Film | Nummer 274 - April 1997

“Ich hasse Filme mit einer Botschaft”

Regisseur Murilo Salles will in “Como nascem os anjos” mit Gut und Böse brechen

Jens Holst

Wie entstand die Idee, den Film “Como nascem os anjos” zu drehen?

Sie entstand aus der Not­wen­digkeit, einen neu­en Zugang zur Frage der so­zialen Ungleichhei­ten in Brasilien zu finden. Und zwar einen Zugang, der sich vom alten Soziolo­gismus und der stark neo­realistisch geprägten Strö­mung des frühen ‘Cinema Novo’ abhe­ben und diese Fra­ge auf ihren formalen Kern bringen würde, näm­lich das Absurde. Es ist ein ab­surder Film, der die Ab­sur­dität der sozialen Un­gleich­heit in Bra­silien dis­kutiert.

Am Anfang des Films zeich­nen Sie mit den Ein­stel­lungen in der Favela Dona Marta ein ziem­lich reali­tätsnahes Bild vom Le­ben in den Slums von Rio. Glau­ben Sie, daß Ihr Film ein wahres Bild vom Leben in Brasilien vermit­telt?

Nein. Ich versuche, zum Neo­realismus auf Distanz zu gehen. Ob­gleich die Ein­stellungen die Realität wie­dergeben, sind die Fi­guren von Branquinha, Japa und Maguila drei Re­prä­sentanten jenes unend­lichen sozialen Ge­webes, das wir als FAVELA be­zeich­nen. Der Film tritt in das Leben dieser drei Per­sonen ein, die spezifisch sind und ihre klar umris­senen Eigenarten haben. Sie vertreten aber nicht “ALLE” BewohnerInnen ei­ner FAVELA.

Welche Rolle spielt das deut­sche Fernsehteam in den ersten Szenen des Films?

Das Team des Deutschen Fern­sehens – es könnte auch ir­gend­ein anderes Team aus ir­gendeinem Land der Welt sein – ist in dem Maße präsent, wie ein in­ternationales Interesse an die­ser Art Gemeinschaft und ge­sel­lschaftlicher Or­ga­nisation be­steht, die wir FAVELA nennen und die ihre eigenen, sehr cha­rak­teristischen Figuren her­vor­bringt.

Warum sind die Haupt­opfer Ihrer Ge­schichte US-Amerika­ner beispielsweise Aus­länder? Was wäre der Un­terschied, wenn es Bra­silianerInnen wä­ren?

Es wäre ein ganz anderer Film geworden. Es war ent­scheidend, daß das “besetzte” Haus einem “Grin­go” gehörte – irgend­einem Grin­go, ich habe nur aus dreh­technischen Grün­den einen Ame­rika­ner aus­gesucht -. Denn wenn dort Bra­silianerInnen ge­wohnt hät­ten, hätte die­ser Brasi­laner entweder die Lage besser beherrscht – weil er sich ausge­kannt hätte -, oder er hätte stär­ker zur Aggressivität ten­diert. Das wollte ich ver­meiden, denn ich wollte kei­nen Film über die Ge­walt drehen, die von zwi­schen­menschlichen Bezie­hun­gen aus­geht, sondern ei­nen Film über die Ge­walt, die von der Un­gleich­heit ausgeht. Als “Gringo” kennt sich der Hausherr eben nicht so gut mit dem aus, was passiert, mit den drei zumindest merk­wür­digen Figuren. Er han­delt fei­erlicher, vor­sichtiger, ängstlicher. Das brachte mich da­rauf, die Rolle mit einem Ausländer zu be­setzen.

Wie haben Sie die Kin­der­darsteller für den Film gefun­den?

Wir haben sechs Monate lang intensiv unter jungen Klein­darstellern in den Volkstheater­gruppen und jun­gen Theater­schulen Rio de Janeiros gesucht.

Wie in anderen Filmen auf dem diesjährigen Ber­liner Fe­stival spielt das Fern­sehen in “Como nascem os anjos” eine ent­scheidende Rolle, in eini­gen Szenen erscheint es sogar wich­tiger als das wirk­liche Leben. Wie wür­den Sie die Rolle des Me­diums Fernsehen im heuti­gen Brasilien einschätzen?

