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„Ich bin Aktivistin und das bleibt auch so”

Mit welcher Motivation drehen Sie ihre Filme in den Konfliktregionen Kolumbiens?
Ich fühle eine Verpflichtung den Opfern des Bürgerkriegs gegenüber, die man in Kolumbien nicht zu Wort kommen lässt. Keiner interessiert sich für die Leiden der Witwen und Waisenkinder, für die indigenen Bevölkerungsgruppen, die gegen ihren Willen umgesiedelt werden, nur weil der Boden, auf dem sie leben, von den Konfliktparteien beansprucht wird. Diese Menschen gehen im Konflikt zwischen Armee, Paramilitärs, Drogenbanden und Guerilla vollkommen unter. Wir wollen, dass diese Personen durch unsere Filme eine Stimme erhalten und dass man ihnen zuhört. Das Desinteresse an diesen Menschen ist ein großes Problem in Kolumbien. Es gibt kein Bewusstsein für deren Leiden und keine Erinnerung an die an ihnen begangenen Verbrechen. Wenn zum Beispiel die wichtigsten Paramilitärs in den Senat eingeladen werden, ist der Saal zum Bersten voll, nicht mal eine Fliege passt mehr hinein. Sprechen dann im Anschluss einige Opfer vor, bleibt niemand mehr im Saal. Keiner will wissen, was passiert ist.

Glauben Sie, dass Sie durch Ihre Arbeit als Filmemacherin etwas zur Lösung der Konfliktsituation beitragen können?
Es geht uns nicht darum, den Konflikt zu lösen. Das ist ohnehin nicht möglich. Unser Ziel ist es vielmehr, durch unsere filmische Arbeit ein Gedächtnis aufzubauen und Erinnerungen dort zu schaffen, wo sie verdrängt werden. Wir wollen zeigen, dass es Leute gibt, die standhalten und sich in ihrem Alltag mit zivilen Mitteln gegen das Unrecht wehren, welches ihnen widerfährt. Dies soll sich auch im Bewusstsein der Leute festsetzen, die mit dem Konflikt nicht viel zu tun haben. In Kolumbien, aber auch international. Über unsere Filme kann die Stimme der Opfer nach Deutschland, nach Frankreich oder sonst irgendwohin in die Welt getragen werden.

International haben Sie Ihre Filme regelmäßig präsentieren können und auch mehrere Preise dafür erhalten. Gibt es in Kolumbien eine Öffentlichkeit, die sich für Ihre Themen interessiert?
Als ich angefangen habe Filme zu machen, war die Situation noch einfacher. Wir hatten zwar keinerlei staatliche Unterstützung, zogen aber dennoch los und zeigten unsere Filme, wo immer wir konnten. Unser erster Film Chircales hatte damals großen Einfluss auf die studentische Bewegung in Kolumbien. Heute haben wir das Problem, dass wir unsere Filme nicht mehr ohne Weiteres zeigen können. Der Konflikt in Kolumbien wird immer komplexer und die für uns damit verbundenen Einschränkungen immer größer: Jede Person, die auf dem Bildschirm zu sehen ist, riskiert ihr Leben. Über Internet können deren Gesichter veröffentlicht und weitergereicht werden, was einem Todesurteil gleichkommt. Die Kontrolle der Paramilitärs in Kolumbien ist gewaltig. Aus diesem Grund ist es natürlich auch schwierig, überhaupt Leute zu finden, die für ein Interview zur Verfügung stehen und über die Verbrechen Auskunft geben. Die Leute haben Angst. Führende Persönlichkeiten fallen ganz raus, für die ist es viel zu gefährlich. Auch deswegen zeigen wir unsere Filme hauptsächlich an Universitäten, auf Seminaren oder bei bestimmten Foren. Das ist unsere Öffentlichkeit in Kolumbien.
Sind Sie während Ihrer Arbeit nicht auch einem unglaublich hohen Risiko ausgesetzt?
Oft sind wir losgezogen, ohne zu wissen, ob wir zurückkehren würden. Es gab immer diese Panik und Angst, auf einmal vor einem Paramilitär mit einer riesigen Waffe zu stehen. Die Gefahr, der wir ausgesetzt sind, wird immer größer. Früher konnten wir noch monatelang bei den Indígenas in Cholco wohnen, heute ist das nicht mehr möglich. Es treten immer mehr Akteure in den Konfliktregionen auf, die Situation wird unübersichtlicher und für uns gefährlicher. Manchmal arbeiten wir auch mit internationalen Organisationen wie Oxfam zusammen, da gibt es dann weniger Probleme, denn Ausländer werden akzeptiert. Aber wenn wir alleine gehen, ist es immer sehr risikoreich, denn man weiß nie, was passiert.

