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Gute Tat aus falschen Gründen

Nach dem „Anschluss“ Österreichs im März 1938 begann eine Welle des Terrors gegen die dortigen Juden und Jüdinnen. Öffentliche Demütigungen und willkürliche Verschleppungen waren an der Tagesordnung. Tausende versuchten das Land zu verlassen. Die Lage war dramatisch, da fast alle potentiellen Zielländer ihre Einwanderungsbestimmungen und Grenzkontrollen verschärft hatten. Auf Initiative des US-amerikanischen Präsidenten Roosevelt wurde deshalb eine Konferenz anberaumt, die im Juli 1938 im französischen Evian stattfand. Schon im Vorfeld hatte die US-Regierung klargemacht, dass von ihrer Seite keine Erhöhung der Einwanderungsquoten zu erwarten sei und dies auch von den anderen Staaten nicht erwarten würde. Es war deshalb wenig verwunderlich, dass von 32 teilnehmenden Staaten keiner zu einem entscheidenden Schritt bereit war. Einzige Ausnahme: die Dominikanische Republik. Der dominikanische Vertreter erklärte, dass seine Regierung bereit sei, 10.000 Flüchtlinge aufzunehmen, eine Zahl die bei einem Folgetreffen sogar auf 100.000 erhöht wurde.
Die Motivation des damaligen Diktators Rafael Trujillo Molinas für diese ungewöhnliche Offerte beleuchten Dillmann und Heim in dem treffend mit „Ein Rassist heißt rassistisch Verfolgte willkommen“ betitelten Kapitel. Die AutorInnen können sowohl persönliche als auch politische Gründe Trujillos identifizieren. So hatte eine seiner Töchter eine höhere Schule bei Paris besucht, auf der sie wegen ihres dunklen Teints von den Mitschülerinnen gemieden wurde. Lediglich eine jüdische Schülerin aus Berlin befreundete sich mit ihr. Auf Bitte seiner Tochter gestattete Trujillo dieser ehemaligen Mitschülerin samt ihrer Familie im März 1938 die Einwanderung.
Ein politischer Grund war hingegen die außenpolitische Isolation des Landes nach dem so genannten „Petersilien-Massaker“. Bei Pogromen waren 1937 allein nach offiziellen Angaben 12.000 HaitianerInnen abgeschlachtet worden. Dunkelhäutige, die sich als DominikanerInnen ausgaben, wurden von den Mördern gezwungen, das spanische Wort perejil (Petersilie) auszusprechen und umgebracht, wenn sie es kreolisch betonten. Die Aufnahme jüdischer Flüchtlinge war somit eine Möglichkeit das Image der Diktatur zu verbessern. Gleichzeitig muss die Bereitschaft zur Aufnahme europäischer Flüchtlinge auch im Kontext einer rassistischen Bevölkerungspolitik gesehen werden. So schrieb der Direktor des statistischen Amtes im September 1937 einen Bericht an Trujillo, in dem er darauf drängte, die „Frage der rassischen Verbesserung unserer Bevölkerung durch Kreuzung oder die Ansiedlung von Weißen“ in Angriff zu nehmen. Er konstatierte: „Wenn man sich diesem Problem nicht stellt, wird es [das Land] im besten Falle als Mulattenland enden.“ Ziel der Einwanderungspolitik sollte zudem sein, landwirtschaftlich brachliegende Teile des Landes zu entwickeln.
Treibende Kraft für die Ansiedlung jüdischer Flüchtlinge wurde die Hilfsorganisation American Joint Distribution Committee (Joint), in deren Rahmen Ende 1939 die Dominican Republic Settlement Association (DORSA) gegründet wurde. Die DORSA entschied sich im Norden des Landes ein landwirtschaftliches Projekt zu gründen und handelte mit der Regierung einen Vertrag aus, der den jüdischen SiedlerInnen ein Leben frei von Verfolgung zusicherte. Erster Leiter der Siedlung Sosúa wurde der aus Russland stammende Agrarexperte Joseph Rosen, der schon Anfang der 1920er Jahre erfolgreich jüdische Agrarsiedlungen in der Sowjetunion aufgebaut hatte. Rosen wollte Leute mit landwirtschaftlicher Ausbildung oder zumindest „starke, gesunde Leute mit gutem Charakter“, die zwischen 20 und 35 Jahre alt sein sollten. Eine erste Gruppe von 252 SiedlernInnen wurde nach diesen Kriterien in den europäischen Flüchtlingslagern ausgewählt, es waren in der Regel deutsche und österreichische Juden und Jüdinnen
