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Lizenz zum Töten

Es war feige und niederträchtig, was sie mit meinem Sohn gemacht haben. Ich will Gerechtigkeit!“ Elivânia Maria Machado kann es noch immer nicht fassen. Sie weint bitterlich auf der Beerdigung ihres Sohnes und schreit ihre Wut heraus. Ihr 16jähriger Sohn Charles Machado Silva und sein Freund Luciano Custódio Sales wurden Opfer einer Polizeiaktion im Armenviertel Morro da Providência in der Nähe des Stadtzentrums Rio de Janeiros. Die Videoaufnahmen des Hergangs sorgten letzte Woche für Aufregung in Brasilien. Die veröffentlichten Bilder zeigten einen Polizisten, der seine Waffe auf die beiden Jugendlichen richtet, die mit hinter dem Rücken verschränkten Armen am Boden liegen. In einer anderen Aufnahme tragen drei Polizisten wenige Minuten danach die blutverschmierten Leichen von Charles und Luciano aus der Favela.
Wäre die Polizeiaktion nicht gefilmt worden, so wäre der Tod der beiden Jugendlichen in der Statistik schon längst unter „Widerstand gegen die Staatsgewalt“ verbucht worden. So aber wird aufgrund der Aufnahmen der schwere Vorwurf der illegalen Hinrichtung gegen Rios Gesetzeshüter laut. Dabei ist der Tod von Charles und Luciano kein Einzelfall, sondern seit Jahren grausamer Alltag. Im Jahr 1999 starben im gleichnamigen Bundesstaat Rio de Janeiro 289 Zivilpersonen bei Zusammenstößen mit der Polizei. Im Jahr 2003 fielen 1.195 Menschen dem Kugelhagel der Polizei zum Opfer – das heißt etwa alle sieben Stunden verüben die Sicherheitskräfte einen Mord.

Illegale Hinrichtungen

Der Soziologe Ignacio Cano, der Fälle von sogenanntem Widerstand gegen die Staatsgewalt näher untersuchte, brachte ans Licht, dass die meisten Morde in den brasilianischen Favelas verübt werden. Die Opfer werden meist von hinten erschossen oder kommen durch Kopfschuss ums Leben. Laut der Koordinatorin des Forschungszentrums für Sicherheit und Bürgerrecht Silvia Ramos von der Universität Cândido Mendes täusche die Polizei häufig einen Widerstand gegen die Staatsgewalt vor, indem sie den Opfern nachträglich Waffen in die Hand legt.
Den BewohnerInnen der brasilianischen Armenviertel zeigen die veröffentlichten Bilder nichts Neues: blutige Polizeioperationen sind alltäglich in den Favelas. Nach Ansicht von Marcelo Freixo von der Menschenrechtsorganisation Justiça Global aus Rio de Janeiro, agiere Rios Polizei ohne Kontrolle. Die hohe Zahl der Toten sei ein Spiegelbild der schlechten Ausbildung der Sicherheitskräfte sowie des Versagens interner Kontroll– und Strafsysteme. Das Problem beschränkt sich nicht nur auf Rio. Auch in die kürzliche Mordserie an Obdachlosen in São Paulo sind aller Wahrscheinlichkeit nach Polizisten verwickelt.
Rios Polizeiapparat hat bereits reagiert und die fünf an der Polizeiaktion beteiligten Sicherheitskräfte in der Favela Morro da Providência vom Dienst suspendiert. Ob allerdings Elivânia Maria Machado die beschworene Gerechtigkeit für den Tod ihres Sohnes Charles und seines Freundes Luciano erfahren wird, bleibt fraglich. Die allgemeine Straffreiheit in Brasilien gibt wenig Anlass zur Hoffnung. Der aktuelle Menschenrechtsbericht von Justiça Global prangert Polizei und Justiz an: „Die Militärgerichte, die für die Verurteilung der meisten Straftaten verantwortlich sind, die durch Militärpolizisten begangen wurden, sind auch verantwortlich für die Straffreiheit der Täter.“ Die Straffreiheit auf der einen und der Ruf von einem verängstigten Teil der Bevölkerung nach hartem Durchgreifen auf der anderen Seite addieren sich zu einer Lizenz zum Töten.

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