Wie begegnen Sie als Filmemacherin den einzelnen Konfliktgruppen?
Mit den Paramilitärs gab es immer wieder Zusammenstöße und wir wurden regelmäßig bedroht. Von der Guerilla, die hauptsächlich im Dschungel operiert, bekommen wir dagegen nur selten etwas mit. Im Prinzip geht für uns aber von beiden Seiten Gefahr aus, wie zum Beispiel damals in Vista Hermosa. Das ist ein kleiner Ort, in dem aus Kriegsgebieten stammende Bewohner angesiedelt wurden. Wir haben dort eine Weile gefilmt und auch Medienworkshops für einfache Bauern, meist Afrokolumbianer, organisiert. Eines Morgens kamen wir in das Dorf, und zwei meiner Schüler waren per Kopfschuss von der Guerilla hingerichtet worden. Ihnen wurde vorgeworfen, über Radio geheime Informationen weitergereicht zu haben. Auch wir wurden dann von der Guerilla verfolgt und bedroht. Als schließlich auch noch die Paramilitärs auftauchten, mussten wir den Ort endgültig verlassen.

Müssen Sie aus Sicherheitsgründen nicht auf unglaublich viel Filmmaterial verzichten?
Wir müssen öfter die Dreharbeiten aussetzen, weil es zu gefährlich wird. Dennoch finden wir Wege, um an unser Material zu kommen und den Bewohnern eine Stimme zu geben.
Vor kurzem arbeiteten wir in der Region um Turbo, im Norden von Kolumbien. Fast die ganze Region ist unter Kontrolle der Paramilitärs. Hotels, Geschäfte, einfach alles. Die Angestellten unseres Hotels haben uns sofort an die Paramilitärs verraten. Unter diesen Bedingungen war es nicht mehr möglich, zu filmen und Interviews zu führen. Uns fehlten dann natürlich essentielle Aufnahmen. Um dennoch die Bewohner dieser Stadt zu Wort kommen zu lassen, haben wir auf das Phänomen der so genannten cantos afros zurückgegriffen. Das sind traditionelle Gesänge von Afrokolumbianern, die sich im Widerstand befinden. In ihren Liedern erzählten sie uns von den Leiden des Krieges. Wir haben diese Gesänge unter Fotos und Filmsequenzen gelegt, die wir von befreundeten Kriegsfotografen und Journalisten bekommen haben.

Die Protagonistin von Nacer de Nuevo, eine alte Frau, strotzt vor Lebensenergie, obwohl sie in einer Schlammlawine alles verloren hat. Warum wählen Sie einen so starken Charakter vor dem Hintergrund eines tragischen Vorfalls?
Ich wollte keinen Film über den Schlamm drehen und auch nicht die vielen Toten zeigen. Ich war auf der Suche nach Hoffnung, die ich in der Person der alten Frau verkörpert sah. Die Tragödie, die sie erlebt hat, war gewaltig. Viele von den Überlebenden kamen nie darüber hinweg, sind zu Alkoholikern geworden, haben mit dem Leben abgeschlossen. Für die alte Frau hingegen beginnt das Leben neu. Mehr noch: Sie tut alles dafür, dass neues Leben entsteht. Sie kümmert sich liebevoll um ihre Hundewelpen, sie zieht sich gut an, sie schmückt ihre provisorische Unterkunft und sie kokettiert sogar ein bisschen vor der Kamera.

