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Karikreaturhafte Konfusion

Noch heute diskutieren sie in Cincoesquinas, ob er Held oder Mörder sei“. Dann schwarze Leinwand – Nichts und Ursprung zugleich. Begleitet von heftigem Stöhnen, dem Schweiß und dem schmerzverzerrten Gesicht der Mutter werden wir der Geburt dieses als mörderischen Helden Angekündigten gewahr. Im Stehen wird er geboren, mit dem dunklen Kopf nach unten zwischen dem hölzernen Kreuz der Mutter und ihren blutigen Schenkeln hängend, dem sandigen Wind ausgedörrter Palmenlandschaft ausgesetzt.
Eine wahrhaft göttlich-dämonisch anmutende Geburt. Jedenfalls wird in „Un crisantemo estalla en Cincoesquinas“ (Eine Chrysantheme explodiert in Cincoesquinas) von Beginn an nicht mit Mitteln gespart, dem Zuschauer Ambivalenzen, ja, die völlige Konfusion zu präsentieren – eine Konfusion, die letztlich für jene der gesamten lateinamerikanischen Existenz und Geschichte stehen soll.

Archetypen und Archetopoi …

So konfrontiert der erst 24jährige Regisseur Daniel Burman seinen Protagonisten (José Luis Alfonso) – wohl in Anlehnung an den legendären Märtyrer heißt er Erasmo – in einem nicht benannten Lande des Kontinents, zu einer ebensowenig benannten Zeit mit den Archetypen und Archetopoi Lateinamerikas. Auf seinem Rachefeldzug für den Mord an seiner Amme sieht sich Erasmo nacheinander marodierenden Banditenbanden, Huren, Heiligen und eben seinem großen Rivalen, dem omnipräsenten Caudillo „El Zancudo“ gegenüber. Im Kampfe gegeneinander sowie mit ihren eigenen Traumata müssen diese Gestalten bestehen – und das vor einem stetig wechselnden geschichtlichen Hintergrund von Banditenherrschaft, Bürgerkrieg, Totalitarismus bis hin zum Präsidentenunwesen am Ende des Filmes.
Ergänzt wird die bunte Szenerie noch von einigen klassisch-religiösen Motiven: Erasmo als der Neugeborene, der die Banditen allein mit seinem Blick aus tiefdunklen Augen davonjagt, seine Amme als eine Art Madonna in der Hängematte, später die Erscheinung einer wegweisenden Guerillera in schwarz-weiß auf der glitzernden Oberfläche eines Flusses (auf einer Schaukel schwingend !) sowie die Auferstehung des General „El Zancudo“. Und nicht zu vergessen Magdalena (Valentina Bassi), die nach einigen frustrierten Liebesversuchen die große Liebe Erasmos wird. In ihrer dumpfen Spiritualität einer schlecht gespielten Amish-Frau ähnelnd, bemalt sie kleine Heiligenfiguren mit „von Gott gelenkten Händen“ …
Spätestens nach der Hälfte des Filmes holt man ob dieser Symbol-
, Motiv- und Klischeeüberfrachtung tief Luft und fragt sich: Ist dies nun authentisches Pathos des jungen Regisseurs oder verbirgt sich die Absicht einer ironischen Überzeichnung Lateinamerikas „an und für sich“ dahinter? Für eine derartige Absicht verzerrt Burman jedoch einfach zu wenig, geht zu wenig auf Abstand zu seinen Figuren und Themen. Auch wenn er selbst seine Figuren gerne als „Karikaturen“ verstanden haben will: Überzeichnung wird eben erst zur Karikatur, wenn sie komische Wirkungen erzielt, Hervorstechendes der Lächerlichkeit preisgibt. Charakteristika, die hier allerdings nicht zu finden sind.
So zeigt der Film, wenn man sich denn einmal des authentischen Pathos bewußt geworden ist, Züge eines Latino-B-Picture: ganz bewußt sollen die Klischees die Geschichte bewegen und motivieren, gleichsam das Gerüst des Filmes stellen. Ein Gerüst, das sich dann nur allzuleicht mit Interpretationen bekleiden läßt. Allzuleicht, denn eine ganz andere Frage ist, ob der Film diese Interpretationen auch trägt.

