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Kultur der Gewalt

Gewaltausübung und Konfliktaustragung à la mexicana ist stark regionalisiert. So können die TouristInnen in der „Silberstadt“ Taxco im Bundesstaat Guerrero nach Genuß des abendlichen „typisch mexikanischen“ Menüs in aller Ruhe unter Laser-Strahlern nach geeigneten Silber-Mitbringseln für ihre daheimgeblieben FreundInnen suchen, während im zum selben Bundestaat gehörenden Olinalá erst einmal die Lichter ausgehen. Stromausfall. Wie dann später zu erfahren ist, ist dies auch in den benachbarten Distrikten Ahuacatzingo, Zitlala und Chilapa der Fall, quasi in der halben Region der Montaña Central und Oriental ist es zappenduster. Der Argwohn der weniger an Silber interessierten chela („die Blonde“), die gerade auf der Dachterasse des einzigen Restaurants in Olinalá sitzt, wo sofort Kerzen installiert werden (es ist nicht das erste Mal) bestätigt sich: Bald rauscht der erste Jeep mit uniformierten Bewaffneten in Richtung Dorfausgang, sprich Montaña. Die Farbe der Uniformen: obskur, man sieht ja nichts, der Wind löscht die Kerzen. Die Farbe des Hemdes des Campesinos, der wenig später in den Palacio Municipal abgeführt wird, ist dagegen blütenweiß. Drei Tage später taucht der Campesino dann in der Rubrik Sociedad y Justicia der Tageszeitung La Jornada auf, gemeinsam mit einer Anzahl weiterer willkürlich Verhafteter.

“Selektive Folter” wieder üblich

Im Gegensatz zu der „normalen“ polizeilich ausgeübten, „allgemeinüblichen“ und „indiskriminierenden“ Folterpraxis, ist die politische Folter „selektiv“, so eine Studie der internationalen Nicht-Regierungsorganisation ACAT (Christliche Aktion zur Abschaffung der Folter) von 1997. Sie richtet sich speziell gegen Campesino-Aktivisten, militante, aktive oder potentiell aktive Oppositionelle und non-konformistische lokale Autoritäten. Der gemeinsame Nenner ist die Zugehörigkeit zu traditionell marginalisierten sozialen und ethnischen Sektoren. Seit dem Amtsantritt von Carlos Salinas de Gortari, fortgesetzt in der Amtszeit Zedillos, sind über 520 Fälle von Verschwundenen registriert, während es in den zwei sexenios zuvor zu einer „erfreulichen Abnahme“ der Fälle gekommen war. Die mindestens 50 in der ACAT-Studie erfaßten Vorfälle von Folterungen durch die Bundespolizei Judiciales, das Heer und der paramilitärischen Gruppen im Solde lokaler Caciques wurden in vielen Fällen von den zuständigen regionalen und föderalen zivilen Autoritäten geduldet. Juan Antonio Vega Baéz, Koordinator von ACAT México, spricht von einem Wiederaufleben der Folter, speziell in den südlichen Bundesstaaten Guerrero, Oaxaca und Chiapas. Die genannte Studie geht von einer 400-prozentigen Zunahme von Folterungen aus, im Vergleich zu Analysen vorangegangener Jahre. Schwieriger zu beziffern ist sicherlich die mit der physischen Folter der Opfer einhergehende psychische Beeinträchtigung der Angehörigen, die wohlkalkulierter „part of the deal“ ist.

