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„Historische Romane langweilen mich zu Tode“

Sie sind ein maritimer Schriftsteller: In Ihren Romanen befindet man sich meist auf dem Meer oder an der Küste. Für die lateinamerikanische Literatur ist das ziemlich unüblich. Was fasziniert Sie am Meer?

Ich war 15 Jahre alt, als ich den Ozean zum ersten Mal sah. Argentinien ist in der Tat ein kontinentales Land, es lebt mit dem Rücken zum Meer. Ich bin im Norden Argentiniens, nahe der Anden aufgewachsen, und das größte Gewässer, das ich als Kind kannte, war der Brunnen auf unserem Hof. Aber als ich das Meer sah, wusste ich sofort, dass ich eigentlich ein maritimer Mensch bin. Und wie so oft kann man dann gar nicht genau sagen, warum. Ich liebe und brauche die offenen Räume, die Unermesslichkeit. Wahrscheinlich könnte ich keinen Roman schreiben, der in einem Zimmer angesiedelt ist oder in der Praxis eines Psychiaters. Für das Meer habe ich zum ersten Mal Schulden aufgenommen, da war ich dreißig: Ich habe segeln gelernt, mir ein Segelschiff gekauft, meine Wohnung aufgegeben und eine ganze Weile auf dem Meer gelebt. Dort habe ich auch Schiffbruch der Sterne geschrieben.

In Ihrem Roman In Feuerland wartet eine Missionarswitwe auf ein Schiff, das ihr etwas Abwechslung bringen könnte.

Ja, auch in diesem Buch hat vieles mit dem Meer zu tun. Übers Meer kommen die britischen Schafzüchter, die die UreinwohnerInnen vertreiben, und die Witwe des Missionars Dobson wartet auf den glanzvollen Besuch des Erzbischofs, der natürlich auch mit dem Schiff kommt. Aber der Roman erzählt vor allem die Geschichte des Genozids an den Ureinwohnern Feuerlands zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Es geht um eine ursprünglich nomadische Indianer-Familie, die eines Morgens beschließt, die anglikanische Mission zu verlassen, in der sie Unterschlupf gefunden hatte. Sie flieht vor den Schafzüchtern, angetrieben von Hunger und Gewalt, einer physischen Gewalt, die einen nicht sicher sein lässt, ob man den nächsten Tag erlebt.

Sie haben den Roman Anfang der 80er Jahre begonnen, als in Argentinien noch die Militärjunta herrschte. Da überrascht so ein weit zurückliegendes Thema schon.

Der Roman wurde, als er 1991 erschien, als Metapher für die dreißigtausend Opfer der Militärdiktatur verstanden. Insofern ist das nicht überraschend. Obwohl ich lange auch als Journalist gearbeitet habe, entscheide ich mich eigentlich nicht aus tagesaktuellen Gründen für oder gegen ein Thema. Das liegt tiefer und geschieht unbewusst.
Den Anstoß für In Feuerland gab die in Argentinien sehr bekannte Geschichte über den englischen Kapitän Fitzroy. Der befuhr Anfang des 19. Jahrhunderts regelmäßig die Küsten Feuerlands. Als einmal ein paar Kinder auf seinem Schiff etwas geklaut hatten, nahm er vier von ihnen gefangen und brachte sie, weil sie ihm besonders aufgeweckt und anpassungsfähig vorkamen, mit nach England. Sie lernten Englisch, wurden anglikanisch getauft, er führte sie der Presse vor und durch den Zoo. Schließlich kam er auf die merkwürdige Idee, sie wieder zurückzubringen; keiner weiß genau, was er sich dabei gedacht hatte. Er setzte sie in Feuerland aus und verschwand. Nach zwei Jahren kehrte er zurück und fand sie völlig verwahrlost vor – sie waren nach ihrer Zeit in England überhaupt nicht mit dieser erzwungenen Rückkehr zurecht gekommen, sie waren ja halbe Engländer!
Wir kennen diese Geschichte übrigens durch Charles Darwin, der 1832 auf Fitzroys Schiff mitfuhr und sie aufgezeichnet hat. Mich hat sie ungeheuer fasziniert, und ich habe versucht alles herauszufinden, was es über die Feuerländer zu wissen gibt. Ich war im British Museum und in Yale, ich habe Feuerland zu Fuß und zu Pferd durchstreift, habe am Strand übernachtet und Feuer gemacht, wie die Feuerländer das getan haben, mit zwei Steinen und Spinnennetzen, und dann mit nassem Holz. Aber als ich alles Material zusammen hatte, war ich nicht in der Lage, das Buch zu schreiben. Denn das Ergebnis konnte nur ein historischer Roman werden, und dieses Genre langweilt mich zu Tode. Historische Romane sind nicht Fisch, nicht Fleisch, weder richtige Romane noch richtige Historie; daraus kann keine gute Literatur werden.

