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Kein Grund zur Eile

Mit einer Unterbrechung der Friedensverhandlungen und Forderungen nach einem konsequenten Vorgehen gegen die Paramilitärs reagieren die FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) auf den jüngsten Terror. Seit dem Beginn der Gespräche in San Vicente haben paramilitärische Verbände mehr als 150 Menschen in verschiedenen ländlichen Gebieten Kolumbiens ermordet. Mit der jüngsten Terrorwelle wollen die Todesschwadronen ihrer Forderung Nachdruck verleihen, in Friedensbemühungen einbezogen zu werden. Seitdem die Regierung nach der zweiten großen Guerilla des Landes, dem Nationalen Befreiungsheer (ELN), auch den FARC politischen Status zugebilligt hat, fordern die Paramilitärs dieselbe Akzeptanz. Dabei führen sie einen systematischen Krieg gegen die Bevölkerung, die sie der Sympathie für die Guerilla verdächtigen oder die einfach nur den Expansionsbestrebungen von GroßgrundbesitzerInnen sowie in- und ausländischen InvestorInnen im Wege ist.
Um der Regierung die Arbeit zu erleichtern, überreichten die Comandantes deren Delegation beim bisher letzten Treffen im südkolumbianischen San Vicente del Caguán eine Liste von Militärs und Politikern, die nach ihren Erkenntnissen mit den Todesschwadronen zusammenarbeiten. Die Liste ist brisant: Neben zehn ranghohen Generälen befindet sich darauf niemand geringeres als der Sicherheitschef von Präsident Andrés Pastrana. Bisher sind dessen Reaktionen auf diese Anschuldigungen in den Wirren des verheerenden Erdbebens untergegangen, das Ende Januar das Kerngebiet des Kaffeelandes Kolumbien zerstörte. Pastrana mußte deswegen auch seine geplante Europareise absagen, auf der er sicherlich auch bei Weltbank und Internationalem Währungsfonds (IWF) Geld zur Finanzierung seiner Friedensmission locker machen wollte.
Schließlich tritt der medienerfahrene Präsident auf zwei inländischen Bühnen gleichzeitig auf. Der Friedensprozeß mit dem ELN soll am 13. Februar seine Fortsetzung finden und in zweimonatigem Rhythmus vorangebracht werden. In den Verhandlungen mit den FARC bleibt ihm nach den jüngsten Entscheidungen der Guerilla nun etwas mehr Zeit.

