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“Ich bin sechsmal gestorben – einmal habe ich noch!”

Fernanda Torres, wie war es für Sie als junge Schauspielerin, an einem Filmprojekt teil­zunehmen, das sich mit Ereignissen während der Militärdiktatur beschäftigt?

Fernanda Torres (FT): Es war wunder­bar. Denn es gibt eine Informationslücke zwischen der Gene­ration von Fernando Gabeira und meiner. Ich wuchs in einer Zeit auf, als das Geschäftema­chen und Geldverdienen die oberste Maxime wa­ren. Das ändert sich langsam. Ich denke, die 90er Jahre ge­winnen wieder etwas aus den 60ern zu­rück. Für mich war es daher sehr spannend, mich mit jener Generation auseinanderzusetzen. Ich bin sehr traurig darüber, daß diese Geschichte in der offi­ziellen Darstellung nicht vorkommt. Ich habe die Revolution in Nicaragua gleich zweimal in der Schule durchgenommen, aber nie etwas von Ga­beira und den anderen Revolutionären in meinen Schulbüchern entdeckt.

Was meinen Sie damit, daß Ihre Genera­tion die 60er wiederentdeckt hat?

FT: In den 90er Jahren werden ökologische Fra­gen wichtiger. Oder die Frage der Favelas: Heute bemühen wir uns nicht mehr darum, sie zu beseiti­gen, sondern darum, darin eine eigene Kultur zu entwickeln. Die kollektive Idee des Zusammenle­bens, die über dem individuellen Konsum steht, wird wiedergewonnen. Es ist also kein glücklicher Zufall, daß dieser Film gerade jetzt gedreht wurde. Vielmehr war es an der Zeit, jene Generation wie­derzutreffen.

War es schwierig für Sie, die Rolle der Gue­rillaführerin Maria zu spielen, sich in ihr Be­wußtsein und ihre Ideale einzufühlen?

FT: Das war ganz schwierig. Ich konnte am An­fang gar nicht glauben, wie jemand so reden, wie jemand so hart und militärisch sein könnte. Und ich habe ‘rumgefragt, ob es damals wirklich solche Leute gab. Viele haben mir das bestätigt. Das mit dem kühlen “Hallo, Genosse”, das erschien mir fast unmöglich zu spielen.

Lag das daran, daß es sich um eine Frau han­delte? Oder wäre das auch bei einem männli­chen Charakter so schwer gewesen?

FT: Nein, alle hatten dieselben Schwierigkeiten. Bei den ersten Proben haben wir sehr viel gelacht, wenn wir uns kühl mit “Hallo, Genosse” angeredet haben. Maria spielt diese Rolle eigentlich vom An­fang bis zum Ende. Aber bei den Proben sind wir das ganze noch einmal durchgegangen und haben uns gefragt, an welchem Punkt sie schwach wird. Das passiert in dem Augenblick, als die Leute aus Sâo Paulo ankommen, die noch straighter drauf sind als sie. Das war im Drehbuch nicht so richtig deutlich, wir haben das bei den Filmaufnahmen herausgearbeitet. Danach war ich sehr zufrieden, denn ich hatte einen richtigen Charakter zu spielen. Eine Frau, die anfangs völlig hart ist, dann lang­sam weicher wird und schließlich eine Liebesaf­färe eingeht, in der sie ihren bürgerlichen Namen preisgibt und über ihre Angst vor dem Sterben spricht. Die nicht weiß, wie es weitergehen soll.

Gab es diese Maria wirklich? Einige Film­charaktere entsprechen ja wirklichen Personen, andere sind erfunden.

FT: So ist es. Die ganze Generation, die an die­ser Revolution teilgenommen hatte, war besorgt darüber, wie sie in dem Film dargestellt werden würde. Vor allem, weil Bruno Barreto nie politisch enga­giert war, waren sie skeptisch, ob es ihm wirklich gelingen würde, sie zu porträtieren. Dabei konnte Bruno Barreto, gerade weil er so weit von ihnen entfernt ist, der ganzen Angelegenheit ge­genüber fair bleiben. Es erwies sich als sehr heikel, die einzelnen Charaktere eindeutig mit bestimmten Personen gleichzusetzen. Jemanden zu spielen, der noch lebt, das ist furchtbar. Die einzige Rolle, die offensichtlich zu erkennen ist, ist die von Fernando Gabeira. Meine Rolle, die der Maria, ist eine Kombination von drei oder vier Frauen. Jede Rolle ist eine Art Puzzle von mehreren Personen, so daß wir niemanden verletzen konnten.

