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Immer unfair

Die Symptome sind sehr unterschiedlich. Meistens berichten die Betroffenen von Kopfschmerzen, Erbrechen, Übelkeit, Schwindel und Appetitlosigkeit: Die green leaves disease oder doen­ça da folha („Grünblätter-Krankheit“) ist der Begriff für eine Nikotinvergiftung, und ein gängiges Phänomen unter Tabaklandwirt*innen. Sie entsteht vor allem bei der Ernte, wenn die Landwirt*innen und Helfer*innen die zusammengebundenen (noch grünen) Blätter in Ballen unter dem Arm tragen und ihre Haut so mit dem Tabak in Kontakt kommt. Andere Symptome sind Schlaflosigkeit, Schwächegefühl, Bauchschmerzen, Durchfall, Schüttelfrost, Müdigkeit.
Sirlei Glasenapp stammt aus der vierten Generation einer Familie, die in Rio Grande do Sul seit Ende des neunzehnten Jahrhunderts Tabak anbaut. Schon mit elf Jahren hat sie auf den Feldern und bei der Trocknung von Tabak geholfen. Heute forscht die Doktorandin im Bereich ländliche Entwicklung und versucht herauszufinden, wie soziale Institutionen das Leben der Familienbetriebe verändern, die im Tabakanbau tätig sind. Über die Nikotinvergiftungen weiß sie gut Bescheid. „Die Grünblätter-Krankheit tritt vor allem dann auf, wenn die Blätter bei der Ernte nass sind“, erläutert sie. Dann nämlich nimmt der Körper umso mehr Nikotin über die Haut auf.
Die von der Regierung angebotenen Schutzanzüge zur Vorbeugung werden kaum gekauft, geschweige denn verwendet „Bei über 30 Grad ist so ein Anzug wie eine Sauna!“, beschreibt Glasenapp, die es aus eigener Erfahrung weiß. Da viele Landwirt*innen darüber hinaus nicht über die Risiken der Tabakernte informiert sind, haben sie keine Motivation, sich Schutzkleidung zu besorgen.
Vor allem Kinder sind für die Nikotinvergiftungen anfällig, weil ihr Organismus schwächer ist.
„Kinderarbeit ist im Tabakanbau weit verbreitet“, weiß Sonja von Eichborn von der NGO Unfair Tobacco. Iro Schünke, Präsident der interbundesstaatlichen Gewerkschaft der Tabakindustrie, „Sinditabacco“ bezeichnet die Kinderarbeit gar als ein „nationales Problem“. Laut einer Erhebung von 2008/2009 arbeiten allein in Paraná, dem größten Tabakanbaugebiet Brasiliens, ca. 80.000 Kinder im Tabakanbau. Obwohl Kinderarbeit in Brasilien mittlerweile verboten ist und Schulpflicht besteht, müssen die Kinder der Bauernfamilien oft mitanpacken, weil es an helfenden Händen fehlt. Die Kinder helfen daher meistens nach der Schule oder in den Ferien. Von Eichborn sieht hier vor allem die Konzerne in der Verantwortung, da diese die Arbeitsbedingungen überhaupt zuließen. „Urteile nach derzeitiger Gesetzgebung würden vermutlich die kleinbäuerlichen Betriebe für Kinderarbeit bestrafen, nicht die Konzerne“, bemängelt sie außerdem.
Doch die Probleme hören nicht bei Kinderarbeit und Nikotinvergiftung auf. Die Konzerne verkaufen für den Tabakanbau eine Reihe von Pestiziden, denen die Landwirt*innen dauerhaft ausgesetzt sind. Manche Landwirt*innen müssen ihre Arbeit aufgeben, weil sie an polyneuropathischen Störungen leiden – Krankheiten des zentralen Nervensystems, die zur progressiven Lähmung der Arme und Beine führen.
Andere Pestizide haben psychische Wirkungen und verursachen Depressionen. Von mehreren Studien, unter anderem von der Universidade Federal de Pelotas in Rio Grande do Sul, wird ein Zusammenhang zwischen Selbstmorden und den toxischen Pestiziden nahe gelegt.
„Beim Trocknen des Tabaks gibt es wiederum ganz andere Risiken“, hebt Sirlei Glasenapp hervor. „Wenn man die Blätter zum Trocknen in Steinhäusern aufhängt, muss man hoch klettern und kann stürzen.“
Angesichts der zahlreichen gesundheitsschädigenden Folgen scheint es absurd, dass Familienbetriebe sich weiterhin für den Tabakanbau entscheiden. Viele haben offenbar keine Wahl oder kein Vertrauen in Alternativen. „Zum Reisanbau ist es zum Beispiel oftmals zu bergig“, gibt Glasenapp zu bedenken. Sojaanbau sei angesichts der riesigen Sojaindustrie für kleine Familien nicht rentabel. Für Gemüse gebe es hingegen keinen verlässlichen Markt. „Beim Tabakanbau haben die Leute Stabilität“, erklärt sie. In Familien, die seit Generationen Tabak anbauen, spiele auch die Tradition eine Rolle: „Die Menschen sind einfach daran gewöhnt“.
Oft sind die Landwirt*innen aber auch von den Tabakkonzernen abhängig. Denn das Saatgut muss jedes Jahr neu gekauft werden – und da nur wenige Familien das Geld dafür haben, verschulden sie sich jedes Jahr mehr bei den Konzernen, die das Saatgut verkaufen. Gerade in diesem Teufelskreislauf erweist sich die Monokultur des Tabaks als besonders problematisch: Die verschuldeten Tabaklandwirt*innen können nicht mehr auf selbst angebautes Gemüse zurückgreifen, um sich zu ernähren.
Einen Fairtrade-Tabak, nach dem Modell von fair gehandeltem Kaffee oder Schokolade, gibt es nicht. Sirlei Glasenapp sieht darin auch nicht die Lösung für die Probleme im Tabakanbau: „Auf dem Markt gibt es keine gerechten Verhältnisse“, so ihre Einschätzung „Man kann höchstens die negativen Folgen minimieren.“ Für Sonja von Eichborn von Unfair Tobacco ist hingegen einzig ein Rückgang des Tabakkonsums sinnvoll: „Tabakkonsum ist für die Gesundheit der Konsument*innen gefährlicher als diese es wahr haben wollen. Jede*r zweite Raucher*in stirbt an einer tabakbedingten Krankheit – das sind weltweit jährlich 6 Millionen Menschen, die überwältigende Mehrheit davon im Globalen Süden – Tendenz steigend“, sagt sie. „Gäbe es die Möglichkeit, Tabak mit einem Fairhandelssiegel zu versehen, würde diese Gelegenheit vor allem von Zigarettenkonzernen zur Image-Verbesserung und zur Erschließung einer neuen Zielgruppe genutzt, wie dies auch bei organisch angebautem Tabak der Fall ist.“ Die meisten Staaten haben indesssen nicht wirklich ein Interesse am Zurückschrauben des Tabakkonsums, weil dadurch mittlerweile hohe Steuersummen eingenommen werden.

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