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„Jetzt haben wir Meinungsfreiheit“

Was passiert auf Zacate Grande, das eure Arbeit notwendig macht? Was genau klagt euer Radiosender an?
Franklin: Zacate Grande wird vom „club de coyolite“ heimgesucht. Ein Club, der sich aus der Oligarchie, den Millionären Honduras´ zusammensetzt und hier auf der Halbinsel bestimmte Gebiete widerrechtlich in Besitz genommen hat. Es gibt 63 Strände, von denen nur fünf frei zugänglich sind, alle anderen sind privatisiert. Auf der Insel wird ein Radio benötigt, um die ausbeuterischen Machenschaften der Mitglieder der Oligarchie, der Großgrundbesitzer und Millionäre öffentlich anzuprangern und bekannt zu machen. Es haben sich hier 58 Großgrundbesitzer angesiedelt, die versuchen, die Menschen zu vereinnahmen und ihnen vorzuschwindeln, ihre Anwesenheit würde neue Arbeitsmöglichkeiten bringen.
Mit dieser Propaganda betäuben sie die Menschen. Unsere Aufgabe mit dem Radio ist es, die Menschen aufzuwecken und die Lügen der Oligarchie zu entlarven.

Wer ist Miguel Facussé und welche Interessen verfolgt er hier auf der Halbinsel? Kannst du mehr über die Oligarchie berichten?
Franklin: Miguel Facussé ist der größte Aggressor auf Zacate Grande und der Hauptverantwortliche des hier voranschreitenden Diebstahls. Er hat die Heldentat vollbracht, den Bewohnern Zacate Grandes sehr viel Land zu stehlen und dieses unter seine Gewalt zu bringen. Sein Vorgehen richtet sich gegen die Bäuerinnen und Bauern, die ihr Recht auf die Ländereien einfordern, die ursprünglich ihnen gehörten. Er hält sich für den Eigentümer und glaubt, das Recht zu haben, die Menschen von ihrem Land zu vertreiben. Durch Miguel Facussé und andere Vertreter der Oligarchie, wird ein Zustand der Ausbeutung erzeugt und Landvertreibungen durchgeführt. Er und sein Schwiegersohn verhalten sich auf Zacate Grande wie Barbaren und werden dabei von der Polizei unterstützt, die von Juan José (ein weiterer auf der Insel bekannter Großgrundbesitzer, Anm. d. Red.) aufgekauft und geschmiert wird. Nicht nur auf die Polizei, sondern auch auf Bürgermeister und Richter trifft dies zu.
Allein Juan José ist mit mehr als 60 Personen in einen juristischen Prozess verwickelt. Es gibt companer@s, die vier bis fünf Prozesse wegen widerrechtlicher Aneignung von Land am Laufen haben, andere sitzen in Untersuchungshaft und manche sind kurz davor, ins Gefängnis zu gehen. Dabei verhält es sich genau andersherum, die Landaneignung findet durch die andere Seite statt.

Seluma und Franklin, wie nehmt ihr die Situation hier auf der Halbinsel wahr?
Seluma: Seit vielen Jahren kämpfen wir hier gemeinsam vor allem gegen Miguel Facussé. Dieser Kampf ist nicht vorbei, solange wir unsere Lebensgrundlage nicht zurückerobert haben. Zum Beginn unseres Projektes wurden viele companer@s mit Prozessen überhäuft und uns wurde vorgeworfen, wir würden Desinformation betreiben. Davor war die mächtigste Informationsquelle hier das Fernsehen, das jedoch nicht die Realität widerspiegelt, sondern von der Oligarchie kontrolliert wird. Unser Ziel ist es, diesen Lügen entgegenzuwirken und über die wahren Umstände zu berichten. Ein weiteres Ziel ist es, mehr Jugendliche zu mobilisieren. Kleine basisorientierte Projekte also, die jedoch das Fundament des Widerstands darstellen und andere Entwicklungs- und Arbeitsmöglichkeiten aufzeigen.
Franklin: Das Haus für das Radio wurde auf bäuerlichem Land errichtet, worauf Facussé ebenfalls einen Besitzanspruch erhebt. Für die Errichtung des Hauses wurden aus unserer Gruppe acht Personen angeklagt. Das war ein Jahr, nachdem das Radio auf Sendung gegangen war. Ich wurde hinter Gitter gebracht, weil ich mich für Arbeiter Facussés‘ eingesetzt hatte, die bei ihm Land gepachtet hatten. Wegen meiner Einmischung wurde ich ins linke Bein geschossen und Miguel Facussé wurde auf das Radio aufmerksam, das er mit einer Anklage zum Schweigen bringen wollte. Das Radio war so vielen verschiedenen Angriffen ausgesetzt, aber wir glauben, dass es ein wichtiges alternatives Medium ist, das für unseren Kampf unverzichtbar ist. In der jetzigen Situation sind wir auch bereit, für das Projekt unser Leben zu riskieren. Bevor es das Radio gab, war es uns nicht erlaubt, unsere Meinung öffentlich auszusprechen. Jetzt haben wir Meinungsfreiheit; und zwar nicht, weil uns die Regierung oder irgendjemand sonst dazu die Erlaubnis erteilt hat, sondern weil wir uns dieses Recht genommen haben. Wir werden auch weiterhin davon Gebrauch machen, so lange wir die Möglichkeit dazu haben.

Kasten:

Das lokale Radio „la voz de zacate grande“
Der basisorganisierte Radiosender „La Voz de Zacate Grande“ auf der Halbinsel Zacate Grande im Süden Honduras erhebt seine Stimme gegen die Privatisierung der Region durch Hotelkomplexe sowie gegen die Welle der Repression gegen alle, die ihre größtenteils zur Subsistenzwirtschaft genutzten Ländereien nicht widerstandslos aufgeben wollen. Die honduranische Oligarchie hat die tropische Halbinsel zu ihrem Feriendomizil auserkoren.Die Bewohner_innen Zacate Grandes’ berufen sich bei ihrem Protest auf eine Gesetzgebung, die denjenigen einen Landtitel zu spricht, die ein Stück Land seit mehr als zehn Jahren bewirtschaften. In dem Radio engagieren sich überwiegend Jugendliche. Sie möchten im Gegensatz zu den etablierten Medien auch über Menschenrechtsverletzungen informieren. Die Betreiber_innen des Radios arbeiten eng mit der lokalpolitischen Organisation ADEPZA zusammen. ADEPZA betreibt in den Gemeinden ein sich in kollektivem Besitz befindendes Garnelenfangschiff, ein Saatgut-Projekt und Projekte zur Honiggewinnung. Der Radiosender „La Voz de Zacate Grande“ fungiert als Sprachrohr von ADEPZA.

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