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Kunst als Gedächtnis

Graciela Carnevale ist heute Kunstprofessorin an der Universidad de Rosario. Über die Zeit der Diktatur Onganías (1966-70) hat sie ein umfangreiches Archiv angelegt: Videos, Fotos, Briefe, Artikel und Dokumente über die Aktivitäten der Gruppe während der Diktatur. Doch auch viele Dokumente über die spektakulären Aktionen der Tucumáns hat sie aus Angst vor der Militärjunta vernichtet.
Durch das wachsende Interesse einiger WissenschaftlerInnen Anfang der neunziger Jahre an der Bewegung setzte sich Graciela erneut mit dieser Zeit auseinander. Unsichtbar waren diese ProtagonistInnen lange Zeit, so wie Ralph Ellisons „Invisible Man“. Erinnerung bedeutet auch, die Bedingungen der Wahrnehmung zu verändern, sie ist unmittelbar an performative Akte der Anerkennung geknüpft. Trotz einiger verlorener Dokumente hat die „Hardware“ des Archivs als Gedächtnisspeicher nicht versagt und die noch vorhandenen Dokumente geben nach wie vor ein Zeugnis über die Arbeit der Gruppe und die politische Situation unter Onganía ab. „Die Zeit hat das Archiv zu dem gemacht, was es heute ist. Seine Präsenz enthält zugleich auch Spuren dessen, was nicht mehr vorhanden ist, Spuren der Zensur, der Unterdrückung von Informationen, der erlittenen Verluste“, sagt Graciela. Schließlich hat sie in den letzten Jahren immer weitere Informationen und neue Interpretationen aufgenommen, das Archiv ist für sie zu einem Gedächtnis geworden, um einen wichtigen Lebensabschnitt zu bewahren. Die Erfahrung der Diktatur sei für politisch aktive KünstlerInnen oft traumatisierend gewesen, betont Alice Creischer. Viele seien entweder in die Guerilla eingetreten oder hätten der Kunst ganz abgeschworen.

A propos Marmeladenkultur

1965 schloss sich in Rosario eine Gruppe von jungen KünstlerInnen zusammen, die den Kunstbetrieb aufmischten und für Aufsehen sorgten. Es folgten einige Ausstellungen mit experimenteller Plastik und Objektkunst. Die Gruppe gewann durch weitere KünstlerInnen die verlorene Fähigkeit zur Konfrontation wieder und als eines ihrer originellsten Manifeste galt mit Sicherheit das „Anti-Marmeladenkultur-Manifest“ von 1966. Unter „Marmeladenkultur“ subsumierte man alle Kulturprodukte des bürgerlichen Mainstream und der akademischen Kunst. „Die Marmeladenkultur äußert sich täglich, wenn sie kreative Arbeit verhindert oder schwächt. Es gibt eine Marmeladen-Art zu sein und zu denken, eine Marmeladen-Literatur, ein Marmeladen-Theater, eine Marmeladen-Malerei und so weiter. Wir betonen noch einmal unsere Verteidigung einer ernsthaften, tief greifenden, kreativen und revolutionären Malerei, die dem Betrachter immer neue Möglichkeiten von Erkenntnis und Gemütsbewegung eröffnet; eine Malerei des Forschens, der Untersuchung, die die intellektuellen Möglichkeiten derer, die sie machen, ausdrucksvoll vereint.“
Wird hier lediglich die revolutionäre Malerei gefordert und sich an stilistischen Begriffen abgearbeitet, so richtet sich der interne Diskurs der Grupo de Arte de Vanguardia innerhalb der folgenden zwei Jahre zunehmend an politischen Themen aus. Die künstlerische Praxis wird zur politisch-revolutionären Praxis in vivo.

Kunst als politische Praxis

Der „Weg von ´68“ (Itinerario del ´68) bezeichnet eine Reihe von gemeinsamen Aktionen künstlerischer Gruppen oppositioneller und politischer Art gegen die damalige Militärdiktatur. In den letzten Monaten des Jahres 1968 entstand das Projekt Tucumán Arde als ein kollektiver Zusammenschluss von KünstlerInnen aus Rosario und Buenos Aires. An Tucumán Arde war nicht nur die Gruppe von KünstlerInnen beteiligt, sondern eine ganze Generation. Der Itinerario del ´68 arbeitete mit den Gewerkschaften CGT (Unión General de Trabajadores) zusammen und verstand sich als Kritik am etablierten KünstlerInnenbetrieb. „Es gibt keine ästhetische Betrachtung mehr, weil sich die Ästhetik im sozialen Leben auflöst“, hieß es auf einem Flugblatt, das Roberto Jacoby als Störung einer Ausstellung experimenteller Kunst verteilte. Ergänzt wurde seine „Arbeit“ durch ein Plakat, auf dem ein gegen den Vietnam-Krieg und Rassismus protestierender Farbiger zu sehen war. Die Nachrichten Agentur France-Press stellte einen Fernschreiber zur Verfügung und so konnte man sich beim Betrachten dieses „ästhetischen Ereignisses“ gleichzeitig über die ArbeiterInnenstreiks und Demonstrationen französischer StudentInnen informieren.
Auf dem ersten nationalen Treffen der AvantgardistInnen 1968 in Rosario wurde dann ein Programm formuliert, in dem die zukünftige inhaltliche Ausrichtung der Arbeiten festgelegt wurde. Diese „echte Avantgarde“, denn so definierten sie sich im Gegensatz zur „falschen Avantgarde“, suchte nach einer neuen Ästhetik und nach neuen Themen. Aus der historischen Avantgarde hatte sie die Idee aufgegriffen, Kunst und Leben miteinander zu verknüpfen, das hieß konkret, die Kunst im Rahmen eines revolutionären Prozesses zu begreifen. Theoretisch abgefedert wurde dies durch die marxistische Theorie, denn diese lieferte die bestmögliche Interpretation der bestehenden Verhältnisse. Tucumán Arde wollte eine Realität offenbaren: Die Repressionen gegen ArbeiterInnen, der GrundbesitzerInnen gegen Besitzlose und der EigentümerInnen der Produktionsmittel gegen ein Reserveheer von Arbeitskräften. Die massive Arbeitslosigkeit, Hunger und Armut waren nichts Neues in dieser Region. Virulent wurde dies in Tucumán durch die Schließung von Zuckerplantagen als Folge der Modernisierungsmaßnahmen der wirtschaftlichen Strukturen unter Onganía, die so genannte “Operativo Tucumán“.