Auch in Ihrem neuesten Film Soraya – amor no es olvido portraitieren Sie auch eine starke Frau. Eine Afrokolumbianerin schöpft aus der Liebe zu ihren Kindern neuen Lebensmut, nachdem ihr Mann getötet und sie aus ihrem Dorf umgesiedelt wurde. Sehen Sie Parallelen zwischen diesen beiden Persönlichkeiten?
So unterschiedlich die Tragödien auch sind, die die beide Frauen durchlebt haben, so ähnlich gehen sie doch damit um. Sie wollen zwar vergessen, was passiert ist, zeigen uns aber auch, was Widerstandskraft bedeutet. Widerstandskraft ganz ohne Waffen – das ist die einzige Hoffnung, die wir heute haben.

Die Protagonistin aus Nacer de nuevo ist fest davon überzeugt, 100 Jahre alt zu werden. Wie lange wollen Sie noch Filme drehen?
Ich werde dieses Jahr 75. Aber so lange ich gesund bin, werde ich Filme drehen. Ich mache dies aus einer tiefen Überzeugung heraus. Ich liebe Kolumbien, und ich kämpfe dafür, dass der Terror gegenüber den indigenen Bevölkerungsgruppen in unserem Land aufhört. Das sind unsere Ursprünge, unsere Eltern. Und es sind friedliche Menschen. Ich will, dass man überall sieht, was das Militär, die paramilitärischen Gruppen und die Guerillas mit den Indígenas anstellen. Es gibt vielleicht noch eine Million Indígenas. Im Augenblick sind elf Dörfer dabei, komplett zu verschwinden – und das geht immer so weiter. Aus diesem Grund werde auch ich weiter arbeiten, so lange es geht. Ich bin Aktivistin und das bleibt auch so.

Kasten:
marta rodríguez da silva
Marta Rodríguez da Silva (74) gilt als Pionierin des kritischen lateinamerikanischen Dokumentarfilms. Geprägt durch ihr Studium in Paris bei Jean Rouch, dem Altmeister des ethnographischen Films, sowie bei Camilo Torres, dem kolumbianischen Befreiungstheologen, setzt sie ihre Filme gezielt als Waffe ein, um auf politische und soziale Missstände hinzuweisen. Durch ihre Filme lässt sie nicht nur unterdrückte Bevölkerungsgruppen zu Wort kommen, sondern setzt sich auch für deren selbstbestimmte Lebensform ein.
Ihr erster Film Chircales, den sie gemeinsam mit Ehemann Jorge da Silva drehte, beschreibt auf eindrucksvolle Art und Weise die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Lehmgrubenarbeitern. Auf Grund ihrer kritischen Filmarbeit war Marta Rodríguez vielfach Opfer von Repression, erhielt aber auf internationalen Filmfestivals zahlreiche Auszeichnungen. Seit zehn Jahren arbeitet sie mit dem Regisseur Fernando Restrepo zusammen. Für ihre Filme verbrachten beide viel Zeit in den Krisengebieten Kolumbiens, um auf das Schicksal der desplazados – Personen, die in den Kriegswirren gegen ihren Willen umgesiedelt werden – aufmerksam zu machen. Zu ihren bekanntesten Werken zählen Chircales (1972), Campesinos (1975), Nacer de Nuevo (1987) und Nunca Jamás (1991).
Marta Rodríguez war dieses Jahr als Ehrengast auf dem 50. Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm eingeladen. Dort wurde sie bereits 1972 für Chircales mit einer Goldenen Taube geehrt. In diesem Jahr stelllte sie ihren neuesten Film Soraya – amor no es olvido vor.

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