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HASTA SIEMPRE, CHE

Ob Zu- oder Abneigung, zu den Superlativen, die Ernesto Che Guevara von Anhänger*innen und Gegner*innen zugeschrieben wurde, passt das wohl historisch gesehen berühmteste Foto einer Person, das 1960 der Fotograf Alberto Korda schoss: Che, der Attraktive, Che, der aussah, wie man sich Jesus vorstellt. Verstärkt wurde der Jesus-Vergleich noch durch die Fotos, die vom toten Che Guevara angefertigt worden waren, nachdem er am 9. Oktober 1967 in La Higuera von Militärs erschossen worden war. Geboren am 14. Juni 1928 in Rosario wurde Ernesto Che Guevara nur 39 Jahre alt.

Um ihm gerecht zu werden, müssen wir uns in die Mitte des 20. Jahrhunderts zurückversetzen. Es war eine Zeit des internationalen Auf- und Umbruchs, was sich in Lateinamerika in Revolutionen, US-Interventionen und Militärputschs äußerte. Die kubanische Revolution und später Vietnam zeigten, dass man dem Großen Bruder USA die Stirn bieten konnte. Verstaatlichung ausländischer Konzerne und Agrarreformen standen selbst im Parteiprogramm der Christ­demokraten Chiles. Paulo Freire machte sich mit seiner „Pädagogik der Befreiung“ einen Namen. Die sogenannten Abhängigkeitsansätze („Dependencia“), entworfen von lateinamerikanischen Soziolog*innen, wurden international rezipiert und den sogenannten Rückständigkeits- und Modernisierungstheorien entgegengestellt. Selbst in der Katholischen Kirche kam die neue Zeit an.

Vor diesem Hintergrund schwebte Che Guevara die Schaffung eines „neuen Menschen“ vor, der nicht angetrieben durch materielle Anreize, sondern orientiert an Idealen solidarisch, mit starker Willenskraft die gerechte Gesellschaft aufbaut, sich den USA entgegenstemmt. Guevara stellte sich in die Tradition eines José Martí und Simón Bolivar. Das vereinte unabhängige freie sozialistische Lateinamerika als Ziel. Auf eine Vielzahl lateinamerikanischer Guerillabewegungen übte Che große Strahlkraft aus.

Che Guevara steht aber auch für ein personifiziertes Scheitern, sieht man einmal von seiner erfolgreichen Mitwirkung bei der kubanischen Revolution ab: Gescheitert bei der Schaffung des neuen Menschen, überfordert angesichts der US-Blockade als Industrieminister und Nationalbankchef, glücklos als Guerilla-Führer im Kongo. Und schließlich in Bolivien das klägliche Aus.

Che war von seiner Fokus-Theorie überzeugt. Motiviert und angeführt durch eine Handvoll Freiheitskämpfer würde die verarmte Landbevölkerung zu den Waffen greifen, um ihr jahrhundertealtes Joch abzuwerfen, meinte er. Die Quechuas an den Osthängen der Anden bei Vallegrande aber blieben distanziert gegenüber diesem gringo aus Argentinien und seinen compañeros, darunter die Deutsch-Argentinierin Tamara Bunke. Auch von der KP Boliviens wurde Che nicht unterstützt. Schließlich stand seine zweigeteilte Gruppe einer militärischen Übermacht gegenüber, beraten durch US-green berets mit Vietnamerfahrung. Während die kubanische Bevölkerung mit Fidel und seinen Getreuen sympathisiert hatte und deren Einzug in Havanna 1959 jubelnd begrüßte, blieb die Unterstützung in Bolivien durch die campesinos aus.

Im sozialistischen Lager wurde Che mit zunehmendem Argwohn ob seines Voluntarismus betrachtet. Vom Kampfgenossen Fidel, der angesichts der Bedrohung durch die USA zum Realo wurde und die Unterstützung der Sowjetunion suchte, setzte sich der Fundi-Radikale Che ab. Ihm ging alles zu langsam, er hielt nichts von friedlicher Ko-Existenz, wollte die Revolution der Peripherie („Dörfer“) gegen die Metropolen („Städte“) jetzt!
Che liebäugelte mit Peking und fiel mit seiner Kritik an Moskau in Ungnade, was ihn schließlich von Fidel trennte und auf den Weg in den Kongo und später nach Bolivien brachte. Aus der Sicht der UdSSR und der DDR war klar, weshalb er scheitern musste: Er hatte nicht auf die Einschätzung der kommunistischen Partei Boliviens gehört. Tatsächlich hatte er seine Erfolgschancen bei weitem überschätzt.

