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Invasion der Zäune

„La vaca no es mala, es malacita – die Kuh ist nicht böse, sie ist nur ein bisschen durchtrieben“, sagt einer der beiden Kontrahenten am Ende der Diskussion und alle müssen lachen. Wir sind auf einer Versammlung der Garífuna-Gemeinde Triunfo de la Cruz an der honduranischen Karibikküste. Zwischen Wiesen und Bäumen, ein bisschen entfernt von den nächsten Häusern, haben sich fast fünfzig Frauen, Männer und Kinder unter einem schattenspendenden, offenen Holzbau versammelt, um die anstehenden Probleme in der Gemeinde zu besprechen. Gerade haben wir eine Menge über einen Streit zwischen zwei Nachbarn gehört, über ihre beiden Ehefrauen, die sich nicht ausstehen können, und die durchtriebene Kuh, die nicht angebunden ist und immer an der falschen Stelle grast. Der Streit scheint für das erste beigelegt, zusammen wurde eine Lösung gefunden.
„Es ist wichtig, auch diese kleinen Konflikte gemeinsam zu regeln“, sagt Alfredo López von der Garífuna-Organisation OFRANEH nach der Versammlung. Er lebt selbst in Triunfo und weiß, dass aus kleinen Streitigkeiten große Konflikte werden können, die die Gemeinschaft schwächen. Dabei ist der Anlass des Treffens sehr ernst: Wenige Tage zuvor wurden drei Männer aus Triunfo am frühen Abend von einer Gruppe Maskierter entführt. Die Entführer trugen Uniformen der Eliteeinheit der nationalen Polizei und waren mit großkalibrigen Waffen ausgerüstet. Die Opfer wurden in nur zwei Kilometern Entfernung brutal ermordet, auf eines von ihnen wurden fünfundzwanzig Schüsse abgegeben. Alle drei hatten eine wichtige Rolle in Triunfo, zwei von ihnen gehörten die beiden einzigen Billardcafés, dem dritten Ermordeten ein kleiner Laden.
Es ist das erste Mal, dass das organisierte Verbrechen in dieser Form in Triunfo zuschlägt und die Gemeinde weiß nicht genau, worum es bei diesen drei Morden geht. Um Schutzgelderpressung wird vermutet. Unklar ist auch, wie sie darauf reagieren können. Soll ein Alarmsystem eingerichtet werden? Sollen sie sich bewaffnen, um sich im Notfall verteidigen zu können?
Klar wird jedenfalls, dass die Polizei nicht daran interessiert ist, die Morde aufzuklären, sie hat keine Ermittlungen eingeleitet. Noch klarer sind die Folgen der Morde: Die Menschen haben Angst, sie gehen lieber nicht mehr aus dem Haus, sobald es dunkel wird, sie haben weniger Kontakt zueinander. Wer wird es wagen, wieder einen Billardsalon zu eröffnen, in dem man sich treffen kann?
Triunfo de la Cruz ist eine von vielen Garífuna-Gemeinden an der Karibikküste Mittelamerikas. In Belize, Nicaragua, Guatemala und Honduras haben ehemalige Sklavinnen und Sklaven im 17. Jahrhundert Dörfer gegründet, in denen ihre Nachkommen bis heute leben und sich eine eigene Sprache, Kultur und gemeinschaftlichen Landbesitz bewahrt haben. Die UNESCO hat die Garífuna-Gemeinden zum Weltkulturerbe erklärt, die ILO-Konvention 169 soll ihre Landrechte schützen. 1994 wurde die Konvention von der honduranischen Regierung ratifiziert. Doch die früher entlegenen und wenig lukrativen Gebiete der Garífuna werden ökonomisch immer interessanter, zum Beispiel für den Bau von Beach-Resorts oder sogenannten Charter-Cities (siehe vorangehender Artikel). Die kollektiven Landrechte der Garífuna werden häufig verletzt, ihr Gemeindeland ohne Einhaltung ihres Konsultationsrechts an Dritte veräußert oder von einflussreichen Persönlichkeiten und Unternehmen einfach besetzt.
