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“Ich hatte Pfirsichgeschmack im Mund”

Silvester 1969: eine ereignisreiche Dekade neigt sich dem Ende zu. Carlos Fuentes, damals 41jährig, trifft auf die zehn Jahre jüngere Jean Seberg. Im Roman heißt sie Diana Soren, so wie fast alle Personen, außer Luis Buñuel, innerhalb des Romans andere Namen tragen. Es ist die bewährte Liebe auf den ersten Blick, nur daß seine Frau dabei ist. “Ich sah sie an. Sie sah mich an. Luisa sah uns an, wie wir uns ansahen.” Letztere daraufhin: “Ich glaube, wir müssen gehen.” Das macht sie dann auch, allerdings alleine, denn jetzt, im erst ein paar Stunden alten 1970, entspannt sich die heftige Liaison zwischen Carlos und “Diana”, die er auch anschaulich beschreibt. Wir erfahren, von Vaginalsalben diverser Geschmacksrichtungen, vom Vorspiel bis hin zu Unterhaltungen, so allerhand in schonungsloser Offenheit. Später, es läuft schon nicht mehr ganz so blendend, sie zu ihm: “Verehrter Herr, Sie haben zwei Wochen lang Ihr Vergnügen gehabt. Wann denken Sie daran, für meines zu sorgen?”
Carlos Fuentes erzählt, im Unterschied zu vielen früheren Romanen, in diesem Buch durchweg verständlich, teilweise eindringlich. Die Liebe wechselt in den zwei Monaten nur einmal den Ort, vom Hilton in Mexiko-Stadt nach Santiago in die Provinz. Dort haben die beiden Metropoliten teilweise ähnliche Probleme. Man bekommt nicht die richtigen Zeitschriften, Kosmetika, später läßt sie ihm seine Lieblingszahnpasta “El Capitano” aus Italien extra kommen. Wenig Ablenkung, umso mehr Intimität. Allerdings kommt dann später doch die Krise, und es beginnt – wie so häufig – mit einer aufgelassenen Tür.
Lange Rede, kurzer Sinn: Carlos der Erste wird abgelöst von Carlos dem Zweiten, einem, der die Revolution konkreter vorantreibt. Sie: “Ich hatte geglaubt, du wärest ein richtiger Revolutionär. Jemand, dessen Worte und Werke übereinstimmen. Aber das ist nicht wahr. Du schreibst, doch du tust nichts. Du bist wie die liberalen Yankees.” Klatsch, das war’s dann wohl. Der Vorwurf trifft ihn voll, das merkt man.
“Die heilige Johanna”, wie sie nach einem gleichnamigen Film von 1957 genant wird, unterstützt später die Black Panther, spielt noch in einigen Filmen mit, schreibt Bücher. 1979 wird ihre Leiche in einem Renault in Paris gefunden. Bis heute ranken sich Spekulationen um ihren Tod. Fuentes beschreibt einerseits ihren psychischen Verfall, verweist andererseits aber auch auf das FBI, das 1980 zugab Verleumdungskampagnen gegen Anhänger “unpopulärer Bewegungen” initiiert zu haben.
So wird aus diesem persönlichen Enthüllungsroman auch das – wenngleich nur skizzenhafte – Portrait einer Epoche. Noch heute blickt Fuentes mit einem zärtlichen Gefühl auf diese Idealistin und denkt mit Wehmut an die Anfänge der 70er zurück: “Arme Diana, die so stark war, daß sie keinen Schutz gegen die Schwächen der Welt besaß.”

Carlos Fuentes: “Diana oder Die einsame Jägerin.” Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 1996. 240 Seiten; 39,80 DM (TB, Fischer 1998, 8,90 Euro)

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