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Miami oder Tod

Auf einer Dachterrasse von Miami lässt sich der kubanische Zahnarzt Stalin Martínez versteckt hinter einem Bretterzaun von der Sonne versengen. Auch Nahrung und Flüssigkeit nimmt er kaum zu sich, um auf Anweisung seines älteren Bruders das Aussehen eines kubanischen Bootsflüchtlings zu erlangen. Ein Verrückter? Nein. Stalin Martínez ist soeben über Mexiko illegal in die USA eingereist und hat seinen Jahre zuvor geflüchteten Bruder in Miami aufgesucht. Da er über einen Drittstaat und nicht direkt aus Kuba in die USA gelangt ist, befürchtet er, als illegaler Einwanderer abgeschoben statt als politischer Flüchtling aufgenommen zu werden. Nun darbt und schmort er in der unbarmherzigen Sonne Floridas in der Hoffnung, die amerikanischen Behörden an der Nase herumführen zu können. Während sich die ersten Brandblasen auf der Haut zu bilden beginnen, lässt Stalin, um die Zeit totzuschlagen, sein Leben Revue passieren. Dies ist einer der Hauptstränge in Jesús Díaz Roman Erzähl mir von Kuba.

Immer die Nummer zwei

Eigentlich wollte Stalin Martínez, Sohn eines galizischen Einwanderers, der aus revolutionärem Eifer seine drei Kinder mit den Vornamen Lenin, Stalin und Stalina in den sozialistischen Alltag Kubas entließ, nie ins gelobte Land der Yankees flüchten. Nicht dass sich compañero Stalin trotz revolutionärem Sendungsbewusstsein nie nach einem gut versorgten Leben im amerikanischen Paradies gesehnt hätte. Nein. Stalin entscheidet sich dafür, in Havanna zu bleiben, weil schon der bloße Gedanke an die mit einem Fluchtversuch verbundenen Gefahren schreckliche Angstzustände in ihm auslöst. Stalin Martínez ist eben ein waschechter Feigling. Sein Name ist daher auch sein groteskes Omen: Er ist ein ewig Zukurzgekommener, der verzweifelt versucht, aus dem Schatten der Zweitrangigkeit zu springen. Er ist ein Muttersöhnchen, dessen fehlende männliche Ausstrahlung ihm nicht nur Hörner, sondern ein ganzes Geweih einbringt, denn seine bildhübsche Frau, von Beruf Kabarett-Tänzerin, gibt sich natürlich nicht mit nur einem Partner zufrieden.
Als sein älterer Bruder Lenin, Generaldirektor im Justizministerium, in die Botschaft von Peru flüchtet und über den Hafen von Mariel nach Miami abhaut, bricht zwar die revolutionäre Familienidylle zusammen, doch hofft Stalin endlich aus dem unliebsamen und erdrückenden Schatten des großen Bruders zu treten und in der Familie das Steuerruder übernehmen zu können. Leider will auch dies nicht so recht gelingen. Seine Schwester und seine Mutter eröffnen ein Dollar-Restaurant für ausländische TouristInnen, in dem er zum Kellner degradiert wird. Auch beruflich bleibt ihm der Aufstieg verwehrt: Die herausragende fachliche Kompetenz seiner Vorgesetzten verurteilt den begabten Zahnarzt zu einer untergeordneten Funktion in der zahnmedizinischen Klinik.

Ein Held der Revolution zu sein…

Die Zügel des Lebens scheinen ihm vollends aus den Händen zu gleiten, als eine groteske Wendung des Schicksals ihn unverhofft einmal ins ersehnte Rampenlicht bringt. Die waghalsige Entführung der Fähre, mit der er eigentlich zur Arbeit fahren wollte, verschlägt ihn gegen seinen Willen nach Key West. Von Heimweh und innigster Liebe zu seiner Frau ergriffen, weigert sich Stalin Martínez als einziger Schiffbrüchiger, die USA um politisches Asyl zu bitten. Auch die Ermahnungen seines in Windeseile herangereisten Bruders Lenin, der sich aus Gründen der political correctness sowie aus Angst vor militanten AntikommunistInnen nun Leo nennt, bewirken keinen Umschwung in seinem Vorhaben, in die Heimat zurückzukehren. So wird er mit der nächsten Maschine nach Kuba zurücktransportiert, wo ihn unter dem wachsamen Auge des staatlichen Sicherheitsdienstes Radio- und FernsehreporterInnen in Empfang nehmen. Nur seine Familienangehörigen lassen sich auf dem Flughafen weit und breit nicht blicken: Niemand hat ihn wirklich für so dumm gehalten, nach Kuba zurückkehren zu wollen.

