikanischen Archäologen und die Aufzeichnungen, die Franziskaner kurz nach der Eroberung von Nachkommen der heimischen Adelsklasse in deren Sprache, dem Náhuatl, anfertigen ließen. Es ist die Kulisse einer Geschichte, die durch die ebenfalls erhaltene Lyrik ihres Protagonisten, dem Dichter Nezahualcóyotl, einen intensiven Einblick in das Seelenleben eines Herrschers erlaubt.
Nezahualcóyotls Biographie würde Stoff für mehrere Bühnenstücke hergeben. Im Laubwerk eines Baumes versteckt, sah er als Junge die Ermordung seines Vaters durch Krieger der Tepaneken mit an. Zehn Jahre verbrachte er dann auf der Flucht. Seine Haushälterin ließ er hinrichten, weil sie gegen das Gesetz Pulque [alkoholisches Getränk aus dem fermentierten Saft von Agaven, Anm. d. Red.] verkauft hatte oder ihn verraten wollte. Der Herrscher von Chalco, der ihn beschützt hatte, verurteilte ihn deshalb zum Tode. Seine Tanten bewirkten eine Begnadigung und erreichten, dass er nach Texcoco zurückkehren konnte. Endlich Herrscher geworden, verliebte sich Nezahualcoyotl in eine Kindfrau und ließ sie von seinem Halbbruder erziehen. Als dieser starb, heiratete dessen Sohn nichtsahnend die Herangewachsene. Nezahualcóyotl soll daraufhin in tiefe Melancholie verfallen und im Wald von Texcotznico lange an den Ufern eines Sees herumgewandert sein.

Klage des Einzelnen

Vielleicht vollzog sich hier die Wandlung des Prinzen zum Poeten, der uns als einer der ersten namentlich erwähnten präkolumbischen Dichter bekannt ist: „Kostbar wie Jade sprießen / deine Blüten, du, durch den alles lebt! / Wie duftende Blüten sich vollenden / und ihre Kelche öffnen, gleich wie der bläuliche Makao – / Nur einen flüchtigen Augenblick / ist der Mensch bei dir, an deiner Seite.“
Die Klage über die Flüchtigkeit des Lebens, Flucht, Zweifel an der Existenz Gottes – „Bist du wahrhaftig, hast du Wurzeln? / Nur der, der über alle Dinge herrscht, / ist der Lebensspender. / Ist das wahr? / Ist es vielleicht nicht so, wie man sagt?“ – das sind die Themen, die den Rahmen einer rituellen, kollektiven Dichtung, die sich auf ein mythologisches Fundament beruft, deutlich sprengen. Hier spricht ein Einzelner: Nezahualcóyotl, Dichterfürst, glückloser Herrscher eines den Azteken benachbarten Reiches.
Über 30 ihm zugeschriebene Gesänge wurden von Heiderose Hack-Bouillet zum ersten Mal ins Deutsche übertragen. Sie verglich die Náhuatl-Quelle mit den von den mexikanischen Anthropologen Ángel María Garibay und Miguel León-Portilla erarbeiteten Übertragungen. Dabei hatte sie immer wieder zu entscheiden, inwieweit die Chronisten nach der Conquista in der Wortwahl das Resultat der uns erhaltenen Dichtung beeinflussten.
Manche Verse Nezahualcóyotls erinnern in der deutschen Übertragung fast an japanische Haikus. Eine genau bestimmte Fauna und Flora – ob da nun, wie das sorgfältige Glossar Auskunft gibt, von Rabenblüten oder von dem Lerchen ähnlichen Orangetrupial die Rede ist – gibt den Gedichten eine erstaunliche Präzision und zeugt von einer lustvollen Aneignung des konkreten Moments. Doch der Mensch, so eine immer wiederkehrende Metapher, ist nur ein schnell verblassendes Gemälde. Das passt ins Reich der abertausenden, von den Konquistadoren vernichteten Bilderschriften.

Heiderose Hack-Bouillet: Nezahualcóyotl. Blumen und Gesänge. Leben und Werk eines mexikanischen Dichterkönigs des 15. Jahrhunderts. scaneg Verlag, München 2005, 120 Seiten, 13 Abb., 13,80 Euro

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