Wie bereiteten Sie sich auf die Rolle vor? Ha­ben sie Interviews mit den Beteiligten geführt?

FT: Ich habe viele, viele Bücher gelesen. Sie zu interviewen war sehr schwierig, denn wegen all ih­rer Ängste wußten sie nicht, ob sie wirklich woll­ten, daß dieser Film gedreht wurde. Bei Gabeira war das anders, er ist so oft gestorben, im Unter­schied zu vielen anderen, er hat in seinem Leben so viele Identitäten angenommen. Er ist kein Wit­wer jener Revolution wie einige andere. Er schrieb das Buch und wurde jemand anderes, stimmt`s, Fernando?
Fernando Gabeira (FG): Ich bin sechs­mal ge­storben, einmal habe ich noch.

Fernando Gabeira, ist es Ihnen nicht schwerge­fallen, die Rechte an der Verfilmung zu verkau­fen und so einen Teil Ihrer eigenen Ge­schichte aus den Händen zu geben?

FG: Ich hatte Vertrauen zu Bruno Barreto und dem Produktionsteam, weil sie von einer ganz wichtigen Grundlage ausgehen: Sie wollen keine Helden, keinen manichäistischen Film mit Guten und Bösen, sondern einen komplexen Film mit menschlichen Wesen.

Leopoldo Serran, der schließlich das Drehbuch schrieb, betont immer wieder, daß er kein Linker sei und die Vorstellungen der “Terroristen” nie geteilt habe. Machte Sie diese Einstellung nicht skeptisch?

FG: Ich kenne die Haltung des Filmteams und respektiere sie. Es war wichtig, jede Form der po­litischen Propaganda dafür oder dagegen zu ver­meiden, und ich wußte, daß sie das tun würden. Sie hatten viel mehr Interesse daran, die Dialoge und die Charaktere zu konstruieren und eine gute, pro­fessionelle Arbeit zu machen. Das war gut so. Man kann politische Filme nicht mehr so drehen wie in den 60er und 70er Jahren. Das würde sehr altmo­disch wirken.

Bedauern Sie das? Oder finden Sie auch, daß heute die Zeit für unterhaltsamere Politfilme ge­kommen ist?

FG: Man muß beides kombinieren, sonst hat man große Schwierigkeiten, zu überleben und sei­nen Platz zu finden. Hätte der Film nicht diesen unterhaltenden Charakter, käme er in Brasilien gar nicht an. Auch auf dem internationalen Markt ist die Qualität von großer Bedeutung. Gestern erst wurde uns die Frage gestellt, ob Bruno Barretos Film nicht zu perfekt sei. Denn von einem brasilia­nischen Film wird eine solche technische Ausge­reiftheit nicht erwartet. Das ist typisch für Leute, die sich in Brasilien nicht auskennen und nicht wissen, daß beispielsweise auch unsere indianische Bevölkerung Reebok-Turnschuhe und Adidas-Ho­sen trägt, Ghettoblaster und CD-Player kauft.

Wie betrachten Sie rückblickend Ihre ei­gene revolutionäre Vergangenheit?

FG: Mein Leben hat sich in diesen Jahren stark geändert, ich habe viele unterschiedliche Dinge gemacht. Als ich aus dem Exil nach Brasilien zu­rückkam, war ich nicht deswegen bekannt, weil ich in den 60er Jahren an Entführungen teilgenommen hatte, sondern weil ich in der Linken neue Fragen aufgeworfen habe über die Frauen-, Umwelt-, Schwulenbewegung und solche Dinge. Heute bin ich Parlamentsabgeordneter der Grünen, und die meisten jungen Leute kennen mich, weil ich mich für die Freigabe von Mariahuana einsetze. Selbst wenn man ältere Leute fragt, was sie mit meinem Namen assoziieren, so sagen sie alle ‘Marihuana’.

Aber Ihre Parlamentskollegen kennen doch si­cherlich Ihre andere Vergangenheit. Sind Sie deswegen schon einmal attackiert oder diffa­miert worden?

FG: Nein. Denn ich habe meine Haltung mit der Rückkehr aus dem Exil klar geändert, wurde fast zum Pazifisten. Ich respektiere in einigen Fällen Leute, die mit der Waffe in der Hand kämpfen, aber ich selber werde nie wieder gewaltsam und bewaffnet agieren.

Würden Sie also, wenn es heute eine Dik­tatur in Brasilien gäbe, nicht mehr zu den Waffen grei­fen?

FG: Mit meinem heutigen Bewußtsein würde ich es nicht mehr tun. Wenn ich aber in die Ver­gangenheit zurückgehe und all die Fehler be­trachte, die ich begangen habe, dann war das mein bester Fehler.

