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Kamele = Pinguine

Zumindest die Machtverhältnisse stimmen da, die “‘Nord-Süd-Dimension”. Der militärische “Sieger” ist eindeutig, Macht ist Macht. Und auch der Anlaß ist bei beiden Kriegen verdammt ähnlich: Die willkürliche Korrektur in der Kolonialzeit gezogener Grenzen; völkerrechtswidrig natürlich, denn das Völkerrecht ist ja auf Seiten der kolonialen Grenzen. Eine mehr oder weniger starke Regionalmacht legt sich mit dem Status Quo an, im einen Falle mit Großbritannien, unterstützt von den USA, im anderen mit den USA, assistiert von Großbritannien und einigen anderen Ländern (darunter auch Argentinien). And the empire strikes back. Viele – gerade auch Linke und Friedensbewegte – dachten bei Irak an Vietnam und gingen von einem elendig langen Krieg aus. Wenige erinnerten sich an den Malvinas-Krieg – wieviele Tage, Wochen, Monate brauchte Her Majesty’s Fleet, um die “Argies” in ihre Schranken zu weisen?
Ein Konflikt: Erste Welt gegen Dritte Welt, sicher, aber halt doch nicht, nicht einmal Lateinamerika gegen Großbritannien oder die arabische Welt gegen die USA. In der flammenden Rhetorik eifriger Políticos und als echtes Gefühl in weiten Teilen der lateinamerikanischen oder arabischen Bevölkerung vielleicht. Aber so wie Assad gegen Saddam hetzt, die Ägypter treu unter’m Sternenbanner bleiben und die Kuwaitis auf ihren Cadillacs feiern, so konnten sich auch die Briten bei den chilenischen Generälen für ihre militärischen Unterstützungsleistungen während des Malvinas-Kriegs bedanken. Das alte und doch so frische Divide et impera, oder: Eine Krähe hackt der anderen doch die Augen aus. Gemeinsam ist beiden Kriegen auch, daß der anti-imperialistische Anlaß den Galtieris und Husseins wirklich nur Anlaß war. Denn wie Saddam seine desolate wirtschaftliche Lage nach dem Iran-Krieg mit relativ wenig irakischem Blut für relativ viel kuwaitisches Öl (und Geld) in den Griff kriegen wollte, so stießen auch die argentinischen Generäle in die eisigen Gewässer der Antarktis, weil es ihnen daheim zu heiß wurde: Auf der Plaza e Mayo vor dem Regierungspalast in Buenos Aires forderten die Madres ihre Kinder zurück und demonstrierten am 31. März 1982 Tausende von GewerkschafterInnen gegen die Wirtschaftsmisere und für ein Ende der Diktatur. Zwei Tage später landeten die argentinischen Truppen auf den Malvinas.
Dieser innenpolitische Effekt zeigt sich, da aber erfolgreicher, auch bei der Gegenseite: Von mageren 34% in den Umfragen im U Mit weißen Stiften werden Schüsse ins Wasser markiert, mit roten Stiften Treffer. März 1982 schnellte Maggies Popularität durch den so gloriously gewonnenen Krieg auf 48% im Juni des gleichen Jahres an – genug, um den Falkland-Effekt in einen satten konservativen Wahlsieg ein Jahr später umzumünzen. Und das, obwohl Labour alles daran setzte, die Eiserne Lady an Patriotismus und Kriegslust noch zu übertreffen, so wie die US-amerikanischen Democrats im Blick auf die Kongresswahlen nächstes Jahr nun versuchen, mit der kühnen Forderung nach einer Teilbesetzung des Irak den Truppen des General Schwarzkopf (die wahrscheinlich sowieso nichts anderes vorhaben) schnell noch zuvorzukommen.
Eine bemerkenswerte Parallele ist die denkwürdige Gleichgültigkeit der britischen und US-amerikanischen Regierung vor dem jeweiligen Überfall, und die absolut kompromißlose und jegliche Verhandlungen ablehnende Reaktion danach (und das, obwohl es auf den Malvinas gar kein 01 gibt!). Denn weder die argentinische Landung auf den Malvinas noch der irakische Einmarsch in Kuwait kamen aus so heiterem Himmel, wie er derzeit für die Geschichtsbücher gezeichnet wird. Der argentinische Anspruch auf die Malvinas ist so alt wie das unab- hängige Argentinien, und der des Irak auf Kuwait besteht, seitdem Kuwait 1961 von den Briten in die Unabhängigkeit entlassen wurde. Und jenseits der Historie:
So wie die US-Botschafterin in Bagdad ihrem respektablen Gesprächspartner Präsident Saddam Hussein noch kurz vor dem Einmarsch in Kuwait versicherte, die Grenzstreitigkeiten mit Kuwait sehe Washington als innerarabisches Problem, in das es sich nicht einmischen wolle, so hatte die Thatcher-Regierung die ihnen zugetragenen Informationen über eine bevorstehende argentinische Militäroperation im Südatlantik nicht gehört oder hören wollen. Die Reaktion, wie gesagt, ist kompromißlos, für Verhandlungen ist kein Platz. Nach dem militärischen Sieg wird entscheidend, daß die Verlierer sich verbindlich und langfristig von ihrem Anspruch auf das umstrittene Gebiet verabschieden. Der Fall Argentinien hat prächtig gezeigt, wie die real existierenden Zwänge dieser Welt einen doch so gerne nationalistische Rhetorik pflegenden Menem keep smiling zum britischen Kreuze haben kriechen lassen. The winner takes all. Und auch Saddam oder sein Nachfolger wird sich so manches Rückgrat an der “vollen Anerkennung der staatlichen Souveränität Kuwaits” verbiegen, wenn hinter dem Rauch der Kanonen wieder die Probleme von Auslandsschulden, Ölpreis und Förderquoten zum Vorschein kommen.
Denn wenn das Modell Malvinas befolgt wird, ist nicht eine alle Probleme in die Verhandlungskommissionen schickende Nahostkonferenz die Folge, sondern das genaue Gegenteil. Der militärische Sieger hat ja gerade militärisch gesiegt, um nicht verhandeln zu müssen. Alle Ansätze für eine in zivilen und friedlichen Formen ausgetragene Revision der Grenzen des unseligen Emirats können wohl getrost auf absehbare Zeit zu den Akten gelegt werden. Und dramatisch wird es – und dies ist in der Tat zu befürchten -, wenn diese Logik auch Husseins Zweitanlaß erfaßt, die zum Linkage degradierten PalästinenserInnen.
Nach dem Debakel im Malvinas-Krieg wurde General Galtieri von seinen Kollegen beiseite getreten und General Bignone an seine Stelle gesetzt, ohne daß die Briten allzu viel nachhelfen mußten. So ähnlich stellen es sich auch die Bushs, Stoltenbergs und Assads vor, wenn sie das irakische Militär zum Putsch gegen Hussein aufrufen. Die Haßfigur muß weg, die demokratischen Spielregeln sind da vorübergehend außer Kraft zu setzen. Das mit der Demokratie wird im Irak soundso nicht so einfach werden; bislang ist weit und breit kein Hut zu sehen, aus dem die siegreichen Truppen einen vom Volk zu wählenden Alfonsin ziehen könnten. Aber so wichtig ist das ja nun auch nicht, und irgendwo müssen historische Parallelen ja auch ihre Grenzen haben.

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