„Zu einer Garífuna-Gemeinde gehören eigentlich keine Zäune“, erklärt mir Alfredo López, als wir am Ende des Tages auf seinem Hof stehen. Richtig, das ist mir auch schon aufgefallen. Die niedrigen Holzhäuser stehen mehr oder weniger dicht beieinander, zwischen ihnen verlaufen sandige Pfade, die mir das unbehagliche Gefühl geben, gerade unwissentlich durch einen fremden Vorgarten zu laufen. Er lacht, als ich ihm das erzähle. „Wir wissen schon, wo das Grundstück der anderen anfängt und wo es aufhört. Aber viel wichtiger ist, dass wir uns um unsere Nachbarn kümmern. Zu unserer Kultur gehört es, die Nachbarn morgens zu grüßen, wenn wir unseren Hof fegen, wir fragen sie, wie es ihnen geht. Wenn ich sie nicht treffe, dann gehe ich zu ihnen, um zu sehen, ob sie krank sind oder Hilfe brauchen. Allerdings gibt es auch bei uns in den letzten Jahren immer mehr Zäune und nach diesen Morden werden es sicher noch mehr werden.“ Was er mir an diesem Abend nicht erzählt: Nach dem Putsch 2009 wurde ein Brandanschlag auf das Gebäude des Garífuna Radiosenders Coco Dulce verübt, in dem er arbeitet. Und vor einem Jahr ein weiterer Brandanschlag auf das Haus, in dem er mit seiner Familie lebt. Nur durch Zufall wurde niemand dabei verletzt.
Am nächsten Morgen verlassen wir Triunfo in Richtung des nahegelegenen Nationalparks Punta Izopo. Wir wollen uns aus der Nähe ansehen, wo die Garífuna-Gemeinde von Landkonflikten betroffen ist und um welche Gebiete es dabei geht. Überraschend schnell zeigt sich das Problem. Sobald die Bebauung von Triunfo weniger dicht wird, gibt es einzelne Häuser, die sich Menschen von außerhalb ohne Zustimmung der Gemeinde angeeignet haben und damit die gemeinschaftlichen Landrechte verletzen. Kaum zehn Minuten außerhalb des Ortskerns von Triunfo beginnt dann eine offensichtlich neu gebaute Mauer, die mit einer Höhe von 40 Zentimetern eher harmlos wirkt. Allerdings lassen die alle vier Meter eingelassenen Pfosten den Schluss zu, dass sie noch sehr viel höher werden soll. Und sie ist lang, sehr lang. Gebaut wurde sie von privaten Investoren aus San Pedro Sula, denen die Stadtverwaltung der nahegelegenen Kleinstadt Tela widerrechtlich Landtitel erteilt hat. So wurden mehrere Quadratkilometer Land und Wald direkt an der Küste „eingemauert“ und der gemeinschaftlichen Nutzung entzogen.
„Dies ist alles Land, das zu Triunfo de la Cruz und damit unserer Garífuna-Gemeinde gehört“, erklärt uns Alfredo López. „Mit dieser Mauer haben sie die Wege, die bereits von unseren Vorfahren angelegt wurden, unterbrochen und uns vom direkten Zugang zum Meer abgeschnitten.“ Auf der zum Meer gelegenen Seite hat die Gemeinde die Mauer daher schon einmal in einem Akt des zivilen Widerstandes niedergerissen. Doch auf der anderen Seite ist sie dafür zu lang und wir müssen mit dem Wagen um sie herum fahren.
Wenige hundert Meter danach beginnt auf der mauerlosen Seite der Straße ein Zaun. „Dieses Grundstück ‚gehört‘ einem Abgeordneten in Tegucigalpa mit sehr viel Einfluss“, erläutert Alfredo López weiter. Auch dieser Zaun ist sehr, sehr lang. Es ist ein ganzer Wald, den der Abgeordnete Oswaldo Ramos Soto von der Nationalen Partei für sich beansprucht. Um dieses Land führt die Garífuna-Gemeinde eine gerichtliche Auseinandersetzung, die sie möglicherweise auch gewinnen kann. Allerdings wird es Jahre dauern, bis das Gericht zu einer Entscheidung kommt. Solange kann der Abgeordnete in Ruhe Ideen entwickeln, was er mit dem Waldstück anfangen möchte. Zum Beispiel ein Beach-Resort bauen, in direkter Nähe des Nationalparks Punta Izopo oder möglicherweise sogar Ökotourismus anbieten.
Mangels eines anderen Weges parken wir schließlich am Ufer des Flusses, den wir zu Fuß durchqueren. Stellenweise geht uns dabei das Wasser bis zur Brust. Kein Problem für uns mit unseren Rucksäcken, aber ein echter Zugang zum Nationalpark ist das natürlich nicht. Anschließend laufen wir zwei Kilometer über den Strand in Richtung des sogenannten núcleo, des besonders geschützten Bereiches des Nationalparks. Als wir dort ankommen, sehen wir als erstes ein großzügiges Wohnhaus mit mehreren kleinen Gästehäusern direkt am Fluss. Üppiger grüner Rasen umgibt die Anlage, die natürlich eingezäunt ist. Am Strand warnt ein großes Schild „Privat! Keine Tiere zugelassen!“ Hinter Schild und Zaun grasen friedlich zwei Reitpferde, sie sind offensichtlich nicht gemeint.
