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Verdrängung und Zukunft

Die Literatur über die deutsche Sekte Colonia Dignidad in Chile ist um ein weiteres Buch reicher. Der Autor Horst Rückert, ehemaliger Gymnasiallehrer in München und zwischen 1990 und 2009 Lehrer und Schulleiter an deutschen Auslandsschulen in Peru und Chile, legt ein umfangreiches Buch über die Entstehung und Entwicklung der Colonia Dignidad vor.

Die 1961 aus Deutschland nach Chile ausgewanderte Sekte war Ende der 70er sowohl wegen der sexuellen Kindesmissbräuche des Anführers Paul Schäfer als auch durch ihre Unterstützung der Pinochet-Diktatur bekannt geworden. Das Siedlungsgebiet der „Kolonie Würde“ diente zwischen 1973 und 1976 als Folterzentrum des Geheimdienstes DINA. Zahlreiche politische Gegner der Pinochet-Diktatur wurden dort gefoltert und ermordet.
Erst in den 1990ern wurden staatliche Ermittlungen gegen die Gruppe eingeleitet. 1997 ergriff Paul Schäfer die Flucht und wurde erst 2005 in Argentinien gefasst und der chilenischen Justiz übergeben.

Nach Schäfers Verschwinden öffnete sich die „Herde ohne Hirten“ langsam für die chilenische Gesellschaft. Die Kinder der ersten Generation übernahmen Führungsposten in der Gemeinschaft, mit Hilfe der deutschen Bundesregierung kam ein Reflektionsprozess in Gang, ein Psychiater bot Einzel- und Gruppentherapien an. Ein von der chilenischen Regierung berufener Experte half der Gruppe, ihre wirtschaftliche Betätigungen neu zu ordnen.

Aus der Colonia Dignidad war die „Villa Baviera“ geworden, die sich noch heute auf die Produktion deutscher Lebensmittel und bayerische Eventkultur durch Bierfeste und Erlebnishotellerie konzentriert.
Rückerts Schilderung der Entstehung und Entwicklung der Gruppe stellt eine Fleißarbeit dar, in der die Einzelheiten über das Innenleben der Sekte aus verschiedensten Quellen zusammengetragen wurden. Leider kommt der im Jahr 1977 von der Sekte angestrengte Prozess gegen die deutsche Sektion von Amnesty International und das Magazin STERN zu kurz. Dabei war es gerade dieser Prozess, der die deutsche Öffentlichkeit auf das ungelöste Problem der Colonia Dignidad aufmerksam machte; nicht nur in Bezug auf den Psychoterror innerhalb der Gruppe, sondern auch die Mitwirkung an Folter und Mord des Geheimdienstes DINA. Vor allem mehr Informationen aus der Broschüre „Colonia Dignidad – Deutsches Mustergut, ein Folterlager der DINA“ von Amnesty International aus dem Jahr 1977, die Gegenstand des 20 Jahre währenden Prozesses war, wären wünschenswert gewesen.

Auch hätte mehr auf die Aktivitäten der „Not- und Interessengemeinschaft der Geschädigten der Colonia Dignidad“ eingegangen werden sollen. Dieser Verband von Angehörigen von Opfern der Sekte versuchte jahrelang Druck auf deutsche und chilenische Behörden auszuüben, um Maßnahmen gegen die Sekte zu ergreifen.

Was das Buch allerdings spannend macht, sind die fein gezeichneten internen Konflikte der Restgruppe, nachdem ein Teil der Sektenmitglieder das Gut verlassen hatte und eine Reihe von Führungspersonen durch die chilenische Justiz verurteilt worden war. Hier basiert der Autor seine Informationen auch auf persönliche Gespräche und Korrespondenz mit heutigen Bewohnern der „Villa Baviera“.

Interessant sind ebenfalls die Vergleiche und Parallelen zur deutschen Nachkriegszeit, die Rückert zieht: Im Jahr 2006 erklärte die Gruppe öffentlich wesentliche Schritte zu ihrer „Vergangenheitsbewältigung“ einzuleiten. Sie gestanden, wenn auch vorsichtig, eigene Schuld und kündigten eine Zusammenarbeit mit chilenischen Menschenrechtsgruppen an. Davon ist nach der aktuellen Analyse des Autors im Jahr 2013 nicht viel zu sehen. Deshalb vergleicht Rückert den Umgang der Vergangenheit durch die „neue Villa Baviera“ mit dem Nachkriegsdeutschlands hinsichtlich der Verbrechen der Nationalsozialisten, sprich schnelles Vergessen und den Blick nur nach vorn. Wirtschaftlicher Erfolg hilft dabei. Heute finden fröhliche Feste dort statt, wo Folter, Mord und Vergewaltigungen stattfanden. Dennoch ist der Autor überzeugt, dass die Gruppe um die Auseinandersetzung über die Verantwortung der Generation der Eltern nicht herum kommen wird. Der Gruppe steht damit der Prozess, den ab Mitte der 1960er Jahre die Studentenbewegung in der westdeutsche Gesellschaft angestoßen hatte, erst noch bevor. Sie müssten sich aktiv mit den Tätern, allen voran Paul Schäfer, und deren Verbrechen auseinandersetzen, so der Autor.

Hier macht Rückert einen interessanten Vorschlag: Vor dem Eingang der „Villa Baviera“ steht eine kleine Kapelle, die die Sekte 1987 den katholischen Nonnen „Schwestern des Friedens“ mit brutalen Methoden abgenommen hatte. Hier könnte ein „Platz der Versöhnung“ entstehen, mit der die „Villa Baviera“ ihren Frieden mit der chilenischen Gesellschaft schließen könnte. Das würde auch den Menschenrechtsorganisationen in Chile entgegenkommen, die ohnehin einen Gedenkort und eine verstärkte Erinnerungskultur fordern

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