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Künstliche Zeichen im Urwald des Realen

Gleich ein ganzes Bündel von Amuletten hängt Nelson Leirner um den Hals, darunter auch ein großes, silbernes Kreuz. Als Großvater der Kunst bezeichnet sich der 74-Jährige. Er wundert sich selbst, wenn er jetzt in der von Carlos Basualdo kuratierten Ausstellung „Tropicalia – Eine brasilianische Kulturrevolution“ vier seiner Kunstwerke aus einer Zeit gegenübersteht, in der er und seine KünstlerkollegInnen mit ihren Arbeiten eine nicht nur artistische Revolution wollten. Worin die bestand, wird umso deutlicher im Kontrast seiner damaligen Werke mit seiner heutigen Installation, die mit anderen zeitgenössischen Werken Jüngerer die „Tropicalia“ im Berliner Haus der Kulturen der Welt umrahmt. Eigentlich setzt sie sich aus zwei Werken zusammen, „Prozession“ und „Fußball“ betitelt. Sie besteht aus einer Legion von Plastiktieren, Terrakottaheiligen aus Candomblé, Katholizismus und Buddhismus, Spielzeugkriegern, Zinnsoldaten und Souvenir-Figuren, die sich einer Menge ebensolcher Figürchen nähert, die sich zu Fußballspieler und Fußballzuschauern formieren – die Heiligen im Tor. Wer da Akteur und wer da Zuschauer ist, ist nicht mehr auszumachen. Alle spielen mit in Reih und Glied. Und auch die KunstbetrachterInnen können mitmachen, sich in gereihten Spiegeln betrachten, denen Affenköpfe mit rot geschminkten Lippen aufgesetzt sind. Dann werden sie Teil der Parade.
Wie einfach war dagegen die Kunstwelt vor 40 Jahren. Leirners Mitstreiterin Hélio Oiticica bediente sich bereits seinerzeit gern Elemente des Realen. Sogar ein wirkliches Papageienpaar fand in die rekonstruierte Installation „Parangolé“ aus dem Jahr 1964 Eingang, in der man zwischen wirklichen Palmen und Bambusstauden in wirklichem Sand eine wirkliche Hütte aus Sperrholz und Stoff betreten kann, um dann allerdings auf so konzeptualistische Aussagen auf Pappkartons wie „Die Reinheit ist ein Mythos“ zu stoßen. Oder nach einem labyrinthischen Rundgang in einer Hütte, deren Allerheiligstes ein leer laufender Fernseher ist, liest man „Sirenen aus der Fabrik“.
Da will Kunst Klarheit und Sinnlichkeit, und sie will etwas sagen. Sie ist Zeichen und Sprache. Aber jedes ihrer Elemente ist gleichzeitig ein Baustein der Wirklichkeit. Die konkrete Poesie ist ihre nächste Verwandte. Hans Haudenschilds Seriografie auf Pappe, „Neue brasilianische Wirklichkeit“, scheint eine nette Verpackungsschachtel. Doch darauf ist überdeutlich das Signet einer fallenden Bombe zu sehen. Für die ganze Menschheitsgeschichte erfand Ferreira Gullar eine Folge von Signets. Für „Und der Mensch hat die Zeit entdeckt“ zum Beispiel eine radial eingeschnittene rote Scheibe auf flachem, weißen Papier, die sich an der Schnittstelle auf einer Seite nach oben zu wölben beginnt. Oder ein wie ein japanischer Fächer zunächst geknifftes und dann um seinen eigenen Mittelpunkt entfaltetes Papier für „Die Menschheit hat das Rad erfunden“.
Nelson Leirner spannte ganze Lagen von farbigem Tuch in Keilrahmen, das mit Reißverschlüssen versehenen ist. Nacheinander aufgerissen, offenbart sich eine Stoffwirklichkeit nach der anderen. Rubens Gerchman machte aus den Zeichen der Buchstaben wieder plastische Objekte. Den blutroten Schriftzug „LUTE“, „Trauer“, stellte er quer in den Raum. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das Feld der Kunst damals ein riesiges Legoland gewesen ist. Wie eindeutig war doch die renovierungsbedürftige Welt, die sich von ihren AkteurInnen in ihre geometrische Elemente zerlegen ließ! Und sei es um den Preis, dass sie die Welt selbst zu einem System aus Zeichen machten – einer Gebrauchsanleitung zum Umbau der Welt, was die brasilianische Gesellschaft in den schlimmsten Zeiten einer blutigen Diktatur auch dringend nötig hatte.

Berlin, John-Foster-Dulles-Allee 10,
bis zum 9.7.06 täglich von 12-22 Uhr,
Katalog: 45 Euro, Web: www.hkw.de

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