Guerilla ohne Zeitdruck

Dabei hatte alles so verheißungsvoll begonnen. Mit zweimonatiger Verspätung zwar, aber voll Optimismus waren die Friedensgespräche zwischen der kolumbianischen Zentralregierung und der größten und ältesten Guerilla Lateinamerikas aufgenommen worden. Mit großem Bahnhof hatte Präsident Pastrana am 7. Januar in San Vicente del Caguán Einzug gehalten. Doch schon damals hatte ihm der FARC-Chef den Auftritt vermasselt: Manuel Marulanda erschien nicht zur Auftaktsitzung in dem herausgeputzten Viehzüchterstädtchen am Ostrand der kolumbianischen Anden. Die Guerilla argwöhnte ein Attentat auf ihren legendären, mittlerweile 68jährigen Anführer.
Das wäre, da sind sich alle Beteiligten einig, ein harter Schlag für die Friedensbemühungen. Nicht nur, weil der mit dem Spitznamen „Tirofijo“ (Schußsicherer) belegte Marulanda Vélez als entschiedener Verfechter einer friedlichen Beilegung des jahrzehntealten Konfliktes gilt. Viel bedeutsamer dürfte seine Rolle als eine Art Ur- und Übervater der FARC-Bewegung sein, der von vielen Aufständischen regelrecht verehrt wird. „Marulanda hat so viel Lebenserfahrung,“ meint beispielsweise Comandante Fabián, der 33jährige dritte Mann der Südfront, voller Bewunderung, „daß er viel schneller als die anderen die Zusammenhänge erkennt. Seine Entscheidungen sind richtig und weise.“ Der betagte Guerillero scheint als einziger in der Lage zu sein, die unterschiedlichen Strömungen innerhalb dieser Guerilla zusammenhalten zu können.
Bei einer derart großen und in völlig unterschiedlichen Regionen agierenden Organisation ist das keine leichte Aufgabe. „Die Konflikte sind eng mit regionalen und lokalen Problemen verbunden und unterliegen regionalen und lokalen Dynamiken,“ erklärt der stellvertretende Leiter des Forschungsinstituts CINEP in Bogotá, Diego Pérez. „So agiert die Guerilla beispielsweise in Urabá anders als im Süden des Landes, in Vaupés, Putumayo oder Guaviare oder als in Magdalena Medio. Es ist daher sehr schwierig, in Kolumbien globale, allgemeine und landesweite Lösungen zu finden.“ Das Hauptinteresse der Guerilla läge darin, ihre lokale Macht zu festigen. Eine Übernahme der zentralstaatlichen Macht sei trotz ihrer militärischen Stärke sehr kompliziert.
Leonel Narváez, der Vikar für Sozialpastoral in San Vicente und gleichzeitig Vorsitzender des örtlichen Friedenskomitees, beschreibt eine andere Kontroverse innerhalb der FARC: „Es gibt eine Spaltung in der Frage nach Krieg oder Frieden. Neben militärischen und kriegerischen gibt es eindeutig pazifistische Strömungen, wie sie Manuel Marulanda oder die Comandantes Raúl, Fabián und Joaquín repräsentieren, die Verantwortlichen für die Entspannungszone.“
Nach optimistischen Einschätzungen sind erste Veränderungen, die aus den Verhandlungen hervorgehen könnten, frühestens in fünf Jahren zu erwarten. Andere Beobachter verdoppeln diese Frist. Das bestätigt auch der Soziologe Alejo Vargas, Vizerektor der Nationaluniversität und Vertreter der sogenannten Zivilgesellschaft in den bisherigen Gesprächen mit der ELN-Guerilla. „Die FARC stehen nicht unter Druck und haben es keineswegs eilig, zu einer Lösung des bewaffneten Konflikts zu kommen.“ Vor allem in der Weite des südostkolumbianischen Amazonasbeckens könnten sie aus einer Position der Stärke in die anstehenden Verhandlungen gehen. Die Redakteurin Mariela Guerrero von der linken Zeitschrift Alternativa geht sogar davon aus, daß die FARC gar nicht über Frieden verhandeln wollen: „Ich glaube, ihr Hauptziel ist der Austausch von gefangenen Guerilleros gegen von ihnen festgehaltene Soldaten und Polizisten.“ Über dieses Problem, das viel Emotionen schürt und die Gemüter in Kolumbien mehr zu bewegen scheint als der mittlerweile fast vierzig Jahre dauernde Bürgerkrieg, beraten die Delegationen parallel in einem gesonderten Verfahren.
Die Comandantes in San Vicente betonen indes ihre Absicht, eine friedliche Beilegung des bewaffneten Konflikts zu erreichen. Allerdings, das dürfte die unterschiedlichen Interpretationen erklären, wollen sie keinen Frieden um jeden Preis. Ihr Ziel heißt: Frieden mit sozialer Gerechtigkeit. Nicht die Übernahme der Macht, keine sozialistische Umwälzung streben sie an, sondern die Beteiligung an einer pluralistischen Übergangsregierung. „Wir vertreten die Interessen der großen Mehrheit der Besitz- und Machtlosen,“ erklärt dazu Comandante Fabián von der Südfront. „Wir sind eine Bewegung mit tiefgreifenden politischen Motiven.“

“Sozialdemokratische Forderungen”

Auf die Frage, was das konkret bedeutet, verweist er auf ein Zehnpunktepapier für eine pluralistische Regierung aus dem Jahre 1993: „An diesen Forderungen hat sich im wesentlichen nichts geändert.“ Neben der Bekämpfung der Todesschwadronen und einer Reform von Armee und Polizei umfassen die grundsätzlichen FARC-Forderungen die Erhöhung der Sozialausgaben auf 50 Prozent des Gesamthaushalts, eine Landreform zu Gunsten der kleinen und mittleren Bauern, Staatsmonopol bei der Ausbeutung von Bodenschätzen und ein gerechteres Steuersystem. „Das sind alles Forderungen, wie sie auch eine linke sozialdemokratische Regierung aufstellen kann, meint dazu der langjährige Vorsitzende der kolumbianischen Bankiersvereinigung, César González, heute unabhängiger Wirtschaftsberater. Seiner Einschätzung nach gibt es in Teilen der Unternehmerschaft des südamerikanischen Landes durchaus die Bereitschaft, die erforderliche Modernisierung der Wirtschaft auch mit sozialen Verbesserungen zu begleiten.