Bruno Barreto, was für Erinnerungen ha­ben Sie persönlich an diese vier Tage im Septem­ber ’69?

Bruno Barreto (BB): Als dies passierte, war ich vierzehn Jahre alt. Ich hatte zwei Freunde, die sich einer bewaff­neten revolutionären Gruppe an­schlossen – sie wa­ren 15 und 16 Jahre. Das hat mich stark beein­druckt. Ich hatte Angst. Es gibt in dem Film eine Szene, wo zwei Freunde sagen, daß sie einander nie mehr wiedersehen würden, sich verabschieden und in die Nacht hinausgehen. Diese Szene beruht auf einer persönlichen Erfah­rung. Als mein Freund sagte, daß er sich der Gruppe anschließen würde, sagte ich: Ich halte das für verrückt. Ich bin nie politisch engagiert gewe­sen. Ich hasse Politik. Diese ganze politische Rhe­torik finde ich extrem langweilig.

Hat man nicht unter einer Diktatur, wie es sie beispielsweise damals in Brasilien gab, oft gar keine andere Möglichkeit, als sich für eine Seite zu entscheiden?

BB: Dem stimme ich zu, das ist ein Problem. Ich hielt dies allerdings nicht für den besten Weg. Ich hasse Gewalt. Es war ein sehr beängstigender Moment, den ich in Brasilien durchlebte. Men­schen wurden gefoltert und getötet.

Wenn Sie Gewalt und Politik hassen, was war dann Ihre persönliche Motivation, diesen Film zu machen?

BB: Ich wollte über das Ende der Ideologie re­den. Deshalb hielt ich auch Berlin für den perfek­ten Ort der Weltpremiere dieses Films. Denn Ber­lin war die Stadt, die die Spaltung der Welt in Links und Rechts symbolisierte. Die Buchvorlage handelt auch sehr viel vom Ende der Ideologie, vom Ende dieses simplifizierten Blicks auf die Welt. Das Ende von Anleitungsbüchern, die Leute benutzen, anstatt sich ihre eigenen Gedanken zu machen. Der Film feiert das Individuum, die Tat­sache, daß die Schönheit des Lebens darin besteht, daß wir alle unterschiedlich und gleichberechtigt zugleich sind. Fernando Gabeiras Buch wurde 1979 veröffentlicht, war also der Zeit zehn Jahre voraus.

Halten Sie es für altmodisch, politische Filme zu machen?

BB: Es ist altmodisch geworden, politische Filme in der Art zu machen, wie sie gemacht wur­den, mit der Einteilung in Gute und Böse. Meiner ist vielleicht der erste politische Film, der alle Seiten auf die gleiche Art und Weise zeigt und dasselbe Interesse und dieselbe Neugierde für alle darin verwickelten Charaktere hat. Den Folterer eingeschlossen, der meiner Meinung nach der fas­zinierendste Charakter im ganzen Film ist.

Es gibt also keine anderen politischen Filme, auf die Sie sich bei Ihrer Arbeit beziehen könn­ten?

BB: Ich will nicht prätentiös klingen, aber die gibt es nicht. Daher dauerte es auch zehn Jahre, um diesen Film zu realisieren, und ich dachte sogar zwischendurch daran, ihn nicht zu machen, weil ich keinen typischen politischen Thriller machen wollte. Das interessiert mich nicht. Ich halte Costa-Gavras’ Filme für sehr langweilig, da sie sehr sim­plizistisch sind. Ich habe versucht, etwas Komple­xeres zu machen und weder die Kommunisten noch die Amerikaner oder die Militärs als die Schurken darzustellen. Ich wollte die menschliche Seele, die menschlichen Wesen darin untersuchen.

Gab es finanzielle Probleme oder Versuche von Seiten politischer Interessengruppen, die Pro­duktion zu torpedieren?

BB: Wie wir alle wissen, hat Brasilien eine sehr harte Zeit durchlebt, wo während fünf oder sechs Jahren kein Geld zur Verfügung stand, um Filme zu realisieren. Das andere Problem war, daß ich kein Drehbuch bekommen konnte. Ich habe es mit sechs Autoren versucht, drei Amerikanern und drei Brasilianern. Sie alle begannen bei Null, sie be­nutzten nichts von dem, was die anderen Autoren geschrieben hatten. Ich war nicht glücklich damit, war aber selbst auch nicht in der Lage, mit einem eigenen Standpunkt aufzuwarten. Zehn Jahre spä­ter gelang es mir endlich, den ersten Drehbuchau­toren, den ich ursprünglich schon haben wollte, zu überzeugen, es nochmal zu versuchen. Ursprüng­lich lehnte er ab und sagte, dies wäre zu kompli­ziert, weil viele der Charaktere noch am Leben seien, er wolle seine Hände nicht in ein Wespen­nest stecken. Zudem ist Gabeiras Buch sehr schwierig zu adaptieren. Es ist wie ein Monolog, der im Kopf des Charakters stattfindet, eine Re­flektion über das, was passierte. Und die Art von Filmen, die ich gerne mache, sind Charakterstücke, man braucht also Interaktion, Konflikte.

