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Kooperation statt Ellenbogengesellschaft

Was ist das gute Leben? Schon Aristoteles dachte darüber nach, die Frage bleibt aber hochaktuell. Ein Sammelsurium von Antworten geben die 90 Beiträge in dem von Silke Helfrich und der Heinrich-Böll-Stiftung herausgegebenen Buch Commons. In der Welt existieren unterschiedliche Formen der Kooperation. Gemeingüter oder Allmenden, sogenannte Commons, sollen es uns ermöglichen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und so Grundlage für eine bessere Gesellschaft sein. Sie setzen darauf, dass Menschen soziale Wesen sind und sie mit gemeinschaftlichem Besitz vernünftig umgehen können.
Im Buch kommen viele Beispiele erfolgreicher gemeinschaftlicher Verwaltung aus dem globalen Süden. So wie etwa der selbstorganisierte Salzabbau durch 5.000 Menschen am Lac Rose im Senegal, die geregelten Nutzungsrechte von Fischgründen durch die chilenische Fischereivereinigung oder das besondere Prinzip des Zusammenlebens Oaxaca, Mexiko. Ressourcenkonflikte handeln oft von der Übernutzung oder der Zerstörung von Commons. Privates Eigentum ist dabei verantwortlich für Armut und Ungerechtigkeit. Darum soll Gemeineigentum die Grundbedürfnisse der Menschen befriedigen. Insgesamt scheint es, als gebe es im ländlichen Raum mehr Erfahrung mit funktionierenden Allmenden. Dabei zeigen kollektive Wirtschaftsformen, wie Gemeinschaftsgärten oder das Mietshäuser-Syndikat, dass sich das Prinzip Allmende auch auf die Stadt übertragen lässt.
Voraussetzung für gut funktionierende kollektive Wirtschaftsformen ist, dass eine besondere Art der Selbst-Organisation entwickelt wird.
Mit Piratenpartei & Co ist die Debatte um geistiges Eigentum inzwischen auch im Mainstream angekommen. Ausnahmsweise geht es hier nicht um die Übernutzung, sondern um die Unternutzung von Gütern. Das Schlagwort „Wissensallmende“ will mehr als einen gelockerten Umgang mit Patenten – gefordert wird ein grundlegender Wandel unserer Kultur. In der freien Kultur sollen alle teilen und alles soll geteilt werden. Creative Commons und Open-Source-Programme machen hierfür nur den Anfang. Am Ende sollen sämtliche Technologien, also auch Maschinen, Werkstätten und Fabriken, frei zugänglich sein.
Die 500-Seiten-Sammlung, geschrieben von internationalen Autor_innen aus Wissenschaft und Aktivismus, gibt einen Überblick über die vielfältigen Arten der Commons und ist im Internet frei erhältlich. Vorgestellt werden Kontroversen, der aktuelle Forschungsstand, sowie praktische Beispiele aus der ganzen Welt. Durch die bunte Mischung eignet sich das Buch gut zum Querlesen und sowohl Neueinsteiger_innen als auch Expert_innen finden Interessantes.
Nach der Lektüre wird klar: Das Menschenbild des Homo oeconomicus als egoistischer Nutzenmaximierer ist ein Irrtum. Es sind die Zwänge der Ellenbogengesellschaft, die unsere Egoismen von klein auf fördern. Vereinsamung, Umweltzerstörung, Konsumgier – die Commons stellen Besserung in Aussicht. Sie zeigen eine wirtschaftliche und ökologische Perspektive und bieten damit Leitbilder zum Orientieren.
Die Autor_innen fordern uns auf, die weltweit existierende Vielfalt von sozialen Praxen anzuerkennen und nachzuahmen. Sonst bleiben die Commons Zukunftsmusik, obwohl sie seit Jahrtausenden existieren. Der Antwort auf die Frage, was „das gute Leben“ ausmacht, kommt man mit diesem Buch sicherlich ein Stückchen näher.

Silke Helfrich, Heinrich Böll-Stiftung (Hg.) // Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat // transcript-Verlag // Bielefeld 2012 // 528 Seiten // 24,80 Euro // Das Buch erscheint unter einer Creative-Commons-Lizenz. Download unter:
http://www.transcript-verlag.de/commons

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