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Kinostar Bolívar

Vor 200 Jahren nahmen die Unabhängigkeitsbewegungen in Lateinamerika ihren Anfang, die zur Beendigung der spanischen Kolonialherrschaft führten. Unter dem Begriff des Bicentenario würdigen zehn lateinamerikanische Staaten dieses Jahr mit meist pompösen Feiern das Jubiläum ihrer Entstehungsgeschichte. Grund genug für Studierende des Lateinamerika Instituts der Freien Universität Berlin sich mit der filmischen Verarbeitung der Unabhängigkeitsbewegungen auseinanderzusetzen. Ihr Ziel: Die Konstruktion Nationalstaat durch das Medium Film zu betrachten, der filmischen Darstellung der Nationalhelden und Legenden nachzugehen und dabei auch die Entstehungskontexte der jeweiligen Produk-tionen zu berücksichtigen. In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Historischen Museum präsentieren sie im Berliner Zeughauskino vom 7. bis 12. Dezember mit Libertadores nun eine Auswahl dieser Filme, die das reiche Spektrum lateinamerikanischer Filmgeschichte erschließt. Es reicht von Stummfilmen aus der Pionierzeit des lateinamerikanischen Films, über filmische Biographien und ironische Gesellschaftsstudien, bis zu surrealen Kunstexperimenten. Bei einigen Werken handelt es sich um cineastische Raritäten, die erst kürzlich restauriert wurden und erstmals in Deutschland zu sehen sein werden. Einem breiteren Publikum erschließt sich ein Verständnis dieser Filme durch die Einführungen, die jeweils vor Filmbeginn angeboten werden.
Den Auftakt der Reihe macht eine Deutschland-premiere: Mit Unterstützung der Fundación Cinemateca Argentina ist es gelungen, die aufwändig restaurierte Kopie von La Revolución de Mayo (1909) nach Deutschland zu holen. Dieser Stummfilm wurde im Vorfeld der Feier zur hundertjährigen Unabhängigkeit Argentiniens von dem italienischen Einwanderer Mario Gallo produziert und gilt als der erste argentinische Spielfilm. Der Kurzfilm handelt von den Ereignissen in der berühmten Maiwoche 1810, mit der die Entwicklung ihren Anfang nahm, die schließlich 1816 in der Unabhängigkeit Argentiniens mündete.
Auch der Latino-Western La Guerra Gaucha (1942) ist Teil des Programms. Er ist einer der Filmklassiker Argentiniens und basiert auf dem gleichnamigen Roman von Leopoldo Lugones (1905), der von den Unabhängigkeitskämpfen eines Gauchoheeres zwischen 1814 und 1818 in Alto Perú und Salta erzählt. In seinem Roman gibt Lugones der Landbevölkerung ein Gesicht und stellt, anders als bis dahin, nicht die urbanen Eliten in den Mittelpunkt der Unabhängigkeitsbemühungen des Landes. Der Regisseur Lucas Demare hat dieses Nationalepos in einen spannenden und originellen Western verwandelt, der seinerzeit ein Kassenschlager war.
Mit El húsar de la muerte zeigt die Retrospektive ein Dokument chilenischen Kulturerbes, das zugleich als Glanzstück des lateinamerikanischen Stummfilms gilt. Uraufgeführt 1925, in der Blütezeit der chilenischen (Stumm-)Filmproduktion, erzählt der Film von dem sagenumwobenen chilenischen Unabhängigkeitskämpfer Manuel Rodriguez (1785-1818). Pedro Sienna, Regisseur, Drehbuchautor und zugleich Hauptdarsteller, bedient sich dabei avantgardistischer Gestaltungsmittel und verknüpft die reale Welt mit der Welt der Träume. Es ist einerseits interessant zu beobachten, wie chilenisches Nationalgefühl in dem Film transportiert wird. Die ersten chilenischen Produktionen waren – wie andernorts auch – vor allem an nationale Diskurse gebunden und sollten die Entwicklung und Konstruktion einer chilenischen Identität unterstützen.
Die patriotische Darstellung historischer Ereignisse und die Glorifizierung historischer Persönlichkeiten bildeten dementsprechend zentrale Themen. Andererseits will dieser Film sein Publikum unterhalten und bietet ein amüsantes Portrait der chilenischen Gesellschaft zur Zeit der Unabhängigkeit. Bemerkenswert ist, dass El húsar de la muerte in Deutschland erstmals in restaurierter Fassung gezeigt wird, obwohl er als verschollen galt. Bei der Vorführung am 11. Dezember wird es im Stile der Entstehungszeit des Films eine Klavierbegleitung geben.
Einen anderen Weg wählte der venezolanische Regisseur Diego Rísquez für seinen Film Bolívar, sinfonía tropikal aus dem Jahr 1979 über den Nationalhelden Simon Bolívar (1783-1830): „Ich habe versucht, mich dem kollektiven Unbewussten des Volkes zu nähern, indem ich mich hauptsächlich von der Ikonographie während des Unabhängigkeitskrieges habe inspirieren lassen. Diese Symbolik mag einem Ausländer wirr vorkommen, aber sie gehört zu den Wurzeln eines jeden Venezolaners. Das Auge der Kamera ersetzt den Pinsel des Malers. Der Film ist eine poetische Alternative zum venezolanischen Kino.“ Im Sinne dieser Worte verzichtet Rísquez’ Film auf Dialoge und präsentiert ausschließlich von Musik untermalte Bilder: Abstrakte Darstellungen von Stationen des Lebens und Wirkens Bolívars; Nachstellungen bekannter Bilder der venezolanischen Malerei; schwer deutbare, fiebertraumartige Szenen. Die surrealistischen Bilder, verbunden mit der psychedelischen Musik, erzeugen ein Filmexperiment, das auch einen heutigen Zuschauer ganz ohne Hightech und 3D in seinen Bann ziehen kann.
Mit Bolívar, soy yo! (2002) ist ein Werk in der Filmreihe vertreten, welches über die Darstellung der symbolischen Unabhängigkeitshelden hinausgeht. Hier geht es um die Bedeutung des Bildes Simón Bolívars heute, in der sich zwischen Guerillakrieg, Militärgewalt und Heldenverehrung befindenden kolumbianischen Gesellschaft. Drehbuchautor und Regisseur Jorge Alí Triana schafft mit der Figur eines Telenovela-Schauspielers einen gegenwärtigen Vertreter der Ideale Bolívars, der sich dazu berufen fühlt die (Drehbuch-) Geschichte umzuschreiben und die unvollendete Mission seines Helden zu erfüllen. Realität und Fiktion überlagern sich in diesem Film und mit einer Prise Ironie und Witz verschmilzt Interpretation mit Identifikation.
Für das Publikum stellt sich letztlich bei jedem Film die Frage, zu welchem Grad und auf welche Art das Medium Film für nationale Ideen vereinnahmt wird oder nicht. Angesichts des Bicentenario und der Umbruchsstimmung in vielen lateinamerikanischen Ländern ist es hochaktuell, sich mit solchen Fragen auseinanderzusetzen. „Ich denke, wir müssen unsere Geschichte neu bewerten, um Bolívars Ideen wiederzuentdecken, damit wir einen würdigen, souveränen und unabhängigen Kontinent bilden können. (…) Bolívars Traum ist nicht realisiert worden und das ist unser Unglück gewesen“, so Jorge Alí Triana, Regisseur des Films Bolivar, soy yo!. Zur Auseinandersetzung mit dieser Thematik bieten die Filme der Reihe Libertadores einen hervorragenden Rahmen.

Mehr Informationenen unter: www.bicentenario-film.de

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