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Lektionen eines Erdklumpens

In ihrem neuen Film Pepe Mujica – Lektionen eines Erdklumpens begleitet Heidi Specogna den ehemaligen Guerilla-Kämpfer während seiner Amtszeit als Präsident von Uruguay. Dabei entsteht aus vielen Momentaufnahmen eher ein Porträt als eine Biographie: Mujica in seinem Garten, Mujica mit seinem Hund, Muijca in seinem Gewächshaus, Mujica mit einem Mate-Becher. Mujica, der sich selbst als „Erdklumpen mit Füßen“ bezeichnet, ist froh, wenn die Amtszeit vorbei ist und er wieder mehr Zeit für anderes hat.
Schnell wird klar: Wer sich auf die nähere Beleuchtung politischer Prozesse gefreut hatte, wird enttäuscht. Denn wenn der Film Einblicke in die uruguayische Militärdiktatur bietet, dann bleiben diese anekdotisch, sind nicht historisch oder politisch eingeordnet. Dabei hätten die ehemaligen Guerilla-Mitglieder Pepe Mujica und Ehefrau Lucia Topolansky eigentlich viel zu erzählen, von Gefangenschaft bis hin zu Folter. Die wenigen Aussagen über ihre Erlebnisse werden jedoch nur kurz eingeblendet und verlieren ohne ihre Einbettung an Aussagekraft.
Auch die Ausschnitte von Mujicas Reden aus heutiger Zeit, die er beim Hausbau in einer Armensiedlung oder auch in Berlin vor deutschen Politiker*innen hält, muten eher philosophisch als politisch an: Man weiß nicht so recht, ob es am Schnitt liegt oder an Mujica selbst, aber der Inhalt der gezeigten Reden bleibt schwammig und kommt ohne konkrete Forderungen aus. Politik scheint auf einmal ein Kinderspiel, bei dem man eigentlich nur nett sein muss, um sie richtig zu bewältigen.
Außer auf Garten, Schuppen und Gewächshaus richtet Specogna die Kamera intensiver auf den Alltag im Parlament – und hätte nun endlich die Gelegenheit, Mujicas politische Bedeutung hervorzuheben und über das einseitige Image des „ärmsten Präsidenten“ und Genügsamkeit-Predigers hinauszugehen. Doch neue Gesetzesregelungen, wie die homosexuelle Ehe oder das Recht auf Schwangerschaftsabbruch, werden lediglich mit einem einzigen Satz erwähnt, während die Legalisierung von Marihuana gefühlte fünfzehn Minuten des Films einnimmt: eine schleppende Dokumentation aller Einzelheiten der parlamentarischen Abstimmung.
Specognas Film ist kein Dokumentarfilm im klassischen Sinne, sondern ein Film, bei dem die unkommentierte Beobachtung Vorrang hat. Natürlichkeit und Alltag werden damit auf beachtliche Art und Weise eingefangen, mit nüchterner Bescheidenheit, die es den Zuschauer*innen überlässt, das Gesehene selbst zu beurteilen. Aber kann ein Politiker wirklich so porträtiert werden? Kritische Stimmen zu Mujica, sei es aus der Bevölkerung, aus der Opposition oder der eigenen Partei, kommen in diesem Film nicht vor. Welche Kontroversen wurden durch den Präsidenten ausgelöst, welchen Konflikten und Rival*innen musste er sich stellen und wie bleibt Mujica seinem Jugendideal des Sozialismus treu? Große Fragen, auf die man auch nach 90 Minuten keine Antwort hat.

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