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Hauptberuf: Blumenzüchter

Es ist sehr langweilig“, ist ein nicht untypisches Statement von José „Pepe“ Mujica über das Buch des Schriftstellers und Journalisten Miguel Angel Campodónico, das Mitte 1999 in Montevideo veröffentlicht wurde. „Mujica“, so der persönliche und zugleich programmatische Titel der „Biographie“ über den Mitgründer der Tupamaros, den Ex-Guerillero, der im Hauptberuf Blumenzüchter und im Nebenberuf Parlamentsabgeordneter und inzwischen Senator ist, wurde zum Bestseller des Jahres in Uruguay. Es ist ein Buch über den Menschen Pepe Mujica, einen Menschen, der dort zum Phänomen, heute von Freund und Feind gleichermaßen anerkannt, geworden ist.
Wer heute José „Pepe“ Mujica sieht, wie er mit seiner Lebensgefährtin Lucia Topolansky auf einem klapprigen Moped durch die Stadt fährt, dem fällt es schwer, sich vorzustellen, dass der jetzige Senator ein Ex-Guerillero ist, der an verschiedenen Anschlägen der Tupamaros in den 60er und 70er Jahren teilgenommen hat, der durch die Kloaken von Montevideo aus dem Gefängnis flüchtete, der lebensgefährlich verletzt wurde, der 13 Jahre unter unmenschlichen Bedingungen in den Kerkern der Militärdiktatur verbrachte und in der Isolationshaft einer brutalen Folter ausgesetzt war.
„Pepe“ Mujica, der sich selbst als „einen Klumpen Erde mit Füßen dran“ bezeichnet, erzählt Geschichten seines Lebens und über sein Land. Er beschreibt die Zeit der politischen Umbrüche in Uruguay am Ende der 50er Jahre, erzählt von der Entstehung der Tupamaros, reflektiert über die kubanische Revolution und das sowjetische Regime, spricht über das Leben in der Illegalität, über Erfolge und Fehler der Stadtguerilla und macht sich seine Gedanken über die Welt, in der wir leben. Der Autor Miguel Angel Campodónico liefert für diese Geschichten den Rahmen, in dem er in jeweils kurzen Einführungen die nötigen Informationen gibt, um sie zu verstehen und den Faden weiterzuspinnen.
Kaum eine revolutionäre Bewegung Lateinamerikas hatte soviel Rückhalt in der Bevölkerung wie die Stadtguerilla der Tupamaros. Der Name Tupamaros, geht zurück auf Tupac Amarú, den Anführer der ersten großen Indio-Rebellion im peruanischen Hochland Anfang des 18. Jahrhunderts. Er wurde gewählt, weil die Gründer sich Anfang der 60er Jahre nicht, wie so viele andere Bewegungen auch, proletarisch, sozialistisch, oder revolutionär nennen wollten.
„Die Füße auf der Erde“, so der Titel des ersten Kapitels, beschreibt die Kindheit von Mujica, in der er schon seine Liebe zu den Blumen entdeckte. Noch heute züchtet er gemeinsam mit Lucia Topolansky, die ebenfalls 13 Jahre inhaftiert war, Blumen. „Blumen laufen nicht weg, wenn wir wegmüssen“, sagt er dazu im Dokumentarfilm von 1996 „Tupamaros“ von Rainer Hoffmann und Heidi Specogna, der auch in Deutschland zu sehen war.
Das Kapitel „Das Auftauchen der Tupamaros“ ist untertitelt mit „Von den Worten zu den Taten“. Darin schildert „Pepe” Mujica die Aktionen, mit denen die Bewegung große Sympathien im Volk erlangen konnte, wie Banküberfälle, nach denen die Beute in den Armenvierteln verteilt wurde. Er bekennt sich aber auch zum größten Fehler der Tupamaros, der zum Kippen der Stimmung führte: Der Ermordung eines einfachen Bauern, der zufällig den Zufluchtsort der Stadtguerilla entdeckt hatte. Erzählt wird auch über das alltägliche Leben der Guerilleros im Untergrund, nachdem viele gezwungen waren, sich in die Illegalität zurückzuziehen. „Liebe und Einsamkeit“ ist dieser Teil überschrieben.
Obwohl gerade die Beschreibung der politischen Verhältnisse in Uruguay, seit Ende der 50er Jahre, viel Detailkenntnis verlangt, sind es doch die persönlichen Eindrücke und Bewertungen von Mujica, die das Buch so spannend und auch lehrreich machen. Ein Buch, aus dem man etwas lernen kann?

Blumige Sprache

Der Ex-Guerillero verliert nie seine einzigartige „blumige“ Sprache und es gelingt ihm immer wieder mit farbenreichen Bildern auch ökonomische Zusammenhänge begreifbar zu machen.
Nur über die Zeit seiner Inhaftierung von 1973 bis 1985 verliert Mujica, wie so viele andere Gefangene der Militärdiktatur auch, wenig persönliche Worte. Vielleicht ist dazu auch schon in dem, 1990 auf Deutsch erschienenen, Buch „Wie Efeu an der Mauer – Erinnerungen aus den Kerkern der Diktatur“ von Mauricio Rosencof und Eleuterio Fernández Huidobro das Wichtigste gesagt. Huidobro, zu Gründungszeiten jüngstes Mitglied der Tupamaros und heute ebenfalls als Senator für den Frente Amplio im uruguayischen Parlament, wird übrigens als „Alter Ego“ immer wieder in den Begleittexten von Campodónico bemüht, wenn ein zusätzlicher Zeitzeuge nötig ist, um das Erzählte zu verstehen.

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