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Mine frisst Dorf und Land

Die Kohleproduktion in Kolumbien liegt komplett in den Händen von multinationalen Konzernen. So gehört Cerrejón, der mit 69.000 Hektar größte Tagebau Lateinamerikas, den Firmen Xtrata, BHP Billington und Anglo American. Aus Cesar exportieren hauptsächlich Drummond und Glencore. Der Rohstoff landet schließlich zum großen Teil bei den Energieversorgern RWE, E.ON, EnBW, STEAG und Vattenfall. Auf Einladung von FIAN (Food First Informations- und Aktions-Netzwerk) und Urgewald berichteten Óscar Guariyú und Petra Langheinrich in Deutschland über die hohen Kosten der deutschen Energie für Menschen und Umwelt in Kolumbien. Guariyú ist der Präsident von AACIWASUG, der Vereinigung der indigenen Wayúu-Räte aus dem Süden von Guajira, und Langheinrich arbeitet für das Anwaltskollektiv José Alvear Restrepo CAJAR.
Eines der gravierenden Probleme des Tagebaus Cerrejón in La Guajira ist die „unheimlich hohe Staubbelastung“ durch die täglichen Sprengungen, erklärt Langheinrich. Laut Guariyú seien allein im benachbarten indigenen Schutzgebiet Provincial zwischen 2000 und 2010 zehn Menschen wegen des Kohlestaubs an Erkrankungen der Atemwege gestorben. Hinzu kommt nach 30 Jahren Existenz von El Cerrejón die Zerstörung der Lebensgrundlage der Bevölkerung in dieser Region. „Vor der Ankunft des multinationalen Unternehmens haben wir gut gelebt“, berichtet Guariyú. „Wir lebten von der Fischerei, wir züchteten Tiere, jagten und betrieben Nahrungsmittelanbau. Wir mussten keine Not leiden“. Aber die Mine hat rund 60.000 Menschen vertrieben, ihre Abfälle haben das knappe Wasser der Wüste verschmutzt und ihr Staub hat Pflanzen ausgerottet. 64 Prozent der Provinzbevölkerung leben heute in Armut.
Die Mine hat Dörfer „gefressen“. Ganze Ortschaften sind unter den Baggern verschwunden, während ihre Einwohner gewaltsam vertrieben wurden. Die Erweiterungsprojekte brachten das Fass zum Überlaufen. Die Umleitung des Flusses Ranchería auf einer Länge von 25 Kilometern, um die darunter liegende Kohle abzubauen, rief die Bevölkerung von La Guajira auf den Plan. Den illegalen Versuchen der Firma, die Zustimmung der Wayúus mit Geschenken zu erkaufen, traten die Indigenen mit dem selbstorganisierten AACIWASUG entgegen. „Wir sind jetzt alle vereint und entschlossen, die Umleitung des Flusses bis zur letzten Konsequenz zu verhindern“, versichert Guariyú. Cerrejón hat zwar das Projekt eingestellt, aber „es geht ja um den Abbau von 500 Millionen Tonnen Kohle; die Firma wird dies mit Sicherheit nicht aus den Augen verlieren“, fügt der indigene Anführer hinzu.
Gerade das sei der Grund, vermutet Gurariyú, weshalb im letzten Monat die Militarisierung um Provincial herum zugenommen hat. Das Unternehmen und das Militär beschuldigen die Gemeinde, Kämpfer_innen der FARC-Guerilla bei sich zu beherbergen. „Aus den Hubschraubern leuchten sie uns in der Nacht mit leistungsstarken Lampen an. Sie bewachen uns ständig. Auch tagsüber. So will das Unternehmen Druck auf uns ausüben“, klagt der Präsident von AACIWASUG. Er befürchtet, die Einschüchterungsversuche könnten sich noch verschlimmern. „Sie wollen, dass wir wegziehen. Aber das werden wir nicht tun“.
