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“McCastells” macht Appetit und provoziert

Wo sich in Buenos Aires die Nobelrestaurants wie Perlen auf einer Kette aneinander reihen, der Präsidentenpalast zwei Blocks entfernt und das Hilton in Sichtweite ist, gibt es seit dem 9. März das „McCastells.“ „Präsident Kirchner ist unser Angestellter des Monats. Mit seiner Politik hat er wesentlich zur Eröffnung unserer Armenküche beigetragen“, meint Rául Castells ironisch und zeigt das Foto seines besten „Mitarbeiters.“ Die geladenen Gäste aus den Armenvierteln rund um die Metropole applaudieren. Es wird die argentinische Fahne geschwenkt und mit erhobener Faust die Nationalhymne gesungen. Flanieren durfte hier schon immer jeder und die Hauptstadt zeigte den TouristInnen eine makellose Seite. Die Grenze zogen die Preise. Die Tagesmenüs liegen im Durchschnitt über dem monatlichen Sozialhilfesatz von 150 Peso, rund 40 Euro. Doch nun gibt es eine neue Konkurrenz: der „Comedor McCastells“, geöffnet von morgens acht bis abends acht. Im Angebot sind Pizza, Eintöpfe und der eigens kreierte McCastells, ein kleines frittiertes Fladenbrot. Die Preise sind hier außer Konkurrenz: Null oder gegen Spende. „Der Comedor ist eine Armenküche und ein politisches Zeichen. In diesem Land leben gut 40 Millionen Menschen. Fünf Millionen davon müssen täglich mit 60 Cent auskommen, weitere sechs Millionen mit einem Euro, und nochmals zehn Millionen mit fünf Euro“, erklärt Castells. „Und das sind die Zahlen des staatlichen Statistikamts. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt demnach unterhalb der Armutsgrenze.“

Hunger trotz blühender Agrarwirtschaft

Castells gehört mit seiner Organisation Unabhängige Bewegung der Rentner und Arbeitslosen (MIJD) zu den piqueteros, dem rebellischen Flügel der Arbeitslosenbewegung. Bekannt geworden sind sie durch ihre wiederholten Straßenblockaden, die piquetes, mit denen sie staatliche Unterstützung und die Schaffung von Arbeitsplätzen einfordern. Castells Angaben zufolge vertritt die MIJD landesweit 40.000 Menschen. Sie betreibt 59 medizinische Versorgungsposten, 65 schulische Einrichtungen und über 1.200 Armenküchen. Nach einem Bericht der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (CEPAL) von Ende 2004 leben von den 15 Millionen Kindern und Jugendlichen in Argentinien neun Millionen in Armut. Die Situation hat sich kaum verbessert. „Argentinien produziert Nahrungsmittel für 300 Millionen Menschen – mehr als das Siebenfache der eigenen Bevölkerung. Und jährlich sterben 1700 Kinder an den Folgen der Unterernährung“, sagt Castells.

Klientelismus und Sozialplan

Auch Fernando Freire und sein neunjähriger Sohn Fransisco sind Gäste in der neuen Armenküche. Der Junge knabbert an seinem McCastells. Seit fünf Jahren ist sein Vater arbeitslos und Mitglied im MIJD. Drei Peso beträgt der monatliche Mitgliedsbeitrag. Die staatliche Unterstützung in Form so genannter Sozialpläne wird fast ausschließlich durch soziale Organisationen verteilt. Nicht zuletzt weil in den Elendsvierteln oft keine bürokratische Infrastruktur zur Verteilung vorhanden ist. Wer da nicht Mitglied ist, geht leicht leer aus. Nach jüngsten Zahlen des staatlichen Statistikamtes braucht eine Familie mit vier Personen rund 260 Euro im Monat, um nicht unterhalb der Armutsgrenze zu liegen. Wie Fernando Freire, seine Frau und drei Kinder mit monatlich 40 Euro Sozialhilfe auskommen, kann er nicht erklären. Er wunnert sich selbst. Hier und da ein Gelegenheitsjob, man kommt irgendwie über die Runden. Doch es schmerzt ihn, wenn er seinen Kindern die fälligen neuen Schuhe nicht kaufen kann. Arbeitslosengeld bekommt Fernando Freire schon lange nicht mehr. Das läuft nach einem Jahr aus.
Von den 15 Millionen erwerbsfähigen ArgentinierInnen sind fünf Millionen ohne reguläre Arbeit. Zwar verweist die Regierung auf offiziell zehn Prozent Arbeitslose. Doch fallen jene aus der Statistik, die von den amtlichen Sozialplänen profitieren. Derzeit sind das knapp zwei Millionen Menschen. Zugleich versucht die Regierung, durch ihre Verteilungspolitik die Arbeitslosenorganisationen einzubinden. Mit Erfolg. Der rebellische Flügel wurde in den letzten Jahren zunehmend kleiner. Die MIJD wehrt sich gegen Vereinnahmungsversuche.
Die Quittung: weniger zugewiesene Sozialpläne. Auch der „Comedor McCastells“ ist der Regierung ein Dorn im Auge. Die Hafenverwaltung hatte dem Eigentümer des Lokals ein anderes Restaurant zwangsschliessen lassen. Der, wütend und verärgert, telefonierte umgehend mit Castells und bot ihm unentgeltlich die Nutzung des leerstehenden Lokals in Puerto Madero an.

Ärger mit der Polizei

Aufgrund des Erfolgs von „McCastells“ versuchte dessen Gründer Mitte April eine weitere Armenküche auf einem Flohmarkt im Stadtviertel Colegiales zu eröffnen. Dies hatte die Stadtregierung zuvor jedoch untersagt, da die Installationen in zu schlechtem Zustand seien. Bei der Eröffnung kam es zu heftigen Zusammenstößen mit der Polizei, die mit mindestens fünf Verletzten und der Verhaftung von Castells sowie acht seiner Mitstreiter endeten. Castells werden Raub, Widerstand gegen die Staatsgewalt sowie Körperverletzung und Sachbeschädigung vorgeworfen.
Und auch mit dem „McCastells“ in Puerto Madero gibt es Ärger. Die Hafenverwaltung forderte den piquetero in einem Brief dazu auf, die Armenküche zu schließen, da diese die Gegend verschandele. Dieser Forderung will der Rebell aber auf keinen Fall nachkommen. Denn in Argentinien gebe es „keine Apartheid wie es sie in Südafrika gab.“

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