Das Fernsehen ist im Fal­le Bra­siliens überaus wich­tig. Ich möchte ohne Über­treibung sa­gen, es ist fast unmöglich, eine Vor­stel­lung von der brasiliani­schen Kultur zu bekom­men, oh­ne zu versuchen, die Bedeu­tung dieses Me­diums in Brasi­lien zu ver­stehen. Wir haben ein stark konzentriertes Fernsehen – ein ein­ziger Kanal vereint sech­zig Prozent der Zu­schauer auf sich. Das Fern­sehen ist sehr mächtig und von hoher kulturel­ler Spreng­kraft. Es wird einer­seits für einen hohen Kolo­ni­sa­tions­grad eines politi­schen Modells ver­antwort­lich gemacht und steht gleichzeitig der Konkur­renz der brasilianischen Kul­tur bejahend ge­gen­über.

Was ist die Botschaft des Films? Und warum haben Sie ein so fatales Ende ge­wählt?

Ich hasse Filme mit einer Bot­schaft. In Wahrheit en­det der Film mit dem rück­wärts ge­schrie­benen Titel “Como nascem os an­jos”, und er hört mit dem bloßen “COMO” (WIE) auf der Leinwand auf. Ich glaube, ich habe versucht, einen antima­ni­chäistischen Film zu machen, der mit der moralischen Achse des Hollywood-Kinos mit sei­nem Gut und Böse bricht. Wie müs­sen über diese Frage hinaus­kom­men, um die Dinge verste­hen zu kön­nen. Und wir müssen über die “Botschaft” hin­wegkommen, denn sie wird im­mer enger sein als die Verständ­nisfähigkeit ei­nes künstlerischen Gan­zen.

Ihr Film ist in Brasilien be­reits gezeigt worden. Wie hat ihn das Publikum in Ihrer Hei­mat aufge­nommen? Und wie ha­ben die KritikerInnen rea­giert?

“Como nascem os anjos” wur­de schon in Rio de Janeiro und in Sâo Paulo gezeigt.
Die “Paulistische Gesell­schaft der Kunstkritiker” wählte ihn zum besten Film des Jahres und die “FilmkritikerInnen-Verei­ni­gung” in Rio de Janeiro zum besten brasilianischen Streifen.

Denken Sie, daß Ihr Film Aus­wirkungen auf die bra­si­li­anische Gesellschaft ha­ben kann?

Ich glaube, dazu wurde er ge­macht. Er hat sie be­reits.

Abschließend noch einige all­gemeine Fragen zum bra­si­li­anischen Film­schaf­fen. Wel­che Rol­le spielt das Kino heut­zutage über­haupt in Brasilien?

Die Bedeutung des bra­sili­anischen Kinos liegt heute darin, neue Themen auf das Ta­bleau zu brin­gen, Raum für die kul­turelle Diskussion über die Fragen in Bra­silien zu schaf­fen und in erster Linie Raum für das Ima­ginäre unserer Kultur zu bieten.

Nach einer vierjährigen Pau­se hat das brasiliani­sche Kino of­fenbar seine Agonie über­wunden. Wel­che Perspekti­ven und Entwick­lungs­mög­lich­kei­ten se­hen Sie für brasi­lianische Filme in der Zu­kunft?

Ich sehe den Ausweg für das brasilianische Kino in der Radi­ka­li­sierung seiner kulturellen Achse. Wir müs­sen aufpassen, denn es besteht die Versuchung von Seiten der intelligenten “Vor­mundschaft” der Film­kritik und der inter­na­tionalen Festivals der Län­der der ersten Welt, sich zu “bemühen”, auf Filme zu sto­ßen, die Brasi­lien und seine Themen als die eines armen Lan­des behandeln. Wir sind keine “armen Schweinchen”, und unser Wunsch, in diesen er­lauch­ten in­ter­nationalen Kreis auf­genom­men zu wer­den, be­deutet nicht ein­fach, das Bild eines ar­men Landes zu verkaufen. Aber für unser Überleben und unser Fort­be­stehen ist die­ser Kreis un­er­läßlich, weil der In­lands­markt nicht die Ko­sten für brasi­lianische Fil­me deckt. Selbst­nach­sich­tige brasilianische Filme wie “Como nascem os anjos” ist ein Beweis für das ge­naue Ge­genteil. Ein Be­weis für das klare Kon­zept unserer exi­stentiellen Ent­wicklung, ohne Schuld­gefühl, ohne Min­der­wer­tig­keitsgefühle, weil wir arm sind. Dafür, sich nicht zu schä­men, Bra­silianer zu sein.

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