Die Sorgen der Gemeinde Provincial sind nicht unbegründet. Menschen und Organisationen, die den Bergbauunternehmen in die Quere kommen, werden oft von Paramilitärs angegriffen. Nach einem Streik der Gewerkschaft von Cerrejón Sintracarbón wurde Anfang April ein Attentat auf eines ihrer Mitglieder verübt und im Monat davor wurde neben dem Gebäude der Gewerkschaft der Drummond Sintramienergética in der Provinz Cesar eine Bombe gelegt, so Langheinrich. Zeitgleich erklärten die Paramilitärs „Los Rastrojos“, dass das Anwaltskollektiv CAJAR sowie beide Steinkohlegewerkschaften neben einer langen Reihe von Aktivist_innen und sozialen Organisationen nun militärische Ziele seien. Sie würden „an irgendeinem Ort Kolumbiens sterben“, kündigt das Komuniquée der rechten Gruppe an. Dass solche Drohungen gerade bei Arbeiter_innen der Drummond nicht einfach ignoriert werden können, zeigt der Mord an den Gewerkschaftern der Sintramienergética Valmore Locarno, Victor Hugo Orcasita und Gustavo Soler im Jahr 2001.
Laut Langheinrich hat die Untätigkeit der kolumbianischen Regierung gegenüber den Konzernen mit dem als „Drehtür“ bezeichneten Phänomen zu tun. „Die Politiker wechseln als Führungskräfte zu den Multis und auch umgekehrt“. Beim Bergbausektor erfolge das systematisch. Solche Wechsel seien auch im internationalen Bereich zu beobachten. Zum Beispiel gehört die Ex-Direktorin der Abteilung für „soziale Standards“ von Cerrejón ironischerweise zur UNO-Arbeitsgruppe für „Menschenrechte und internationale Unternehmen.“
Aber auch die deutsche Politik schaut nur zu, obwohl Kolumbien nach dem Stand von 2011 der größte Kohlelieferant Deutschlands geworden ist. Trotz der „Energiewende wollen Bundesregierung und Energieversorger in den kommenden Jahren die Energieerzeugung durch Steinkohle massiv ausbauen“, bemerken die Nichtregierungsorganisationen (NRO) FIAN und Urgewald in ihrem Dossier Bitter Coal. Deshalb ist ein Schreiben von RWE vom Februar nicht verwunderlich, in dem die Firma äußert, sie „sehe derzeit keinen Grund, die Vertragsbeziehungen mit Drummond auszusetzen“. Dabei kontrollieren die Kommunen an Rhein und Ruhr circa ein Viertel der RWE-Anteile, so die Recherchen der NRO. Kurz vor der erwähnten Mitteilung hatte ein kolumbianisches Gericht einen Subunternehmer der Drummond zu 38 Jahre Freiheitsentzug verurteilt und Ermittlungen gegen Führungskräfte der Firma, einschließlich dem CEO (geschäftsführende Vorstandsmitglied) Gary Drummond, angeordnet.
Laut jüngsten Bekundungen von RWE soll die Firma die vertraglichen Beziehungen zu Drummond zunächst bis Ende April eingestellt haben, bis die Rechtslage der Drummond klarer wird. Die Situation der Wayúus hingegen scheint kein Grund für eine mögliche Beendigung des Vertrags mit Cerrejón zu sein. Das ist der Eindruck von Langheinrich, nachdem sie und Guariyú der Aktionärsversammlung des Stromproduzenten beigewohnt haben. Doch auch E.ON, EnBW, Vattenfall oder STEAG weichen in der Praxis der sozialen Verantwortung aus, über die sie in ihren Firmenpräsentationen gerne reden. „Generell spricht man hier in Deutschland viel über grüne und ökologische Produkte, aber wenn es um die Vertreibung von Indigenen oder gravierende Umweltschäden weit weg geht, dann wird weggeschaut“, klagt Lang­heinrich. „Und das nur, damit hier in einem Industrieland alles perfekt am Laufen bleibt.“

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