Erinnerung: die Wahrnehmungsbedingungen ändern

Das Sprechen über das Archiv und seine Wiedersichtbarmachung bedeutet sicherlich nicht nur Aufarbeitung der Geschichte einer politisch arbeitenden KünstlerInnengeneration, die mit dem institutionalisierten Kunstbetrieb brechen wollte. Es bringt darüber hinaus die systematische und kontinuierliche Ausbeutungspraxis einer Region, die womöglich erst durch die aktuelle Krise wieder stärker sichtbar wurde, in den Vordergrund. In Tucumán besteht eine Kontinuität von Ereignissen und Prozessen der Neoliberalisierung der Wirtschaft, die sich bis heute fortschreibt.
„Pasos para huir del trabajo al hacer“ (Schritte zur Flucht von der Arbeit zum Tun), so lautet der Titel des Ausstellungskataloges nach John Holloway. Damit ist vor allem das Ende einer Ausbeutungsform gemeint, die in der Arbeit organisiert ist. Es soll sämtliche Überlebensökonomien und Formen von Selbstorganisationen der ArgentinierInnen bezeichnen wie die escraches (politische Performance zur Ächtung straflos gebliebener Täter der Militärdiktatur) oder das Colectivo Situaciones. „Es kann bedeuten, dass diese Unverwertbarkeit eine Freisetzung von dem ist, was man als gesellschaftliches Tun bezeichnen kann. Dieses Tun ist der Gegensatz von Arbeit, es ist nämlich ein Handeln, das nicht mehr abgetrennt ist von der Umgebung und dem Leben, in dem es stattfindet.“ In diesem Sinne könnte die kontinuierliche Krise als Labor oder Öffnung zu verstehen sein. Allerdings verweist in diesem Zusammenhang der Begriff der Krise auf seine problematische Verwendung. Für die Videokünstlerin Ana Claudia García aus Tucumán steht der Begriff in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem Thema Wahrheitsproduktion und scheinbarer Offensichtlichkeit. Wahrheit scheint durch die neuen Bild- und Informationstechnologien regelrecht überexponiert worden zu sein. Man glaubt, dass durch das steigende Ausmaß an Informationszugängen das Wissen erhöht wird. Repräsentation und Abbildung, Sichtbarkeit und Wahrheitsfindung sind aber keine so transparenten Begriffe, sondern abhängig von ihrer Wahrnehmung und dem Umfeld. So wurde in der öffentlichen Darstellung der Krisenregion Tucumán permanent und gezielt vorenthalten, dass gerade in dieser Region internationale Chemiekonzerne mit genmanipuliertem Sojasaatgut experimentieren und damit Rekordernten einfahren, also eine hochtechnologisierte Modernisierung stattfindet, die in krassem Gegensatz zu der Armut steht. Im Sinne einer Genealogie wollten die Ausstellungsmacher eine künstlerische Praxis und Untersuchung entwickeln, die genau über diese Zusammenhänge der Macht informiert.
Tucumán Arde arbeitete mit gezielt eingesetzten Überinformationen, bewussten Denunziationen und der dokumentarischen Fotografie als Strategie, um die konstruierte Öffentlichkeit der Onganía-Diktatur zu konterkarieren. Es bleibt die Frage, wie eine kritische Darstellung der Verhältnisse heute aussehen könnte. Das Colectivo Situaciones benutzt heute wieder den Begriff der „militanten Untersuchung“ für ihre Aktionen. Eine Methode, die die wissenschaftliche Objektivität ablehnt und die Involviertheit des Autors in eine politische Praxis fordert. Bei der Kölner Ausstellung führte diese Provokation zu einem politischen Übergriff der Politik auf die künstlerische Freiheit. Die Ausstellung löste einen Streit zwischen dem Direktor des Museum Ludwig, der reaktionären Kunstlobby und dem CDU-Kulturausschuss aus, der eine einstweilige Verfügung über einige Exponate erreichte. Die Kunst sei zu soziologisch und hätte keinen Subjektbegriff, lautete das Urteil.

Publikationen im Rahmen von „Ex Argentina“:
Schritte zur Flucht von der Arbeit zum Tun. Pasos para huir del trabajo al hacer. Ex Argentinia, Ausstellungskatalog, Alice Creischer, Andreas Siekmann, Goethe Institut Buenos Aires 2004
Tucumán Arde: eine Erfahrung, hg. Arbeitsgruppe Tucumán Arde, b_books, Berlin 2004
Colectivo Situaciones: Escrache. Aktionen nichtstaatlicher Gerechtigkeit in Argentinien. b_books, Berlin 2004
Eduardo Molinari: Das silberne und königliche Buch. Buenos Aires, 2004.

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