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Venezuela als Projektionsfläche

Zahlreiche Bücher sind in den letzten Jahren über die von Hugo Chávez initiierte, so genannte Bolivarianische Revolution in Venezuela publiziert worden. Dennoch ist es nicht ganz einfach, sich umfassend über das Thema zu informieren. So schwierig es ist, in Venezuela Menschen zu treffen, die sich nicht klar und deutlich für oder gegen „den Prozess“ aussprechen, so wenig findet sich in den meisten Veröffentlichungen zu Venezuela ein differenziertes Wort darüber. Zudem sind die meisten Analysen und Medienberichte fast ausschließlich auf die Person Chávez fokussiert.
In seinem neuen Buch Venezuela Bolivariana behandelt der Autor und Filmemacher Dario Azzellini die ersten sieben Jahre unter Chávez, ohne den Präsidenten zu sehr in den Mittelpunkt zu rücken. In der Einleitung heißt es, Venezuela diene „oftmals als Projektionsfläche für die eigenen Vorstellungen einer ‚anderen’ Gesellschaft.“ JedeR könne „das wiedererkennen, worauf er/sie politisch setzt.“ Die auf den gut 300 Seiten geschilderte Heterogenität des Prozesses scheint dies zu bestätigen.
Zunächst werden für das Grundverständnis des heutigen Venezuela unabdingbare Aspekte behandelt. Die Gründe für den Aufstieg und die Wahlerfolge Hugo Chávez’, der Inhalt der neuen Verfassung und die missglückten Versuche der Opposition, Chávez durch Putsch, UnternehmersInnentreik sowie Abwahlreferendum zu stürzen, werden beschrieben. Ebenso wird die Rolle der USA und der Ressourcenreichtum Venezuelas thematisiert.
Anschließend geht der Autor ausführlich auf die gesellschaftlichen Veränderungen und die Rolle der Basisbewegungen ein. Einer Beschreibung der umfangreichen, als „Missionen“ bezeichneten Sozialprogramme, folgen Themen wie Gewerkschaften, ArbeiterInnenmitverwaltung, Landkonflikte sowie die Rolle der privaten- und Basismedien. Auch Umweltprobleme, Genderfragen und Rassismus kommen zur Sprache. Ebenfalls wird die Außenpolitik Venezuelas beschrieben und die Bestrebungen, eine solidarische lateinamerikanische Integration voranzutreiben. Das Buch schließt mit dem Versuch einer politischen Einordnung des Bolivarianischen Prozesses.
Die informationsreichen, aber recht trockenen Texte werden immer wieder durch interessante Interviews und Reportagen aufgelockert. Allerdings wirkt das Buch an vielen Stellen schlecht redigiert, was sich in zahlreichen Grammatik- und Rechtschreibfehlern niederschlägt.

Eine noch offene Revolution

Trotz seiner unverkennbaren Sympathien für den Bolivarianischen Prozess übt der Autor auch Kritik und zeigt innere Widersprüche auf. Die Schilderung der Spannungen zwischen Basis und Parteien, beispielsweise bei der Nominierung von KandidatInnen bei Wahlen oder inhaltlichen Konflikten, zeigt, dass innerhalb des Prozesses ein heterogenes Geflecht von Interessen besteht und die genaue zukünftige Ausrichtung des Revolution bisher noch offen – eben ein „Prozess“ – ist.
Einige Aspekte, die international – auch unter vielen Linken – oft tiefe Skepsis hervorrufen, werden allerdings unter den Tisch gekehrt. Die Kritik an Chávez’ umstrittenem Politikstil wird ebenso wenig thematisiert wie die teils fragwürdigen Bündnisse, die Venezuela auf internationaler Ebene knüpft. So fällt dem Autor zu den guten Beziehungen mit dem Iran nur ein, dass diese „vor allem in der OPEC-Mitgliedschaft des Landes und seiner strukturellen Ähnlichkeit mit Venezuela begründet“ lägen. Dass Chávez’ Sympathien für den Holocaust-Leugner Ahmadinedschad und die iranische Revolution zeigt, mag realpolitisch erklärbar sein. Ob dies aber auf der „Projektionsfläche“ einer „anderen“ Gesellschaft Platz haben kann, sollte zumindest diskutiert werden.

Dario Azzellini: Venezuela Bolivariana. Revolution des 21. Jahrhunderts? Karlsruhe 2006, Neuer ISP-Verlag, 19,90 Euro.

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