Wie wichtig war es für Sie, die historischen Fakten zu rekonstruieren?

BB: Ich bin kein Dokumentarfilmer, sondern ein fiktionaler Geschichtenerzähler. Ich wollte Elemente der Realität benutzen, um eine Ge­schichte zu erzählen, die dem Publikum einen Ein­blick in das geben würde, was passiert ist. Der Charakter des Folterers beispielsweise ist kom­plette Fiktion, er beruht auf Geschichten, die wir gehört haben. Es ist uns nie gelungen, einen Folte­rer zu interviewen, auch wenn wir es versucht ha­ben. Wir kamen lediglich an Leute heran, die sie kannten. Und wir lasen Bücher darüber.

Die wirtschaftliche Situation des brasilia­nischen Kinos hat sich in den letzten zwei Jahren radikal verbessert. Andererseits setzt ein neues Gesetz die Filmemacher auch unter wirtschaftli­chen Erfolgsdruck.

BB: Erfolg kennt kein Rezept. Ich denke, sie müssen einfach gute Filme machen, sie müssen einfach ihren Hintern hochkriegen und gute Dreh­bücher schreiben. Es gibt genug Geld, aber es gibt nicht genug gute Projekte. So besteht die Gefahr darin, und es ist mittlerweile ein großes Problem, daß es eine Menge schlechte Filme geben wird. Je­der will Filmproduzent sein. Man muß das Publi­kum im Kopf haben und darf nicht nur vom Bauchnabel aus die Geschichten erzählen, nach denen einem selbst zumute ist.

Unter den acht brasilianischen Filmen, die auf der Berlinale im Forum laufen, gibt es zwei wei­tere, “Como nascem os anjos” von Murilo Salles und “Um céu de estrelas” von Tata Amaral, die auch mit Geiselnahmen zu tun haben – auch wenn es in diesen beiden Fällen nicht um politi­sche Motive geht. Halten Sie diese Häufung für Zufall?

BB: Vielleicht haben Brasilianer einen Feti­schismus, was Entführungen angeht, ich weiß nicht (lacht). Brasilien ist sehr wild und verrückt, du weißt nie, was gerade vor sich geht. – Ich habe da­rauf keine Antwort. Es hat einige Entführungen aus wirtschaftlichen Gründen gegeben. Eines der großartigen Resultate dessen, daß wir mit diesem ganzen ideologischen Bullshit aufgehört haben, besteht darin, daß wir die Probleme endlich so se­hen, wie sie sind. Das Problem ist ökonomisch, es ist das Haben und Nichthaben. Und wenn wir nicht den Wohlstand neuverteilen, gibt es soziale Pro­bleme. Sie sagten, in keinem dieser beiden Filme mit Geiselnahme ginge es um Politik. Vielleicht gibt es eine Symmetrie zwischen dem, wie Brasi­lien damals war und warum die Geiselnehmer da­mals kein Lösegeld verlangten, sondern die Frei­lassung von politischen Gefangenen. Und heute werden Leute entführt, um Geld zu erpressen.

Alles erscheint wesentlich zynischer, und das Fernsehen ist immer dabei.

BB: Es gibt sehr viel Gewalt. Das ist natürlich, wenn in einem Land 80 oder 90 Prozent der Leute in objektiver Armut leben.

Glauben Sie, daß Ihr Film in Brasilien po­litische Diskussionen hervorrufen wird?

BB: Ich hoffe das natürlich. Eine Zeitung in Brasilien schrieb bereits, daß ich den US-amerika­nischen Botschafter zu sympathisch dargestellt hätte, daß ich ihn und nicht die Entführer bevor­zugt hätte. Ein konservatives Blatt hier in Berlin schrieb dagegen, es sei unverantwortlich, die Ent­führer so sympathisch darzustellen, wenn man sich anschaut, was derzeit in Peru vor sich geht. Zwei gegensätzliche Meinungen. Das zeigt, daß ich die richtige Balance hatte.

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