«

»

Artikel drucken

Kein Anschluss ohne Nodes

Ohne nodes (Verbindungen) geht künfig gar nichts mehr. Menschen, die sich nicht über in die Haut implantierten Steckdosen mit dem globalen Datennetz verbinden können, verlieren den Anschluss an eine Welt, deren Realität großteils digitalisiert und nur medial vermittelt wahrnehmbar ist. Verkabelt arbeiten sie, lieben einander und berauschen sich mit einem psychoaktiven Mix aus Einsen und Nullen. Technologischer Fortschritt und digitale Kommunikation lassen das globale Dorf immer kleiner erscheinen und doch entfremden sich die Menschen immer mehr voneinander.
Bis hierhin klingt Alex Riveras Science-Fiction-Film Sleep Dealer eher wie ein Allgemeinplatz, kaum zu unterscheiden von anderen Filmen des Genres. Und doch ist dieses Erstlingswerk ganz anders. Denn es zeigt keine durchgestylte High-Tech-Welt des Nordens, in der einsame Helden gegen Maschinen kämpfen, sondern ein Mexiko, das noch immer von extremer Ungleichheit gezeichnet ist: Ländliche Gegenden sind technologisch vollkommen abgehängt, während die Metropolen digital mit der Weltwirtschaft verbunden sind. Währenddessen ist die „analoge“ Welt geteilter denn je: Wirtschaftsflüchtlinge aus ganz Lateinamerika, die von der US-Wirtschaft heute noch als billige Arbeitskräfte gebraucht, als Menschen aber nur widerwillig geduldet werden. In Sleep Dealer stranden sie spätestens an der Mauer, mit der sich der reiche Norden gegen den armen Süden abgeriegelt hat. Ohne jedoch auf deren billige Arbeitskraft verzichten zu müssen.Memo Cruz ist einer dieser MigrantInnen. Aus dem ländlichen Oaxaca geht er nach Tijuana, um dort Geld für seine ruinierte Familie zu verdienen. „Was wir verkaufen ist der amerikanische Traum: Arbeitskraft ohne die Arbeiter!“ Mit diesen Worten wird ihm die Fabrik vorgestellt, in der er anheuert. Über nodes verkabelt, steuern ArbeiterInnen wie Memo dort Roboter, die in den USA ihre Bewegungen nachvollziehen und solche Jobs erledigen, die weniger Wert schaffen, als die Arbeitskraft vor Ort kostet. Was den Rest des Plots angeht, bleibt Sleep Dealer dem Genre treu und wagt sich nicht weit unter die Oberfläche.
Schon auf der Reise in The city of the future (Die Stadt der Zukunft), wie sich die Grenzmetropole Tijuana selbst preist, lernt Memo Luz kennen. Die junge Frau, die sich als Autorin ausgibt, weist ihn in das urbane Leben ein und kümmert sich um seine Verkabelung. Um Geld zu sparen implantiert sie ihm selbst die nodes, die er benötigt, um als virtueller Arbeitsmigrant Häuser in Kalifornien, zu bauen. Luz ist Memos einzige Vertraute, sie wiederum ist fasziniert von der Ursprünglichkeit des Bauernsohnes. Damit über diese simpel erzählte Beziehung keine Missverständnisse aufkommen, winkt Rivera mit dem Zaunpfahl: Luz ist für Memo das Licht (span.: luz) in der dunklen Stadt, Memo verkörpert die Erinnerung (memoria) an eine humanere Vergangenheit.
Aus der Freundschaft wird langsam Liebe. Und selbst die funktioniert nicht mehr ohne nodes. Damit der Funke richtig überspringt, vereinen die beiden sich auch gleich digital miteinander, was optisch ansprechend über die im dunklen leuchtenden Kabel gezeigt wird. Was Memo nicht ahnt: Luz verdient sich ihren Unterhalt nicht als Autorin fiktiver Geschichten. Sie verkauft ihre ins Netz eingespeisten und bebilderten Erinnerungen, unter anderen auch von Memos Vergangenheit, die er ihr anvertraut: Die „wahrest mögliche Science Fiction“ wollte der US-amerikanisch-peruanische Regisseur Alex Rivera mit seinem ersten Film schaffen. Und derzeitige technologische und politische Entwicklungen konsequent zu Ende gedacht, lassen seine Zukunftsvision auf unheimliche Weise plausibel erscheinen. Wenngleich „das Böse“ auch übermorgen nicht ausschlielich aus dem reichen Norden kommen wird, wie der Film suggeriert.
Wie bald die Vision unüberwindbarer Nord-Süd-Grenzen Realität werden könnte zeigt der jüngste Vorstoß der EU-Kommission zur Stärkung der Festung Europa: Damit nur „erwünschte“ Personen passieren können, soll in modernen Sicherheitsschleusen die Netzhaut gescannt werden. In Sleep Dealer ist dies schon Realität.

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/kein-anschluss-ohne-nodes/