Erzwungene Geständnisse

Seit dem Auftauchen der Revolutionären Volksarmee (EPR) ist eine signifikante Zunahme willkürlicher Verhaftungen mit Folter der derart Festgenommenen zu verzeichnen. Die Existenz von unterirdischen „Geheimgefängnissen“, wo die Festgenommenen systematisch gefoltert, und nachher, damit es nicht zu Anklagen kommt, „verschwunden gelassen werden“ ist letztendlich offenes Geheimnis, der Begriff „GBI“ (guerra de baja intensidad) ein allseits bekanntes Kürzel. Diese geheimen Haftanstalten sind offiziell nicht registriert und die theoretisch juristisch zuständige Regierungsinstanz kann sich im Falle von Nachforschungen die weiße Weste bügeln. Wie man einem Bericht aus La Jornada entnehmen kann, befinden sich etliche dieser prisiones subterraneas clandestinas in diversen Marinebasen und innerhalb von Militärzonen der südlichen Bundesstaaten. Die der Folter Unterworfenen werden „in der Regel“ erschossen. Rosario Ibarra de Piedra, bekannte Menschenrechtsaktivistin des Comité Eureka, fordert denn auch dazu auf, die Marinesoldaten nicht als „palomas blancas“, weiße Tauben, zu betrachten, wie es gerne getan wird. Diese Farbassoziation bezieht sich bestenfalls auf die Uniformen, mitnichten jedoch auf ihrer vieler Aktivitäten.

“Lust an der Revolte” weicht dem Fatalismus

Die „desaparición“, das Verschwindenlassen, ist kein neues Phänomen in Mexiko. Auf diese Praxis wurde häufig rekurriert im Umfeld des Massakers von Tlatelolco, das sich kürzlich zum 30. Mal jährte, um auf systematische Weise die Guerilla-Bewegung der 70er Jahre zu deaktivieren. Tlatelolco ist noch heute ein Symbol, ein Einschnitt, mit dem endgültig der Hoffnung auf eine demokratische Umsetzung der mexikanischen Variante von sozialer Gerechtigkeit, und auf eine Einbindung der Zivilgesellschaft, der Garaus gemacht wurde. Eine Demystifikation, die ihrerseits auch wiederum fast mystifiziert wird, auch dies: „typisch mexikanisch“. Schön wär’s. Die idyllisierte, den MexikanerInnen untergejubelte „Lust an der Revolte“ ist längst dem Fatalismus gewichen.
Obwohl kaum ein Tag vergeht, an dem nicht auf einem der Zócalos, sei es im entlegenen Provinkaff oder in der Hauptstadt, eine Demonstration, ein Hungerstreik oder eine sonstige Manifestation des politischen Unmutes der einen oder anderen sozialen Organisation stattfindet, seien es Lehrer aus Michoacán, Oaxaca oder Guerrero, Ölarbeiter aus Tabasco, Campesinos aus allen möglichen Ecken des Landes. Die Forderungen sind jeweils verschiedener, spezifischer Natur, die betreffenden Veranstaltungen haben jedoch eines gemein: Den letztendlich passiven Charakter, dem die Reaktion der angesprochenen Verwaltungseinheiten in nichts nachsteht. Auf der einen Seite das trostlose Betteln, endlich einmal mit meist bescheidenen, unspektakulären Forderungen überhaupt angehört zu werden, den Kampf gegen die Windmühlenflügel des Politklüngels überhaupt zu wagen, auf der Gegenseite das altbekannte Ignorieren, Aussitzen, wohlwissend, die Bittsteller – und über diesen Status kommen die Subalternas ohnehin nicht hinaus – erwarten letztendlich nichts Anderes, nichts Besseres.
Dem gegenüber steht die vehemente Verletzung der Menschenrechte durch Armee, paramilitärischen Einheiten und Bundespolizei, die tagtäglich zu beobachten ist. Jedoch ebenso tagtäglich von der Zivilbevölkerung, auf die die zapatistische Bewegung ursprünglich so große Hoffnungen setzte, mittlerweile als quasi selbstverständlich hingenommen wird. Die Regierung Zedillo manifestiert so, über diverse Massaker, wie das von Acteal, ihre Unsicherheit – Angst als ein psychologisches Fundament für ein autoritäres Regime – im Ausland per Betroffenheit, im Inland per Fatalismus wahrgenommen.

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