„Dieses Haus gehört Miguel Facussé“, sagt Alfredo López. Facussé ist einer der führenden Unternehmer in Honduras, der ein ganzes Palmölimperium in der Region Bajo Aguán aufgebaut hat. Er und seine Unternehmen sind im ganzen Land in zahlreiche Landkonflikte verwickelt. Auch eine der größeren Tageszeitungen des Landes gehört seiner Familie. „Wenn Facussé ‚zu Hause ist‘, dann bewachen schwerbewaffnete Männer den Strand und den Zugang zum Nationalpark. Niemand darf das Haus passieren, auch die Fischer nicht.“
Der Nationalpark Punta Izopo, dessen Einrichtung die Garífunas von Triunfo de la Cruz nach langem Zögern zugestimmt hatten, wird von einer Stiftung namens PROLANSATE verwaltet. Die Stiftung ist unter anderem für das Umwelt-Monitoring des Baus des riesigen Beach & Golf-Resorts Los Micos verantwortlich. Bis 2010 hat sie Subventionen der EU erhalten. Offensichtlich duldet PROLANSATE, dass einer der großen Wirtschaftsbosse des Landes in dem besonders geschützten Bereich des Nationalparks Punta Izopo ein Privathaus gebaut hat und dies regelmäßig nutzt.
Nur ein paar Schritte weiter wird klar, warum dieser Standort für Facussé möglicherweise so interessant ist. Auf einem breiten Pfad gelangen wir vom Strand zu einer leicht erhöhten Landspitze mit einer gut gepflegten Rasenfläche, die wie ein privates Fußballfeld wirkt. Nur Tore und weiße Markierungen fehlen. Am Rand steht ein kleiner Rundbau, der Schutz vor Regen bieten kann. „Die Fischer sehen hier häufig Lichter, besonders nachts“, sagt Alfredo. „Wir nehmen an, dass dies ein illegaler Hubschrauberlandplatz ist. Aber wem sollen die Fischer davon erzählen, ohne ihr Leben zu riskieren?“ Links der Landspitze hat vor einigen Jahren das Meer mehrere Quadratkilometer Küste verschlungen. Das Wasser ist hier besonders flach und ruhig, ein kleines Schiff könnte in der Nähe des Hauses von Facussé ankern und entladen werden, indem man zu Fuß durch das Wasser geht. Auf der anderen Seite der Felsen beginnt dagegen das offene Meer. Als Drogenumschlagplatz wäre dieser Ort optimal geeignet – das leuchtet sofort ein.
Jenseits der Landspitze – auch auf dieser Seite gehen wir über einen unbewachsenen, breiten Weg – liegen mehrere Quadratkilometer Land, die ebenfalls zur Garífuna-Gemeinde von Triunfo gehörten. Einige Grundstücke wurden von Angehörigen der Garífuna „offiziell verkauft“ und Alfredo López sieht nur sehr wenige Chancen diese zurückzufordern. Am Strand liegt ein altes Kanu voller Löcher und er zeigt uns, wie die Fischer mit Gummi versucht haben, seine Lebensdauer zu verlängern: „Die Einrichtung des Nationalparks hat für uns Garífunas bisher nur Nachteile gebracht. Früher haben die Fischer aus dem Wald die großen Bäume geholt, die wir brauchen, um unsere traditionellen Kanus zu bauen. Heute ist auch das Schlagen von einzelnen Bäumen nicht mehr erlaubt. Die Bestimmungen des Naturschutzes erlauben die nachhaltige Nutzung des Waldes nicht mehr, die wir seit Generationen praktizieren. Das ist für uns besonders schwierig, weil der Fischfang eine der ganz wenigen Einkommens- und Nahrungsquellen in Triunfo de la Cruz ist.“
Als wir über den Strand zurückkehren – und nun mit einem deutlich unguten Gefühl an dem Haus von Miguel Facussé vorbeigehen – fährt ein großer Geländewagen der Oberklasse mit verdunkelten Scheiben an uns vorüber. „Die sieht man hier jetzt immer öfter“, sagt Alfredo und seine Miene verdüstert sich. „Doch wir sind entschlossen, für unsere Rechte zu kämpfen. Dieses Land gehört uns, den Garífunas, seit vielen, vielen Generationen.“

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