„Jesus Christus mit der Knarre – so führt dein Bild uns zur Attacke“

Genau seine Unbotmäßigkeit half wohl mit, warum Che Guevara zum Idol der aufmüpfigen 68er-Generation wurde und auch in der DDR so manche regimekritische Anhänger*in fand. Che war eben nicht der Apparatschik oder Bonze, sondern der Unbequeme, der selbst unter linken Christ*innen seine Fans fand. „Jesus Christus mit der Knarre – so führt dein Bild uns zur Attacke“, sang Wolf Biermann. Che, eine attraktive Kombination besonders für Revolu­tions­romantisierende. Ches Slogan „Schafft zwei-drei-viele Vietnams!“ fand Eingang in die Rhetorik der deutschen Student*innenbewegung – und endete dann in letzter Konsequenz im RAF-Desaster.

Nach seiner Ermordung fehlte der Ruf „Hoch die internationale Solidarität“, kombiniert mit seinem Konterfei, bei keiner studentischen Demo in Westberlin und Westdeutschland. Durch die nicaraguanische Revolution (1979) und deutschen Städtepartnerschaften gewann die Person Che mit seinem Spruch „Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker“ eine besondere Nuance und Bekanntheit.

Die Militärputsche in Lateinamerika waren die Antwort der traditionell herrschenden Klassen im Verein mit der Imperialmacht USA. Sie brachten in den 1960er/70er Jahren mit ihrem Staatsterrorismus ein brutales Erwachen. Auch wenn heute etwa in Brasilien wieder Stimmung für ein Eingreifen der Militärs gemacht wird: So unzeitgemäß derzeit militärische Machtergreifungen erscheinen, so sehr auch der bewaffnete Kampf, siehe FARC und ELN. Zum Glück.

Darf man sich kritisch mit einer Revolutionsikone auseinandersetzen? Man darf. Nicht verschwiegen werden soll Che Guevaras Verant-wortung für die Hinrichtung sogenannter Kriegsverbrecher gleich 1959, was nicht so richtig zum Bild vom Vorkämpfer für Menschenrechte passt. Che hatte verschiedene Seiten, war widersprüchlich, was bis heute die Identifikation unterschiedlichster Strömungen mit ihm erlaubt: Er war risikobereit und konsequent in seinem Verhalten, er trug messianische, aufopferungsvolle, preußisch-disziplinierte, aber auch gewaltverherrlichende Züge. Zum Mythos wurde Che weniger wegen seiner Taten, siehe sein Scheitern, als für das, was er wollte: eine bessere Welt. Und so lohnt es noch immer, sich mit Che und seinem Anliegen zu befassen: die Überwindung von Abhängigkeit und Unterdrückung, Ausbeutung und Armut, und der in Lateinamerika herrschenden riesigen Einkommensunterschiede.

Che vive, Che lebt. Manche meinen, Che habe mit Evo Morales‘ Wahlsieg 2005 dann doch noch gewonnen. Für linke Regierungen Lateinamerikas von Bolivien bis Nicaragua einschließlich Zapatistas in Süd-Mexiko ist Che bis heute unverzichtbare Referenz. Ob zurecht, steht auf einem anderen Blatt. Kuba und Bolivien richteten im Oktober 2017 zur Erinnerung an die Ermordung große Staatsfeiern mit internationalen Gästen aus.
Eine Fernsehdoku übertitelte ein Portrait zu ihm mit den Worten „Der Tod war sein größter Sieg.“ Mag sein, richtig ist auf alle Fälle, dass Ernesto Che Guevara auch heute noch vielerorts fasziniert und verehrt wird, dass er in Kunst, Kultur und Kommerz seinen Platz hat und im 50. Jahr seiner Ermordung auch und noch immer in den Medien.

„Hasta siempre, comandante“? Besser „hasta siempre, Che“, der gute Mensch von Rosario.

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