Tauwetter zwischen Medien und FARC

Doch von den politischen Forderungen der Aufständischen ist in Kolumbien ebenso wenig bekannt wie von den Ursachen des fast vierzig Jahre währenden Bürgerkriegs. Die Guerilla ist zwar fest in ihren Stammgebieten verankert, doch in den Städten und nicht betroffenen Landesteilen begreifen nur Wenige den bewaffneten Konflikt und seinen AkteurInnen. Gerade die FARC haben zudem mit einem enormen Imageproblem zu kämpfen. In den Köpfen vieler KolumbianerInnen hat sich hartnäckig das Bild einer gewaltbereiten, rücksichtslosen und eine kommunistische Herrschaft anstrebenden Guerilla festgesetzt, die dem Land keine Ruhe gönnen will. Erheblichen Anteil an diesem Dilemma haben die kolumbianischen Medien, die politisch wie wirtschaftlich abhängig sind und bis auf wenige Ausnahmen recht unverblümt im Herrschaftsinteresse agieren. Die Guerilla beklagt sich zu Recht über regelmäßige Manipulationen und Verfälschungen in der Berichterstattung.
Das gegenseitige Mißtrauen zwischen den Aufständischen und der kolumbianischen Journaille sitzt tief. Doch im Vorfeld der Aufnahme der Gespräche in San Vicente ist etwas Bewegung in die starren Fronten gekommen. Es besteht großes Interesse von Seiten der PressevertreterInnen, die in den letzten zwei bis drei Jahren ganz vorsichtig eingeleitete Öffnung der Medien gegenüber der Guerilla fortzusetzen. Und die FARC weichen ihre aus Unkenntnis im Umgang mit der Presse und Angst vor ständiger Verfälschung entstandene Blockadepolitik auf. Die Ernennung des ehemaligen Priesters „Camilo“ zum Pressebeauftragten der FARC in San Vicente ist ein weiterer Schritt in diese Richtung und erfüllt eine häufige Forderung der JournalistInnen.

Von politischen zu wirtschaftlichen Kämpfen

Ihre Politik der Abschottung konnten die Aufständischen auch deshalb so lange verfolgen, weil der Krieg in Kolumbien vorwiegend in abgelegenen, wenig zugänglichen und wirtschaftlich unterentwickelten Regionen stattfindet. Dazu gehört auch das jetzt entmilitarisierte Territorium in den Departments Caquetá und Meta. Im Laufe dieses Jahrhunderts haben Bauern aus anderen Landesteilen allmählich die „Llanos“, den kolumbianischen Teil Amazoniens, besiedelt. Im Unterschied zu den früh kolonialisierten Regionen gehört den Campesinos das Land, auf dem sie leben und das sie bebauen. Historisch zeigte der Staat in dieser Region keinerlei Präsenz und nahm weder soziale Aufgaben noch wirtschaftliche Funktionen wahr. Staatliche Organisationen konnten somit nie die Rolle eines Vermittlers in alltäglichen oder politischen Konflikten ausfüllen. „Die Guerilla hat in dieser Region praktisch staatliche Aufgaben übernommen,“ erklärt Diego Pérez von CINEP, die ausgeprägte Verankerung der Aufständischen in der Zivilbevölkerung. „Die Guerilla wendet Recht an, auf ihre Art, aber sie übernimmt die Rechtsprechung. Sie schlichtet Konflikte, löst alltägliche Probleme der Gemeinden und ist eine Art Beschützer der Bevölkerung gegenüber externen Angreifern.“
In erster Linie gegenüber den Vernichtungsfeldzügen gegen die Drogenproduktion, die der kolumbianische Staat gemeinsam mit der US-amerikanischen DEA (Drugs Enforcement Agency) regelmäßig startet. Der politisch motivierte Guerillakampf ist längst durch massive ökonomische Auseinandersetzungen überlagert. „Die Gewalt in Kolumbien wird in zunehmendem Maße nicht mehr von politischen, sondern verstärkt von Wirtschaftsinteressen bestimmt,“ meint Diego Pérez. „Was im Süden des Landes, in den Departments Meta, Caquetá oder Putumayo passiert, hängt im wesentlichen mit der Ökonomie der Kokaproduktion zusammen. Und die Guerilla ist wichtigste Nutznießerin dieser illegalen Anbauprodukte.“ Eine direkte Beteiligung an Produktion und Handel, die ihr immer unterstellt wird und mit dem Kampfbegriff der „Narcoguerilla“ in den Köpfen verankert werden sollte, habe CINEP allerdings noch bei keiner Untersuchung feststellen können.
Die Position der FARC gegenüber der Drogenproduktion ist eindeutig. „Wir haben nie den Kokaanbau als solchen verteidigt,“ erklärt Comandante Joaquín, der Chef der Südfront, „sondern die Leute, die davon leben. Wir können nicht einfach sagen, hört auf Koka anzubauen – wovon sollen diese Leute denn sonst leben.“ Von den Zwischenhändlern, die Kokapaste herstellen oder weiterverkaufen, kassiere die Guerilla eine Art Steuern, schließlich würde der Staat ja auch vergleichbare Wirtschaftsaktivitäten besteuern. Die Kontrolle über den Südosten Kolumbiens ist daher für die Guerilla nicht nur aus strategischen Gründen überlebenswichtig.
Für die kolumbianische Regierung und vor allem für die USA ist der Drogenanbau von zentraler Bedeutung, der große Bruder im Norden betrachtet es gar als ein Problem der nationalen Sicherheit. „Bisher gibt es keinen überzeugenden Vorschlag,“ kritisiert Alejo Vargas, „denn ein Substitutionsprogramm für die Kokaproduktion in einem so ausgedehnten Gebiet und einer so großen Zahl davon abhängiger armer Bauern wie in Amazonien ist nur an ein mittel- oder langfristiges Programm zu denken. „Für eine Fläche von 100.000 Hektar bedarf es Investitionen im Umfang von mindestens zehn Milliarden Dollar. Das würde die Kapazität des kolumbianischen Staates schlichtweg überfordern“.