… und ein ungewöhnlicher Held

Indes, zwei Stärken des Filmes lassen derartige Fragen zwischenzeitlich immer wieder in den Hintergrund treten. Da ist zum einen die einzig „echte“ und differenziert gezeichnete Figur des Filmes: Saúl, ein emigrierter orthodoxer Jude, mit verschmitztem Lächeln und wundervollen Schläfenlocken (nur sie bleiben am Ende von ihm) eindrucksvoll verkörpert von Martín Kalwill. Er kommt auf einem kleinen Schienengefährt an einem Bahnhof inmitten sandiger Ödnis an und zeigt den dort Anwesenden das Photo eines Mannes. Die Menschen schrecken zusammen und wenden sich verängstigt ab: sie wollen keine Fragen gestellt bekommen und erst recht keine Antworten suchen. Stattdessen flüchten sie sich fatalistisch in eine vage Solidarität, wenn sie immer wieder formulieren: „Wir sind im Krieg. Es ist nicht die Zeit, allein zu sein.“
In all den filmischen Wirrungen zwischen Bürgerkrieg und Totalitarismus ist Saúl damit der Einzige, der nach Identitäten und Erklärungen sucht. Sich dem fatalistischen Strom entziehend forscht er unermüdlich „ihm“ auf dem Photo nach. Ein – nicht nur im Kontext des Filmes – ungewöhnlicher Held, der so ganz und gar nicht in die Gesellschaft der übrigen „Karikreaturen“ paßt, die sich halb Mensch, halb Tier schnüffelnd bis röchelnd umherbewegen und ihre Erkenntnis auf reine Körperlichkeit beschränken.
Neben der Figur des Saúl sticht die von Esteban Sapir, dem Regisseur des letztjährigen Berlinalebeitrages „Picado Fino“, mit der Kamera teilweise brillant eingefangene Bildästhethik hervor. Etwa bei der Begegnung Erasmos mit „El Zancudo“. Eingeführt in einer rasanten Flamencoeinlage gehen schwarzglänzende Stiefel eine Holztreppe hinab, nackte Füße hinauf. Dem crescendo der Saloonmusik folgend werden die Schritte schneller bis die Musik schließlich aussetzt und sich die Kontrahenten wie zum Duell in einem alten Western in Zeitlupe – Details effektvoll in Szene gesetzt – einander nähern.
In einer anderen Szene sehen wir Saúl am Roulette-Tisch, neben ihm zwei androgyn-schwuchtelige Croupierwesen. Dem dahingehauchten „Rouge ou noir ?“ folgt ein wunderbar vieldeutiges Spiel aus leinwandgroßen Augenwinkeln. Doch der – eben omnipräsente – General „Zancudo“ beobachtet durch ein Loch in der Wand, wie Saúl seine Bank ausnimmt. Und ehe man sich versieht, sind die beiden Croupiers wie in einem Alptraum durch zwei faltige alte Herren mit düsteren Blicken ausgetauscht …
Ja, wäre der gesamte Film doch wie diese Szene: exzellent fotografiertes Schauspiel, Situationskomik, Andeutungen statt Überfrachtungen, Raum lassend. Doch hierauf wollte Daniel Burman sich offensichtlich nicht verlassen. Und so kommt es, daß man den finalen und schon lange angekündigten Schuß aus dem im Chrysanthemenstrauße verborgenen Revolver förmlich herbeisehnt. Ob nun Held oder Mörder, es läßt einen kalt.

„Un crisantemo estalla en Cincoesquinas“; Regie: Daniel Burman; Argentinien 1997; Farbe, 83 Minuten.

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