Rosen machte von Anfang an deutlich, dass er mit einem Projekt, bei dem weiße SiedlerInnen als HerrInnen dominikanischer LandarbeiterInnen auftraten, nichts zu tun haben wollte. Er wollte landwirtschaftliche Kooperativen, in denen Maschinen und Verarbeitungseinrichtungen gemeinsam genutzt werden konnten, und beweisen, dass Juden und Jüdinnen zur Landwirtschaft taugten. Die Kooperativen spezialisierten sich auf bestimmte Produkte, zum Beispiel Tomaten oder Milch, um sie dann wieder in den Gesamtkreislauf des Projektes einzubringen. Ein Arbeitstag dauerte sieben bis acht Stunden und die Mitglieder wechselten sich bei den verschiedenen Tätigkeiten im Zwei-Wochen-Rhythmus ab. Das Ziel eine wirtschaftlich unabhängige Gemeinschaft aufzubauen scheiterte jedoch, lediglich Milch- und Viehbetriebe waren einigermaßen erfolgreich. Sosúa blieb den Krieg über ein Zuschussbetrieb für die DORSA. Sie investierte etwa drei Millionen US-Dollar und ermöglichte so etwa 700 Verfolgten die Ansiedlung in der Dominikanischen Republik.
Nach 1945 blieben nur wenige der ErstsiedlerInnen auf der Insel, die meisten wanderten weiter, aber es kamen auch Neuzuzüge, beispielsweise jüdische Flüchtlinge, die den Krieg in Schanghai überstanden hatten. Nach dem Krieg verabschiedete sich die DORSA von Rosens Konzept und ging zu einem Modell nach Vorbild der Moschawim in Palästina über, also unabhängige Familienwirtschaften mit einer Produktionskooperative. Einige wurden mit dem Markennamen „Productos Sosúa“ erfolgreiche LandwirtInnen. Auch der Massentourismus nahm seinen Anfang in dem kleinen Ort. Als 1965 US-Marines einen linken Versuch der Machtübernahme niederschlugen, erholten sich einige der SoldatInnen in Sosúa. Sie waren die ersten UrlauberInnen in dem Ort, der sich in den 1980er Jahren zu einem Zentrum des Pauschaltourismus entwickeln sollte.
Dillmann und Heim gelingt eine fesselnde Darstellung dieses außergewöhnlichen Kapitels jüdischer Geschichte in Lateinamerika, die mit zahlreichem Bildmaterial versehen ist. Detailliert und kenntnisreich schildern sie die verschiedenen Facetten des Siedlungsprojektes: Von den konzeptionellen Konflikten, über Verdächtigungen, es befänden sich „Nazispione“ in Sosúa, bis hin zu den Schwierigkeiten der Minderheit religiöser Juden und Jüdinnen in den Tropen, ein dem Religionsgesetz entsprechendes Leben zu führen.
Leider gilt dieses Lob nicht für das erste Kapitel des Buches, in dem das heutige Sosùa als „Ballermann der Karibik“ vorgestellt wird. Altbackene Kritik am Massentourismus wird mit den Stilblüten schlechter Reisereportagen garniert, die sich auffällig vom ansonsten angenehm sachlichen Stil des Buches abheben. Da „spuckt ein klimatisierter Bus müde Fernreisende aus“ beziehungsweise Maschinen aus Zürich und Wien „ihre bleiche Ferienfracht“. Da bauen „Kinder Strandburgen, die die Flut am anderen Morgen schon wieder geschliffen haben wird“. Anstatt dieses misslungenen Anfangs wäre es spannend gewesen, mehr über die ehemaligen SiedlerInnen zu erfahren mit denen Dillmann Gespräche geführt hat, deren Äußerungen allerdings leider nur als Versatzstücke zwischen den Beschreibungen des modernen Sosúa auftauchen. Abgesehen von diesem Ausrutscher handelt es sich bei Fluchtpunkt Karibik indes um eine lohnende Lektüre für alle, die sich mit der Vertreibungsgeschichte des europäischen Judentums beschäftigen.

Hans-Ulrich Dillmann/Susanne Heim // Fluchtpunkt Karibik. Jüdische Emigranten in der Dominikanischen Republik // Christoph Links Verlag // Berlin 2009 // 192 Seiten // 24,90 Euro.

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