KASTEN

Interview mit Comandante Joaquín, Chef der FARC-Südfront und Unterhändler in den Friedensverhandlungen mit der Regierung

Denken Sie, die politische Klasse dieses Landes ist reif, die Präsenz der FARC im politischen Leben Kolumbiens zu akzeptieren?

Das ist kein Problem der Reife der politischen Klasse. Denn das ist eine rückständige, reaktionäre und blutrünstige politische Klasse, die sich mit gegen das Volk gezücktem Bajonett und Blei an der Macht gehalten hat und an der Macht hält. Immer wenn eine politische Bewegung entstand, die reale Chancen hatte, die Macht zu ergreifen, schalteten sie sie physisch und mit Gewehren aus.

Was ist ihre Konsequenz daraus für die jetzigen Verhandlungen?

Wir haben immer gesagt, daß wir die Waffen nicht abgeben werden. Jetzt verhandeln sie mit uns, weil wir die Waffen haben. Und später sind diese Waffen die Garantie dafür, daß die Vereinbarungen eingehalten werden.

Bis wohin reicht im Moment der Friedenswillen der FARC? Das ist der dritte derartige Prozeß in den letzten 15 Jahren, was hat sich gegenüber früher geändert?

Da hat sich gar nichts geändert. Unsere Suche nach Frieden geht auf den Ursprung unserer Bewegung zurück. Unsere Perspektive ist ein Frieden mit sozialer Gerechtigkeit, daran hat sich nichts geändert. Wie wir den Frieden sehen und wie wir gesehen werden, da gibt es natürlich große Unterschiede.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Nach außen wird das Bild verbreitet, daß unsere Bewegung nur deshalb in den Bergen hockt, weil es uns Spaß macht, wir bequem leben und uns so um alles drücken, weil es uns gefällt, daß uns die Mücken stechen. Die Leute wissen einfach nicht, was wir wollen. Das Entscheidende wäre es, die historischen, sozialen und wirtschaftlichen Ursachen zu verbreiten, die dazu geführt haben, daß eine Handvoll Leute einen bewaffneten Aufstand beginnen, der heute unsere Bewegung ist.

Eine Frage zur EU: Könnte nicht eine Freilassung der festgehaltenen Europäer zu besseren Beziehungen beitragen?

Nein, dazu ist eines zu sagen: Die wirtschaftlichen Entführungen erfolgen mit politischen Zielen. In diesem Krieg, der im wesentlichen vom Kapital aufgezwungen wird, müssen die Kapitalisten die Kosten tragen. Die Europäer, die hierherkommen, sind Vertreter der transnationalen Unternehmen. Einige davon bezahlen die paramilitärischen Gruppen dafür, daß sie die Besitzer des Landes ermorden und vertreiben.

Also steht jemand im Dienste internationaler Unternehmen, bevor Sie ihn entführen. Trifft es nie einen Touristen?

Na ja, die werden vielleicht auch manchmal festgehalten, aber mit dem Ziel, ihnen die Lage zu erklären, damit sie in ihr Land zurückkehren und sie dort öffentlich machen. Denn bei den Touristen sind wir daran interessiert, daß sie unsere Realität verbreiten, die Marginalisierung der Bevölkerung, die abgrundtiefen Unterschiede zwischen arm und reich.
Interview: Jens Holst

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