…ist eine zweifelhafte Ehre mit bitterem Nachgeschmack

So schaut keiner hin, als für Stalin Martínez endlich der Traum in Erfüllung geht, im Fernsehen und im Radio als Held gefeiert zu werden. Und da in seinem Leben alles, was er anpackt, schief gehen muss, findet er bei seiner Rückkehr schließlich auch noch einen fremden Mann in seinem Bett. Doch nicht einmal sein darauf folgender Wutanfall wird wirklich ernst genommen. Idalya, seine Frau, hatte einfach nicht damit gerechnet, ihn jemals wieder zu sehen, und hatte es deshalb nicht mehr für nötig befunden, ihre Seitensprünge zu verbergen.
Dass ein Heldendasein gerade in Kuba noch andere Schattenseiten hat, bekommt Stalin Martínez zu spüren, als der staatliche Sicherheitsdienst das Restaurant seiner Familie schließen lässt, weil es sich für einen Vorzeigekubaner wie ihn nicht geziemt, ein Lokal dieser Art zu führen. In der Familie ist er nun zwar endgültig als Versager abgestempelt, doch eröffnet sich ihm dank seines revolutionären Vorbildcharakters zum ersten Mal die Möglichkeit einer offiziellen Auslandreise: Martínez darf seine Chefin bei einem angesehenen internationalen Zahnmedizinkongress vertreten. Doch auch diesmal spielt ihm das Schicksal einen Streich, denn Martínez verfügt trotz aller fachlicher Qualifikation nicht über jene Fähigkeiten, die sich aus dem Referat ergeben, das seine Chefin für ihn vorbereitet hat. So muss Martínez nun, um die Reste seiner Ehre noch zu retten, Mexiko fluchtartig verlassen und sich auf Gedeih und Verderb seinem gehassten älteren Bruder in Miami ausliefern. Der mexikanische Fluchthelfer entpuppt sich dabei als ehemaliger „Kunde“ seiner Schwester Stalina, die für ein paar Dollar Touristen sexuell befriedigte, um das Restaurant finanziell zu unterstützen…

Die märchenhafte Retterin des müden Anti-Helden

Einziger Lichtblick für seine durch all diese Erlebnisse und Erfahrungen geschundene Seele ist die bildschöne, zärtliche und mitfühlende Miriam, von Beruf Delphintrainerin, die ihn gelegentlich auf der Dachterrasse besucht und verwöhnt. Mit ihr versucht er sich in bruchstückhaftem Englisch, über sein Leben in Kuba und die Gründe seiner Flucht zu unterhalten. Trotz der fehlenden gemeinsamen Sprache, scheinen sich die beiden ausgezeichnet zu verstehen. Dennoch bleibt unklar, inwieweit es sich bei der märchenhaften Miriam um einen realen Menschen handelt — und wie viel sein armes, von der Sonne versengtes Gehirn noch dazu erfindet.
Über das Leben in Kuba, vor dessen Kulisse sich der Roman abspielt, erfahren wir nur aus der Perspektive Martínez’, der sich nichts anderes vom Leben erhofft, als endlich die ihm zustehende Anerkennung zu finden. Politsche Ziele verfolgt er keine, und er strebt auch nicht nach teuren materiellen Gütern; ein besseres Fahrrad und ein funktionierender Ventilator würden eigentlich schon genügen, um ihn zufrieden zu stellen. Wir erfahren beispielsweise einiges über die Güterknappheit oder den ökonomischen Zwang, Touristen sexuelle Dienstleistungen anzubieten oder sie auszutricksen. Für Martínez sind diese Beschränkungen und Notwendigkeiten nur weitere Demütigungen, die er in seinem traurigen Schattendasein erleiden muss.

Die Dachterrasse als Fegefeuer

Die Tage auf der Terrasse in Miami führen bei ihm schließlich zu einer Art Läuterungsprozess. Durch die endlosen Tage hat er genügend Zeit, über sich und sein Leben nachzudenken und sich mit seinem Bruder auszusöhnen. Schließlich war Stalin Martínez unter den Ersten, die nach der Flucht seines Bruders, dessen Haus mit Eiern bewarfen, um an sozialem Prestige zu gewinnen. So verwandelt sich die Dachterrasse langsam zu einem reinigenden Fegefeuer, in dem im Protagonisten der Entschluss heranreift, sein Leben endlich selbst in die Hand zu nehmen und in Miami nochmal ganz von vorne anzufangen. Als er nach einer Woche völlig versengt und dehydriert von seinem Bruder wie vereinbart auf offener See ausgesetzt wird, muss er sich zum ersten Mal im Leben selbst behaupten und aus eigener Kraft ans Ufer zurückfinden. Ob ihm dies gelingt, bleibt bis zum Schluss offen, denn das Buch endet mit einer leeren Seite.

Eine spannende, tragikomische und hintergründige Lektüre

Das Buch liest sich sehr schnell, denn wer es einmal aufgeschlagen hat, legt es nicht mehr so rasch aus der Hand. Die humorvolle, reichhaltige und zuweilen recht unverblümte, mit sexuellen Anspielungen nicht geizende Sprache Díaz’ entlockt einem beim Lesen mehr als einmal ein Lachen. Nicht zuletzt lacht man über den tragikomischen, ungeschickten Protagonisten, für den man bald große Sympathie empfindet. Dem Übersetzer ist es sehr gut gelungen, die lebendige Sprache des Autors ins Deutsche zu übertragen. Der 1941 geborene Jesús Díaz gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen SchriftstellerInnen Kubas. Er lebt und schreibt heute in Madrid und ist Herausgeber der kubanischen Exilzeitschrift encuentro.

Jesús Díaz: Erzähl mir von Kuba.. Aus dem Spanischen von Klaus Laabs. Piper Verlag, München, 1998.
Titel der Originalausgabe: Díme algo sobre Cuba.

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