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Jagdszenen aus den Sümpfen Argentiniens

Hände halten sich zitternd an einem Drink fest. Ein schlaffer Arm zerrt einen Liegestuhl zentimeterweise nach links. Im Swimmingpool daneben bewegt sich außer fauligen Blättern nichts. Eine mittelalte Frau mit maskenhaftem Gesicht bläst Zigarettenqualm in den dunstigen Tropenhimmel. Als sie sich aufrafft, ihr Glas ein weiteres Mal zu füllen, verliert sie die Balance. Da liegt sie, in einer Lache aus dunkelroter Flüssigkeit. Niemand der anwesenden Herrschaften reagiert. Bis ein Mädchen herbei stürzt und der Frau die Scherben aus dem Dekolleté zieht. „Mama muss ins Krankenhaus“, ruft die 15-Jährige einem Kerl mit glasigen Augen zu. Doch der hat andere Probleme: Die Hausangestellte soll bloß nicht die Gelegenheit nutzen und sich die blutdurchtränkten Handtücher unter den Nagel reißen!
Szenen einer Familie aus Buenos Aires, die den Sommer auf ihrer Paprikaplantage verbringt. In dem argentinischen Film La Ciénaga holt sich so häufig jemand Wunden und Blessuren, dass es den Rest der Verwandtschaft kaum noch kratzt. Alle haben genug mit sich selbst zu tun. Die Eltern Mecha und Gregorio wanken in einer Wolke aus Alkohol und Apathie durchs Haus. Die vier Kinder schlagen die Zeit mit Stippvisiten in dem Provinznest La Ciénaga tot. Oder sie jagen Tiere, um diese anschließend waidwund im Morast verenden zu lassen. Oder sie balgen sich in den Betten. Ständig hängen alle aufeinander, beäugen sich durch offene Badezimmertüren. Das hat etwas Inzestuöses. Gleichzeitig scheint die dicke Luft jegliche Libido zu ersticken.
Ciénaga bedeutet Sumpf, Morast. Auf der letztjährigen Berlinale gehörte das Erstlingswerk der damals 33-jährigen Lucrecia Martel zu den großen Überraschungen des Wettbewerbsprogramms und erhielt unter anderem den Alfred-Bauer-Preis für das beste Erstlingswerk. Seitdem wird die vollkommen natürlich und unprätentiös auftretende Regisseurin auf internationalem Parkett als eines der großen Talente der jungen argentinischen Filmszene gefeiert – unter anderem wurde sie auf die diesjährige Berlinale als Mitglied der Jury eingeladen. Aber nicht nur das: Gerade mit der Verschärfung der Krise in Argentinien im letzten halben Jahr sind Filme wie ihrer noch stärker als zuvor ins Blickfeld geraten. Denn kaum einem Medium gelingt es derzeit so treffend wie dem zornigen jungen argentinischen Film, anhand von zumeist sehr persönlichen Geschichten die äußeren Erscheinungsformen des gesellschaftlichen Niedergangs zu beschreiben und gleichzeitig an deren tieferliegenden Wurzeln zu rühren (siehe „Cineastische Sumpfblüten“ in der LN 332).
Für ihre niederschmetternd traurige Familienfarce hat sich Lucrecia Martel von der eigenen Sippschaft inspirieren lassen. Tatsächlich rückt die Kamera den Akteuren so nah auf die Pelle, als sei sie ein unsichtbares Familienmitglied. Selten hat ein argentinischer Film so eindringlich und unerbittlich den materiellen, vor allem aber den geistigen und seelischen Niedergang der weißen Mittelklasse ausgeleuchtet. Da wird über die angebliche Schlampigkeit der „Indios“ hergezogen, während man bis zum Halse im eigenen Morast steckt. Ob Mecha & Co sich am eigenen Schopf heraus ziehen können? Fraglich, denn Mecha bequemt sich nicht einmal, selbst ans Telefon zu gehen. Sie schaut sich lieber in der Glotze Reportagen über wundersame Madonnen-Erscheinungen an. Vielleicht hofft sie, dass es Hirn vom Himmel regnet.

La Ciénaga (Der Morast), Regie und Drehbuch: Lucrecia Martel; Argentinien 2000. Farbe, 103 Minuten.

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