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Loslassen Lernen

Wie verarbeitet man den Verlust eines geliebten Menschen? Selten hat sich ein Film dieses Themas so einfühlsam angenommen, ohne dabei in Rührseligkeit zu verfallen, wie der mexikanische Wettbewerbsbeitrag Lake Tahoe von Fernando Eimbcke. In ruhigen, zurückhaltenden Bildern begleiten wir einen Tag lang den 16-jährigen Juan (Diego Cataño), dessen Vater gerade gestorben ist. Doch dies erfahren wir erst im Laufe der Handlung. Juan hat das Auto seiner Mutter gegen einen Laternenpfahl gesetzt und macht sich auf die Suche nach Ersatzteilen. Wie ausgestorben wirkt die Kleinstadt in Yucatán, durch deren Straßen Juan kreuz und quer auf der Suche nach Hilfe irrt. Dabei macht er eine Reihe scheinbar absurder Begegnungen mit Menschen, die in ihrem Verhalten doch nur allzu normal, allzu menschlich sind. Der alte Mechaniker Don Heber, der Hilfe verspricht und erstmal in seiner Hängematte einschläft. Das kettenrauchende Punkmädchen Lucía, das so gerne Sängerin wäre, aber stattdessen in einem Ersatzteillager für Autos arbeitet, ohne davon die geringste Ahnung zu haben. Der jugendliche Automechaniker David, der Juan mit seiner Bruce-Lee-Begeisterung anzustecken versucht. Juans Suche ist zugleich eine Flucht vor seiner Trauer. Er flieht vor seinem Zuhause, wo sich seine Mutter im Badezimmer und sein Bruder in einem Zelt eingeschlossen haben. Er flieht auch vor all den Personen, denen er im Laufe des Tages begegnet. Doch wird er später zu allen zurückkehren und seinen vermeintlichen HelferInnen selbst helfen können. „Wir brauchen mehr emotionalen Inhalt. Weniger Zorn“, zitiert David sein Vorbild und scheint damit auch den Schlüssel zu Juans Auseinandersetzung mit seiner Trauer zu geben. Erst als er, der sich äußerlich kaum etwas anmerken lässt und ungeduldig auf seine Umwelt reagiert, seine Traurigkeit zulässt, ist ihm auch eine empathievolle Rückkehr zu seiner Familie möglich.
Es ist eine enorme filmische Herausforderung, den Umgang mit Verlust darzustellen. Eimbcke gelingt es, Mitgefühl – im wahrsten Sinnes des Wortes – zu vermitteln, die Einsamkeit Juans zu inszenieren. Während die eigene Welt eingestürzt ist, verläuft das Leben der nichts ahnenden Umgebung in seiner ganzen Banalität und Absurdität weiter. Dazu bedarf es keiner dramatischen Dialoge und spektakulären Szenen. Stattdessen setzt er auf die Macht der Bilder, die einsamen Straßen eines heißen Tages, die verschlossenen Türen der Werkstätten und das ständige Warten auf die Personen, die helfen könnten. Behutsam baut er die sehr authentisch wirkenden Nebenfiguren auf, die scheinbar auf sich selbst konzentriert, sich doch schließlich alle nach menschlicher Nähe sehnen. Immer wieder kommt es zur Brechung der Trauerstimmung durch humoristische Szenen, zum Beispiel wenn die Nachbarn Juan kondolieren, während David von ihnen unbemerkt unter ihrem Auto liegt und das nicht anders erhältliche Ersatzteil herausmontiert. Fernando Eimbckes zweiter Spielfilm unterscheidet sich deutlich von der Machart des neuen mexikanischen Films, der in den letzten Jahren international für Furore gesorgt hat, der Atemlosigkeit eines Alejandro González Iñárritu oder der gewaltigen Phantasie eines Guillermo del Toro. Lake Tahoe ist ein poetischer Film, der über die Schwierigkeit des Loslassens erzählt und zugleich eine Parabel auf das Erwachsenwerden ist. Schön, dass er auf der Berlinale mit dem Alfred-Bauer-Preis ausgezeichnet wurde, der für die Eröffnung neuer Perspektiven in der Filmkunst vergeben wird.

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