Jetzt gibt es den Roman aber doch.

In Feuerland ist aber nicht die Geschichte von Fitzroy und den Feuerland-Kindern, sondern spielt einige Jahrzehnte später und verläuft ganz anders: Camilena Kappa, eine Frau der Canoeros-Ethnie, wird von Robbenjägern vergewaltigt und flieht mit ihren Kindern über die Inseln und Kanäle nach Norden. Mir ging es darum, auf die verbürgten historischen Details konsequent zu verzichten und statt dessen eine Geschichte zu erfinden, die den Geist dieser Ereignisse erfasst, den Geist dessen, was tatsächlich, also historisch, geschehen ist. Dazu brauchte ich das genaue Wissen über Feuerland und seine BewohnerInnen.

Im Grunde handelt der Roman ja von der Globalisierung.

Feuerland besitzt die besten Weiden der Welt für die Schafzucht, das war für die britische Textilindustrie im 19. Jahrhundert sehr interessant. Mir geht es aber um die Opfer der Globalisierung: Die Feuerländer haben über Tausende von Jahren als Nomaden für sich gelebt, und nun kommen die Weißen und rotten sie aus. Denn die riesigen abgegrenzten Weideflächen sperren den Feuerländern die Wege ab. Darauf folgte ihre systematische Vernichtung. Später wurde behauptet, dass sie von Krankheiten dahingerafft worden seien oder sich in Stammeskriegen gegenseitig umgebracht hätten. Aber das ist Unsinn. Wir Argentinier verfolgen bei Indianerfragen eine sehr klare Linie, nämlich die nordamerikanische: Liquidieren, ermorden.

Damals wie heute?

Nein, heute gibt es die Feuerländer nicht mehr. Die indigenen Ethnien, die es heute noch in Argentinien gibt, werden einfach ignoriert. Wir ermorden sie nicht mehr, wir lassen sie nur noch hungers sterben, an der Armut, an Krankheiten, uns ist egal, was mit ihnen passiert. Aber als es sie als bedeutende Bevölkerungsgruppe noch gab, gingen wir – zusammen mit den britischen Schafzüchtern und Robbenjägern – wie die Nordamerikaner vor, in Operationen, die wir pompös „Eroberung der Wüste“ nannten. Die Argentinier sind genauso wie die Engländer oder Chilenen damit beschäftigt gewesen, die Indianer umzubringen, mit derselben Effizienz. Manchmal noch effizienter. Das Hauptinteresse bestand darin, ihr Land in Besitz zu nehmen. Der Befehlshaber der Argentinier, General Roca, riss sich die besten Stücke unter den Nagel. Insofern haben meine Romane schon ein stark historisches Interesse: Ich möchte der offiziösen, verlogenen Version der argentinischen Geschichte etwas entgegensetzen, in der sich ein Landräuber wie General Roca als Eroberer der „Wüste“ präsentieren kann und ihm Statuen, Dörfer und Denkmäler gewidmet werden, überall im Land.

Die Missionare, von denen in In Feuerland oft die Rede ist, besetzen im Roman die schwierige Kontaktstelle zwischen den Indianern und den Schafzüchtern und Robbenjägern. Welche Rolle haben sie tatsächlich beim Völkermord an den Feuerländern gespielt?

Der Beruf des Missionars ist scheinheilig. Es gibt eine fundamentale Lüge in ihrem Tun: Sie sind und bleiben Beherrscher. Dennoch waren manche Missionare in der Tat wohltätig und halfen, so viel sie konnten. Sie konnten die Massaker nicht aufhalten. Sie halfen, besser zu leben, aber dabei richteten sie auch Schaden an. Zum Beispiel als sie die Einheimischen einkleiden wollten wie die Menschen der westlichen Welt. Die traditionelle Kleidung der Feuerländer ist der quillango, ein eingefetteter Fellüberwurf, der gegen Wind und Regen schützt. Wenn sie an ein Feuer kamen, ließen sie den quillango einfach fallen und wärmten sich auf. Die Missionare haben ihnen Hemden, Hosen und Pullover angezogen, die kann man nicht leicht ausziehen. Daher waren sie bei dem Dauerregen eigentlich immer durchnässt und starben an Lungenentzündung und Grippe. Die Missionare hatten dabei natürlich keine bösen Absichten, dennoch haben sie an der Auslöschung der Feuerländer mitgewirkt.

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