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Kubanischer Jazz aus der Schweiz

Als Julio Barreto 1967 in Kubas Hauptstadt Havanna zur Welt kam, hatte er zwei Onkels, was durchaus nichts Außergewöhnliches war. Allerdings war der eine Pianist bei Louis Armstrong, der andere komponierte für Benny Moré. Seine älteren Geschwister brachten Julio bereits in Kinderjahren in intensiven Kontakt mit der Musik seiner Heimat. Mit zwölf trat er erstmals öffentlich auf, und 1983 begann er ein Musikstudium, das er sechs Jahre später als ausgebildeter Percussionist und Schlagzeuger abschloß. Anfang der 90er spielte er zusammen mit Musikern wie Gonzalo Rubalcaba, Chucho Valdes und Steve Coleman, ließ sich in der Schweiz nieder und bildete das Julio Barreto Cuban Quartet.

Der Saxophonist

Als Tony Martínez 1968 in der kubanischen Stadt Camagüey zur Welt kam, warteten keine berühmten Onkels auf ihn. Was ihn aber nicht daran hinderte, mit neun Jahren die staatliche Escuela Profesional de Música José White in Camagüey zu besuchen. Als er 1987 seine Ausbildung als Saxophonist und Musiklehrer abschloß, hatte er bereits drei nationale Musikwettbewerbe gewonnen und arbeitete zunächst als Dozent am Konservatorium seiner Heimatstadt. Nach dem Gewinn eines weiteren nationalen Kompositionswettbewerbs ging er 1990 nach Havanna, schloß sich der Gruppe Mezcla an, tourte mit ihr mehrfach durch Europa, traf hier mit Jazzmusikern wie Herbie Hancock und Wayne Shorter zusammen, ließ sich in der Schweiz nieder und bildete die Gruppe Tony Martínez & The Cuban Power.

Ein Segen – Maferefun

Mit Cuban Power versammelte Tony Martínez in seiner Schweizer Wahlheimat 13 Musiker, darunter Gonzalo Rubalcaba, den Irakere-Trompeter Julio Padrón und Conga-Spieler Miguel „Anga“ Díaz. Herausgekommen ist die CD Maferefun, was in der Sprache des nach Kuba verschleppten schwarzafrikanischen Yorubas „Segen“ heißt. Maferefun verweist auf die Wurzeln, auf die sich das Album beruft. Allerdings, so schreibt das Plattenlabel, „erweitert Martínez die Sprache des Afro-Cuban Jazz um einen neuen, clever anspruchsvollen Dialekt. Eingängige Melodien verschmelzen mit üppigen, jazzinspirierten Improvisationen.“ Und am Schlagzeug sitzt Julio Barreto. Die beiden Musiker kennen und schätzen sich seit langem.

Geburt – Iyabó

Julio Barreto gründete 1997 seine eigene Band, das Julio Barreto Cuban Quartet. Es vereint vier in Europa lebende kubanische Musiker. Ihre erste CD nennen sie Iyabó, was in der Sprache der Yoruba „Geburt“ bedeutet. Dazu holen sie sich den US-Saxophonisten Ravi Coltrane als Verstärkung. Der zeigt sich von der Musik begeistert: „Das ist tolle Musik mit einer großen Zukunft.“ Neben Eigenkompositionen von Julio Barreto finden sich auf der CD wunderbar bearbeitete Stücke von John Coltrane, Charlie Parker und Jimi Hendrix.
Mag sein, daß es an der geographischen Ferne zu Kuba lag, daß es den Musikern beider Gruppen gelang, sich mitunter von den Wurzeln zu lösen, ohne sie zu kappen. Für Freunde des kubanisch inspirierten Jazz und für die, die es werden wollen, sind es zwei hörenswerte CDs.

Tony Martínez & The Cuban Power: Maferefun, Exil Musik, 8903-2
Julio Barreto Cuban Quartet: Iyabó, EFA, 15852-2

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